Radikalisierung
Kantonspolizei Zürich schafft neue Interventionsstelle gegen Terror

Die Kantonspolizei intensiviert den Kampf gegen Extremismus und baut eine neue Abteilung auf. Zwölf Personen halten die Polizei zurzeit besonders stark auf Trab.

Michel Wenzler
Drucken
Teilen
Regierungsrat Mario Fehr, Thomas Würgler, Kommandant der Kantonspolizei, und Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Kantonspolizei, präsentieren die neue Interventionsstelle.

Regierungsrat Mario Fehr, Thomas Würgler, Kommandant der Kantonspolizei, und Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Kantonspolizei, präsentieren die neue Interventionsstelle.

KEYSTONE

Manchmal besteht ihre Arbeit auch nur darin, einen türkischen Tee zu trinken und zuzuhören. Claudia Brandenberg, im Bezirk Meilen stationierte Kantonspolizistin, arbeitet nebenamtlich als sogenannte Brückenbauerin. Sie besucht ausländische Organisationen wie Moscheen und Kulturvereine, aber auch Freizeitvereine oder Einrichtungen wie das Zentrum für minderjährige Asylsuchende in Zollikon. Sie baut so Kontakte und Vertrauen auf, hört sich die Sorgen der Leute an und platziert wiederum ihre Anliegen. «Die Verantwortlichen in den Vereinen sind froh, dass sie eine direkte Ansprechperson bei der Polizei haben», sagt sie.

Als eine von 14 Brückenbauerinnen im Kanton ist Brandenberg Teil eines feinmaschigen Netzes aus Präventionsmassnahmen, die Gewalt, Radikalisierung und Terror vorbeugen sollen. Die Funktion des Brückenbauers ist dabei besonders niederschwellig. Er soll einen unkomplizierten Kontakt zwischen gewissen Bevölkerungskreisen und der Polizei ermöglichen – nicht zuletzt deshalb, damit potenziell gewaltbereite Personen frühzeitig erkannt werden können. «Gewalt und Terror beginnen oft mit Kleinkriminalität», sagte der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) gestern an einer Medienkonferenz. «Deshalb müssen wir ihr mehr Beachtung schenken.»

Prävention stark ausgebaut

Damit allein ist es natürlich nicht getan: Diese Woche hat der Bund für die Behörden einen nationalen Aktionsplan im Kampf gegen Extremismus vorgestellt. 26 präventive Massnahmen, die auf kantonaler und kommunaler Ebene umgesetzt werden, sind vorgesehen.

Der Kanton Zürich hat gemäss Fehr bereits vieles realisiert, das Vorbildcharakter habe. Die Brückenbauer etwa gibt es seit 2008. Die Präventionsabteilung der Kantonspolizei ist seit 2011 von 39 auf 69 Vollzeitstellen gewachsen. Hochgezogen wurde zudem ein kantonales Bedrohungsmanagement mit einem Kontaktnetz von 400 Personen. Dabei handelt es sich um Ansprechpersonen in Behörden und Institutionen – etwa bei Opferhilfe- und Beratungsstellen, Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden, Schulen, Stadt- und Gemeindeverwaltungen. An diese können sich beispielsweise Lehrer wenden, die auffällige Beobachtungen bei Jugendlichen gemacht haben.

Per 1. März 2018 schafft die Kantonspolizei zudem eine neue Interventionsstelle gegen Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus. Sie wird sich auf die Entwicklung von Projekten, Beratung und Intervention konzentrieren. Ziel ist es, Warnzeichen für eine allfällige Radikalisierung frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig einzugreifen.

Dschihad-Reisende im Fokus

Eine spezielle Stellung haben die 16 Gefährderansprecher, die bereits im Einsatz sind. Wie die Brückenbauer sind sie nebenamtlich tätig. Sie nehmen mit Personen Kontakt auf, bei denen es konkrete Anzeichen für eine mögliche Gewalteskalation gibt, und reden mit ihnen. «Das ist ein sehr wirkungsvolles Instrument», sagte Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Kantonspolizei. Im ersten Moment seien die Personen zwar etwas perplex. «Neun von zehn sind aber erleichtert, dass ihnen jemand zuhört.»

2016 wurden 400 solche Gespräche geführt. Gewisse Personen wurden dabei mehrmals kontaktiert. Allerdings ist niemand verpflichtet, sich mit einem Gefährderansprecher einzulassen. «Es beruht auf Freiwilligkeit», sagte Brunner. «Wenn jemand nicht mitmacht, wird es schwierig.» Die Polizei hat jedoch weitere Möglichkeiten. Sie kann etwa präventiv allfällige Waffen einziehen.

Gemäss Thomas Würgler, Kommandant der Kantonspolizei, werden überdies gegenwärtig zwölf besonders auffällige Personen im Kanton eng begleitet. Beispielsweise können ihre Schriften gesperrt werden, was ihnen die Ausreise verunmöglicht – etwa in den Dschihad. Sie müssen sich regelmässig bei der Polizei melden und dieser bei Bedarf auch Einlass in ihre Wohnung sowie Zugang zu ihrem Mobiltelefon gewähren. «Diese Arbeit», sagte Würgler, «ist sehr personalintensiv.»

Aktuelle Nachrichten