Die bekannte Illustration der Evolution, die vom Schimpansen auf allen vieren zum aufrechtgehenden Homo sapiens führt, ist falsch. Man dürfe sich die Evolution nicht als linearen Prozess vorstellen, sondern als Baum, sagt Marcelo Sánchez, Professor der Paläontologie an der Universität Zürich. Dieses «Baumdenken» ist Thema der neuen Sonderausstellung im Zoologischen Museum «Das Krokodil im Baum».

Der Mensch stammt also nicht vom Schimpansen ab, sondern hat mit diesem einen Vorfahren gemeinsam. Alle Organismen sind Verästelungen im Baum des Lebens, der in der Ausstellung 183 Arten aufzeigt. Die Mehrheit der Lebewesen gibt es heute nicht mehr, denn viele Äste sind Sackgassen. Die Forscher gehen davon aus, dass 99 Prozent der entstandenen Arten ausgestorben sind.

Das Tessiner Urkrokodil

«Ein Erfolgsmodell ist das Krokodil», sagt Torsten Scheyer, Privatdozent am Paläontologischen Institut. Der Ast der Krokodilarten zweigte bereits vor 250 Millionen Jahren ab vom Schwesternzweig, woraus Dinosaurier und schliesslich Vögel entstanden sind. Ein früher Zweig des Krokodil-Astes ist der Ticinosuchus. Dieser heisst so, weil das Fossil am Monte San Giorgio im Tessin gefunden wurde. Das hochbeinige Tier lebte vor 242 Millionen Jahren und war 2,5 Meter lang. «Der Räuber bewegte sich wie ein Fuchs», erklärt Torsten Scheyer.

Das Fossil des Tessiner Urkrokodils, das einem Dinosaurier gleicht, ist in der regulären Sammlung zu sehen. In der Ausstellung gibt es eine lebensgrosse Rekonstruktion. Allerdings steht in Zürich eine Kopie des Modells, das die Tessiner nicht hergeben wollten. So liess die Universität einen 3-D-Druck herstellen. Deswegen darf der Zürcher Ticinosuchus gestreichelt werden.

Auch die anderen Krokodilknochen und Fossilien sind Abgüsse oder 3-D-Kopien. So kann man auf zwei Tischen etwa Rückenwirbel und Schädel der heutigen Arten – des australischen Krokodils, des Mississippi-Alligators und des indischen Gangesgavials – mit den historischen Arten vergleichen. Beeindruckend ist der 1,6 Meter lange Schädel des Sarcosuchus, der grössten Krokodilart, die je gelebt hat. Das acht Tonnen schwere Riesentier frass vor 100 Millionen Jahren sogar grössere Dinosaurier.

Nach Zürchern benannt

Im Diorama im mittleren Teil der Ausstellung betritt man eine Szene im Sumpf des venezolanischen Urumaco vor 5 Millionen Jahren. Es sind Laute der Urtiere zu hören, die auf einem Panoramabild dargestellt sind. Im Vordergrund wurden die Köpfe von vier von sieben Krokodilarten nachgebildet, die damals in Urumaco lebten. Diese entsprechen aktuellen Forschungsergebnissen der Universität Zürich. Die kleinste Art wurde sogar von Zürcher Paläontologen benannt: Der Globidentosuchus zeichnete sich durch rundliche Backenzähne aus, mit denen er Muscheln zermahlte. Mit zwölf Metern Körperlänge ist der Purussaurus der Grösste. Er hatte im Sumpf – der heute eine Wüste ist – keine natürlichen Feinde.

Am Ende der Ausstellung gelangt man an den äussersten Zipfel des Krokodil-Astes. Ein Dokumentarfilm bringt den Besuchern das Leben der Nilkrokodile näher. Eine der 23 Arten, die bis heute überlebt haben.

Die Ausstellung dauert vom 29. September bis 31. Januar. www.zm.uzh.ch