Rheinau
Jeden Monat Geld für alle: Rheinau will das Grundeinkommen testen

Eine Filmemacherin will mit einem bedingungslosen Grundeinkommen für Einwohner in Rheinau herausfinden, wie sich das Dorf verändert. Werden sie ihre neue Freiheit nutzen?

Rafael Rohner
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Rheinau im Bezirk Andelfingen ist bekannt für seine Klosterinsel. Nun soll sich die Gemeinde innovativ zeigen.

Rheinau im Bezirk Andelfingen ist bekannt für seine Klosterinsel. Nun soll sich die Gemeinde innovativ zeigen.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Wer heute in Rheinau wohnt, hat vielleicht bald eine Sorge weniger. Denn ein Jahr lang soll hier niemand mehr befürchten, zu wenig Geld zu verdienen, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Jeweils Anfang Monat soll es sein wie an Weihnachten oder am Geburtstag: Das Geld kommt ganz automatisch und einfach so.

Alle, die älter sind als 25 Jahre, erhalten 2500 Franken. Bei jungen Erwachsenen sind es noch 1875 Franken und bei Jugendlichen 1250 Franken. Selbst Kinder werden mit 625 Franken unterstützt.

Die einzige Bedingung, um von diesem Geldsegen zu profitieren, ist, dass die Rheinauer an einem gesellschaftspolitischen Experiment der Wettinger Filmemacherin Rebecca Panian teilnehmen.

«Rheinau ist perfekt», sagt die Wettingerin Rebecca Panian.

«Rheinau ist perfekt», sagt die Wettingerin Rebecca Panian.

Limmattaler Zeitung

Sie will mit diesem Versuch herausfinden, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren kann. Und vor allem, wie es sich auf die Menschen innerhalb einer festen Gemeinschaft auswirkt. «Wie gehen sie mit der neuen Freiheit um? Werden wirklich alle faul wie befürchtet?», fragt sie in einer Mitteilung rhetorisch. Ein Team will das Projekt wissenschaftlich begleiten und auswerten. Mit dabei sind der Ökonom Jens Martignoni, der Grundeinkommen-Experte Ralph Moser und Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW. Zudem wird der Versuch von Rebecca Panian begleitet. Die Regisseurin will darüber einen Film drehen.

Das halbe Dorf ist nötig

Eine Abstimmung ist in Rheinau für das Experiment nicht nötig, die Teilnahme ist freiwillig. Damit es starten kann, müsste sich allerdings rund die Hälfte der 1300 Einwohner anmelden.

Nicht alle Teilnehmenden würden gleichermassen vom Experiment profitieren. Denn das Anfang Monat ausbezahlte Grundeinkommen kann gemäss Mitteilung nur ganz für sich behalten, wer keinen eigenen Verdienst erzielt. Falls durch Lohn, AHV oder Sozialleistungen Geld hereinkommt, müssen die Betroffenen diese Einnahmen maximal bis zur Höhe des ausbezahlten Grundeinkommens wieder zurückerstatten. Das heisst: Erzielt eine Person mehr Einnahmen, als sie durch das Grundeinkommen erhalten hat, überweist sie den gesamten Betrag des Grundeinkommens zurück.

Für die meisten Erwerbstätigen dürfte sich finanziell also auch mit dem Grundeinkommen nichts ändern. Neu wäre aber, dass alle Personen in Rheinau, die älter sind als 25 Jahre, pro Monat mindestens 2500 Franken zur Verfügung haben.

Finanzierung noch offen

Das Experiment geht damit weniger weit als die klar abgelehnte Volksinitiative 2016 für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn die Steuern und Sozialleistungen bleiben unangetastet. Verantwortlich für die Umsetzung ist auch nicht der Staat, sondern ein privater Verein, der von den Initianten dafür gegründet wurde.

Was die Finanzierung des Versuchs angeht, scheint das Kernteam unbesorgt. Immerhin hätten über 500 000 Menschen in der Schweiz Ja gesagt zum Grundeinkommen, lässt sich Rebecca Panian in einer Mitteilung zitieren. «Wenn jeder davon 20 Franken spenden würde, kämen zehn Millionen Franken zusammen, also mehr als genug für das Experiment.» Der Fokus des Projekts werde zudem bewusst nicht auf den Finanzen liegen. Es sei bereits hinreichend belegt, dass eine Finanzierung möglich sei.

Eine Chance für Rheinau

Beim Gemeinderat in Rheinau ist das Kernteam auf offene Ohren gestossen. «Das ist ein spannendes Projekt, das wir gerne unterstützen», sagt Gemeindepräsident Andreas Jenni. Er sieht darin eine Möglichkeit, allgemein spürbarer Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. «Politik kann so eins zu eins erlebt werden und bleibt nicht auf einer abstrakten Ebene. Jeder kann Teil einer Entwicklung werden.»

