Region Limmattal

Kinder mussten Kot und Erbrochenes essen – Eltern beschuldigen sich gegenseitig

Vor Bezirksgericht Zürich begann gestern Mittwoch ein Prozess wegen Kindsmisshandlung.

Vor Bezirksgericht Zürich begann gestern Mittwoch ein Prozess wegen Kindsmisshandlung.

Ein Mann und eine Frau sollen über Jahre hinweg ihre Kinder gequält haben. Beide behaupten, unschuldig zu sein.

Die Grossfamilie im Reiheneinfamilienhaus wirkte normal. Nachbarn fiel lediglich auf, dass zwei der sieben Kinder nur selten draussen spielten. Wenn man sie sah, waren sie dünn und bleich. Auch in der Schule fielen diese zwei auf. Sie wirkten verwahrlost, hatten blaue Flecken und ständig Hunger. Es folgten Gefährdungsmeldungen, sogar die Behörden schalteten sich ein. Doch die Eltern wehrten sich erfolgreich gegen eine Einmischung. «Niemand konnte sich das Grauen vorstellen, das hinter verschlossenen Türen geschah», sagte die Staatsanwältin gestern vor dem Zürcher Bezirksgericht. Während Jahren hätten die Eltern ihre Kinder systematisch misshandelt, eingesperrt und erniedrigt. Mutter und Vater, beide bald 50-jährig, sind unterdessen geschieden und seit zwei Jahren in Untersuchungshaft. Vor Gericht beschuldigten sie sich gegenseitig.

«Die Kinder sind das Opfer ihrer Mutter», sagte der kosovostämmige Schweizer. Für ihn seien Kinder das Schönste der Welt. Er habe mehrere Jobs gleichzeitig gehabt, um seine Familie zu ernähren. Da er selten zuhause war, habe er nicht mitbekommen, wie seine Ex-Frau mit den Kindern umging. Er werde sich nie verzeihen, dass er das Leid seiner Kinder nicht bemerkt habe.

Die Mutter, eine Schweizerin, nennt ihren Ex-Mann einen «Teufel». Er sei allein verantwortlich für die Gräueltaten, die ihnen vorgeworfen werden. Er habe zwei der Kinder am härtesten angepackt, weil diese ihm nicht gehorchten. Sie habe ihre Kinder nie angerührt. Aus Angst, ihr Ex-Mann würde ihr Gewalt antun, habe sie nichts getan. Er habe alle tyrannisiert.

Kinder wurden im Keller eingesperrt

Die Staatsanwältin hält beide Eltern für verantwortlich, weil sie die Taten entweder ausführten oder tolerierten. Seit der Bub vier und das Mädchen fünf Jahre alt waren, wurden diese zwei Kinder regelmässig mit Gürteln oder Bambusstecken geschlagen. Essen gab es zuhause «selten», wie die Staatsanwältin sagte: «Die Kinder wurden systematisch ausgehungert.» Ärztliche Untersuchungen zeigten bei beiden Kindern eine verzögerte Entwicklung. Der Sohn wog laut Anklageschrift mit neun Jahren lediglich 18,5 Kilogramm, seine ein Jahr ältere Schwester 21,8 Kilo.

Während vier Jahren sollen die Eltern die Kinder fast jede Nacht und manchmal am Wochenende zuerst im Zimmer und später im Keller eingesperrt haben. Dort verrichteten sie ihre Notdurft auf dem Boden. Beide wurden gezwungen, ihren Kot zu essen, das Mädchen sogar ihr Erbrochenes. Um zu verhindern, dass die Kinder auf den Boden machten, trugen sie Windeln. Füllten sie diese, mussten sie sich auf den Kopf setzen und gegen die Wand stehen. Die Mutter soll ihren Sohn und ihre Tochter gegenüber einer Lehrerin «verdammte Arschlochkinder» genannt haben.

Die Staatsanwältin sprach von «menschenverachtenden Erziehungsmethoden» und «Terrorregime». Der Anwalt des Sohnes nannte es «Folter». Nach knapp acht Jahren kamen die zwei Kinder ins Heim. Weil die Mutter sie nicht mehr ertragen habe, wendete sie sich an eine Sozialarbeiterin, sagte der Anwalt. Laut Staatsanwältin konnten die Kinder damals kaum sprechen und zeigten ein gestörtes Sozialverhalten, weil sie nicht mit anderen Kindern spielen durften. Die Kinder machten laut Staatsanwältin im Heim mit Psychotherapie schnell Fortschritte. Sämtliche Defizite liessen sich aber nicht wettmachen. Als Erwachsene bezogen beide IV-Renten.

Die Heimeinweisung liegt rund eine Dekade zurück. Ans Licht kamen die Zustände wegen einer anderen Straftat. Der Vater wird beschuldigt, auch einen jüngeren Sohn geschlagen zu haben. Ein weiteres Mädchen, seine «ruhigste und unauffälligste Tochter», wie ihr Anwalt sagte, sei im Alter von sieben bis zwölf Jahren in hoher Intensität vom Vater sexuell missbraucht worden. Als sie ihre Lehre wegen Panikattacken abbrechen musste, wagte sie es, Anzeige einzureichen und brachte den Stein ins Rollen.

15 Jahre Freiheitsstrafe gefordert

Auch die Tochter, die die Mutter in die Ehe gebracht hatte, beschuldigt ihren Stiefvater. Er soll sie sexuell genötigt haben. Sie war als einziges der Kinder vor Gericht anwesend. Die Mutter wiederum wirft ihrem Ex-Mann vor, er habe sie gewürgt, bis sie ohnmächtig wurde. Gegen die Vorwürfe der beiden Frauen wehrt sich der Mann.

Die Staatsanwältin hält die Aussagen der Kinder für glaubwürdig. Es sei aber eine Schutzbehauptung, dass der Vater nichts mitbekommen habe. Es müsse im Haus ständig gestunken haben. Auch müsse er gemerkt haben, dass zwei Kinder untergewichtig waren. Weil die Vergehen äusserst schwer wiegten, fordert die Staatsanwältin 15 Jahre Gefängnis für den Vater und 13 Jahre für die Mutter. Der Prozess wird am 2. September fortgesetzt. Dann kommen die Verteidiger der Eltern zu Wort.

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