Sekte

«Ich war nicht mehr ich selber» – ein Zeuge Jehovas erzählt von seinem Ausstieg

Christian Rossi kam als Teenager zu den Zeugen Jehovas. Mit 24 stieg er aus. Doch losgelassen hat ihn die Gemeinschaft noch nicht.

Weihnachten ist eine spezielle Zeit für ehemalige Zeugen Jehovas. Denn die Gemeinschaft feiert weder Weihnachten noch Geburtstage, Ostern oder den 1. August – denn dies alles sei heidnischen oder weltlichen Ursprungs. Christian Rossi wird dieses Jahr wieder bewusst gegen diese Regel verstossen, zusammen mit anderen ehemaligen Zeugen, die er regelmässig trifft in der von ihm ins Leben gerufenen Selbsthilfegruppe (siehe Box am Ende). «Das ist Teil des Heilungsprozesses», sagt der 46-Jährige, der vor 22 Jahren aus der Sekte ausgestiegen ist. Dies ist seine Geschichte:

«Meine Eltern waren nie bei den Zeugen Jehovas. Aber sie kannten viele Mitglieder, die öfter bei uns zu Hause zu Besuch waren. Die Zeugen missionierten stark unter den italienischen Migranten in der Schweiz. Als Jugendlicher erlebte ich eine persönliche Krise und bekam eine schwere Depression. Hilfe gesucht habe ich bei den Zeugen Jehovas – der einzigen Religion, die ich damals kannte. Sie gaben mir eine Antwort auf meine Lebensfragen.

Ich begann, mich zu engagieren, und nahm sie sehr ernst, diese ‹einzig wahre› Religion. Mit 18 Jahren liess ich mich taufen. In der Schule wurde ich zum Einzelgänger und Streber. Ich machte immer meine Hausaufgaben, schrieb nie ab, ging nie auf Partys und machte nirgends mit. Auch an den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas wollte ich ein Vorbild sein.

Masturbation etwa gilt bei den Zeugen als schlechte Angewohnheit, aber dennoch tun es die meisten. Alles andere ist ja verboten. Aber für mich war Selbstbefriedigung ein Fremdwort. Sogar andere Jugendliche schauten mich komisch an, als ich bei einer Zusammenkunft einen Vortrag zum Thema hielt. Ich war eher mit Erwachsenen zusammen, die mich bewunderten. Ich war so aktiv, so jung und alleine, ohne meine Familie.

Die Eltern sind des Teufels

Von meinen Eltern entfremdete ich mich immer mehr. Diese versuchten, mir die Schwächen der Gemeinschaft aufzuzeigen. Für mich stand dahinter aber der Teufel, der mich vom rechten Weg abbringen wollte. Richtig Sorgen machten sich meine Eltern, als ich statt einem Studium an der Universität Vollzeitmissionar werden wollte. Alles drehte sich nur noch darum. Alles andere war unwichtig. Etwa mein Traum, Schauspieler zu werden. Ich war nicht mehr ich selber.

Die Regeln der Zeugen Jehovas gaben mir Halt, der vorgegebene Wochenrhythmus aus Zusammenkünften und Missionstätigkeit eine Struktur und die Aufgabe einen Sinn. Schliesslich nahte das Weltende, und wir mussten die Menschen davor warnen.

Als ich 22 Jahre alt war, kehrte die Depression zurück, und damit kamen die Zweifel. Als Zeuge ist man angehalten, noch mehr zu tun, mehr zu missionieren, besser zu leben. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen und dachte, ich sei nicht gut genug. Zudem droht auch den Zeugen ständig der Weltuntergang. Nur wer ein guter Zeuge Jehovas ist, wird verschont.

Innerhalb der Gemeinschaft darf man nicht über Zweifel sprechen. Das ist bereits Abtrünnigkeit und schwächt die anderen Mitglieder. Deshalb habe ich mich zurückgezogen. Ich dachte, ich habe einen schlechten Einfluss und bin keine gute Gesellschaft. Ich ging nicht mehr an die Zusammenkünfte. Darauf meldete sich niemand bei mir oder fragte nach mir. Die ‹Liebe› unter den Zeugen ist bedingt. Auch Freundschaften sind nur so lange möglich, wie man sich an die Regeln hält. Nur die Ältesten kümmerten sich noch, aber das ist ihre Pflicht. Bald dachte ich, es wäre egal, ob ich bleibe oder gehe.

Dennoch habe ich immer noch an die Lehren der Gemeinschaft geglaubt. Ich sagte mir: Ich gehe ein Jahr raus, dann sehe ich, wie schlecht die Welt da draussen ist, und komme wieder zurück. Das ist nie geschehen. Aus den Zweifeln wurde Gewissheit. Ich habe mich aufgeklärt, indem ich viel gelesen und gelernt habe. Etwa das Buch eines ehemaligen Mitglieds der leitenden Körperschaft, dem höchsten Organ der Zeugen Jehovas. Für mich waren sie wie Götter. Sie haben einen direkten Draht zu Gott, machen die Gesetze, was sie sagen, gilt.

Als ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, dass ich nicht mehr zurückkonnte. Ich war eine Zeit lang sehr einsam. Ich hatte mein ganzes soziales Umfeld verloren. Glücklicherweise hatte ich noch meine Familie. Mit der Zeit konnte ich mir einen neuen Freundeskreis aufbauen. Aber einzelne Personen, die ich gern hatte, vermisste ich schon.

Der Ausstieg wird einem sehr schwer gemacht. Die Zeugen Jehovas ächten die Abtrünnigen. Wir sind das Übelste vom Üblen. Ich bin wohl der Abtrünnige Nummer eins in der Schweiz, weil ich meine Geschichte auch schon in einer SRF-Sendung erzählt habe. Die Zeugen haben Angst, dass Abtrünnige andere beeinflussen könnten. Denn für sie ist es extrem wichtig, dass sich alle an die Regeln halten. Das ist wie eine Diktatur.

Nach meinem Ausstieg habe ich bewusst Religionswissenschaft, Bibelwissenschaften und Psychologie studiert. Ich merkte langsam, dass man die Bibel auch lesen kann ohne die Hilfsmittel, die die leitende Körperschaft zur Verfügung stellt. ­Danach begann ich als freier Mitarbeiter für die Sektenberatungsstelle Infosekta zu arbeiten. Heute schreibe ich an der Universität Zürich meine Doktorarbeit über das Kontaktverbot mit Aussteigern bei den Zeugen Jehovas.

Würde alles anders machen

22 Jahre nach meinem Ausstieg habe ich zwar Distanz geschaffen zwischen den Zeugen und mir. Aber ganz los davon komme ich wohl trotzdem nie. Noch heute merke ich, dass ich gelegentlich wie ein Zeuge ticke. Etwa wenn ich Menschen und Dinge in gut oder schlecht unterteile. Ich musste erst lernen, dass es auch Zwischentöne gibt und nicht auf jede Frage eine Antwort.

Heute gehöre ich keiner religiösen Gemeinschaft an. Ich interessiere mich aber für Hinduismus und glaube an die Wiedergeburt. Könnte ich nochmals von vorne anfangen, würde ich alles anders machen. Vielleicht wäre ich ein berühmter Schauspieler in Hollywood. Jetzt gehört diese Erfahrung zu meinem Leben. Ich versuche, das Beste daraus zu machen, indem ich anderen helfe und mich nicht als Opfer sehe.»

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