Der Mann wird als politisches Ausnahmetalent beschrieben, als redegewandt, schlagfertig und witzig, aber auch als selbstverliebt und widersprüchlich. Gregor Gysi gehört zu den grossen Stars der Linken in Deutschland und Europa. Als bunter Hund und blendender Politunterhalter ist er ein gern gesehener Gast in Talkshows, zumal er auch privat einiges zu erzählen hat. Der 69-Jährige hat zwei Scheidungen und drei Herzinfarkte hinter sich, denkt aber nicht an Ruhestand. Er will nochmals antreten zur Bundestagswahl 2017, um der Alternative für Deutschland linken Widerstand entgegenzusetzen.

Start als Rinderzüchter

Der um sich greifende Populismus stand denn auch im Zentrum seiner gestrigen Winterrede im «Karl dem Grossen». Dort hatte sich auf dem Grossmünsterplatz bis 18 Uhr trotz Kälte und Schneeregen eine Menschenmenge von rund 200 Personen versammelt, um dem Vortrag des bekanntesten Ossis mit zwielichtiger Vergangenheit zu lauschen.

Bevor Gysi im Westen Karriere machte, stand er an der Spitze der DDR-Einheitspartei. Verpackt in einen schwarzen Mantel und mit schwarzer Mütze hatte Gysi sein Publikum gleich im Sack, als er am Erkerfenster des Gebäudes erschien und mit seiner Vergangenheit als Rinderzüchter sowie seinen Schweizer Vorfahren kokettierte. Deren Einbürgerung war 1933 abgelehnt worden.

Trotz Schneeregen und Kälte lauschten rund 200 Personen den Worten von Politstar Gregor Gysi.

Trotz Schneeregen und Kälte lauschten rund 200 Personen den Worten von Politstar Gregor Gysi.

Den Erfolg der Rechtspopulisten, zu denen er auch die SVP zählt, erklärt Gysi mit der Fähigkeit des Anschlusses ihrer Forderungen an die demokratische Gesellschaft. So gelinge es ihnen, die Distanz zu überwinden. «Der Trick der Rechtspopulisten ist es, sich nach rechts nicht abzugrenzen», sagte Gysi. Sie nützten die Schwäche des Establishments aus.

Donald Trump sei so an die Macht gekommen. Im Übrigen sei die Alternative zu Trump nicht Hillary Clinton gewesen, sondern Bernie Sanders, merkte Gysi an und erhielt Applaus. 

Rechtspopulisten beschwörten gerne auch den Gegensatz zwischen denen da oben und denen da unten, fuhr Gysi fort. Dabei täten sie so, als würden sie die Interessen der Unterschicht vertreten, was aber eine Täuschung sei.

Hart ins Gericht ging Gysi mit der EU, die er undemokratisch, intransparent, unsozial und bürokratisch nannte. Deshalb ihre Auflösung anzustreben, sei falsch. «Die EU muss gerettet werden.» Demokratischer, transparenter, sozialer und unbürokratischer müsse sie werden. Eine Rückkehr zu den Nationalstaaten sei keine Alternative. Die Jugend würde das bürokratische Prozedere an der Grenze gar nicht aushalten. Vor allem aber wegen der Kriegsgefahr gelte es, die Nationalstaaten zu überwinden.

Sonderfall Schweiz

Empfiehlt Gysi der Schweiz, der EU beizutreten? Nein. «Es muss immer Ausnahmen geben können», sagte er. Das Publikum schmunzelte über die lapidare Begründung. Gysi verabschiedete sich mit einem hübschen, selbstironischen Spruch: «Ich hasse Privilegien», sagte er. «Aber meine mag ich sehr gerne.»

Im Januar hält von Dienstag bis Freitag am Erkerfenster des Zentrums «Karl der Grosse» (Zürich) jeden Abend um 18 Uhr eine Persönlichkeit eine Rede.

Im Januar hält von Dienstag bis Freitag am Erkerfenster des Zentrums «Karl der Grosse» (Zürich) jeden Abend um 18 Uhr eine Persönlichkeit eine Rede.
Gregor Gysi machte gestern den Anfang.