Der Gemeinderat sei gegenüber der Idee eines Grundeinkommens, wie es die Volksinitiative 2016 forderte, zwar sehr skeptisch, sagt Jenni weiter. «Denn bei einem Ja hätte es einen grossen Umbruch gegeben.» Das Experiment sei aber etwas anderes, da bestehende Institutionen nicht tangiert würden. Für die Gemeinde bestünden keine finanzielle Risiken. Im Gegenteil: «Der Versuch wird verschiedene Impulse auslösen und Rheinau auf der Liste der innovativen Gemeinden wieder ganz weit nach oben tragen.» Der Gemeindepräsident nennt ein Beispiel, das zeige, dass nicht nur direkt Betroffene profitieren. Ein Student könne sich mit dem Grundeinkommen auf das Studium konzentrieren und müsse keine Nebenjobs suchen. Dadurch werde er rascher fertig und könne als Fachkraft arbeiten. So werde auch sein Platz früher frei.

Nachgefragt: «Das alles ist ein grosses Abenteuer»

Initiantin Rebecca Panian erklärt, weshalb es in Rheinau und auch an anderen Orten ein bedingungsloses Grundeinkommen braucht.

Weshalb haben Sie sich für das Grundeinkommen-Experiment ausgerechnet die Weinländer Gemeinde Rheinau ausgesucht?

Rebecca Panian: Wir waren auf der Suche nach einer Art Miniaturschweiz. Rheinau ist da perfekt, es ist alles vorhanden: Restaurants, ein Dorfladen, eine Schule. Die Durchmischung in der Gemeinde ist ideal.

Das gibt es auch anderswo.

In Rheinau hat sich mit Karin Eigenheer eine Gemeinderätin bei uns beworben, das hat geholfen. Denn es ist uns sehr wichtig, dass das Projekt von der Gemeinde und von der Bevölkerung getragen wird. Wir wollen niemanden zu etwas zwingen. Die Auswahl eines Dorfs war aber schwierig. Es haben sich über hundert Personen bei uns gemeldet und ihre Gemeinden angepriesen. Ich wusste gar nicht, dass es in der Schweiz so viele innovative Dörfer gibt.

Die Hälfte der 1300 Einwohner in Rheinau müssen am Experiment teilnehmen, damit es durchgeführt wird. Weshalb braucht es so viele?

Wir wollen sehen, wie sich das bedingungslose Grundeinkommen auf eine Gemeinschaft auswirkt, das geht nur, wenn sich eine Mehrheit beteiligt. Ob sich genug anmelden werden, kann ich nicht sagen. Das alles ist ein grosses Abenteuer.

Wie wird das Projekt in Rheinau ankommen?

Ich hoffe, es fliegen keine Eier auf uns und die Bevölkerung reagiert ähnlich offen wie der Gemeinderat. Auf kritische Inputs der Bevölkerung sind wir jedoch angewiesen, um das Experiment gemeinsam zu reissen. Wir hoffen auf eine breite öffentliche Debatte. Denn noch ist nicht alles im Detail festgelegt. Mit dem Gemeinderat haben wir zum Beispiel diskutiert, wie hoch die Beiträge für junge Erwachsene sein könnten.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich vor allem Menschen anmelden werden, die vom Grundeinkommen profitieren. Also jene Rheinauer, die weniger verdienen als 2500 Franken monatlich. Wer mehr verdient, muss das erhaltene Grundeinkommen ja Ende Monat zurückgeben.

Das kann sein. Wir hoffen aber, dass sich auch viele anmelden, die selber nicht direkt profitieren. Ohne Solidarität geht es nicht. Nur so kann sich das Experiment positiv auf die dörfliche Gemeinschaft auswirken.

Weshalb braucht es in Rheinau oder anderswo ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Es gibt viele Fakten, die gegen unser heutiges System sprechen. Das sieht man jeden Tag. Immer weniger Arbeitstätige müssen immer mehr Pensionierte finanzieren. Zukunftsforscher sagen zudem voraus, dass es aufgrund der Automatisierung weniger Jobs geben wird. Die Folgen davon sind einbrechende Konsumausgaben und eine höhere Arbeitslosigkeit. Dadurch fallen im heutigen System viele Menschen durchs Netz. Wollen wir das? Damit werden auch mehr Leute depressiv. Ich habe selber erfahren, dass man als Arbeitslose in der Schweiz nicht viel wert ist. Das Grundeinkommen könnte auf diese Entwicklung eine mögliche Antwort sein. Unser Experiment gibt vielleicht Hinweise darauf, ob es funktionieren kann.

Wer finanziert das Grundeinkommen in Rheinau?

Wir planen einen ähnlichen Aufruf wie das Internetmagazin «Republik». Interessierte können bei uns Dorfpaten werden und so die Gemeinschaft unterstützen und das Experiment überhaupt Realität werden lassen. Wir können ein weiteres wichtiges Zeichen setzen im Diskurs rund um eine neue mögliche Zukunft.

Wann beginnen Sie mit den Dreharbeiten für Ihren Film über das
Experiment?

Glücklicherweise konnten wir bereits die ersten Gespräche mit dem Rheinauer Gemeinderat filmen und auch sonst einige wichtige Momente einfangen. Wie es weitergeht, wird sich weisen. Wir wollen mit der Kamera im Dorf sicher niemanden überfallen. Auch das ist völlig freiwillig.

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