Roger Furrer
Havanna einfach: Deshalb wandert der "Caliente"-Chef nach Kuba aus

Roger Furrer wandert nach Havanna aus; die Söhne gehen jetzt dort zur Schule. Furrer, Chef des Zürcher «Caliente»-Festivals, fühlt sich «endlich frei».

Max Dohner
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Keine Kisten, nur Koffer. Roger Furrer mit Neil, Steve und Yoandra Furrer (von rechts) am letzten Wochenende, kurz vor Abflug.Mario Heller

Keine Kisten, nur Koffer. Roger Furrer mit Neil, Steve und Yoandra Furrer (von rechts) am letzten Wochenende, kurz vor Abflug.Mario Heller

Mario Heller

«Wir bescheinigen, dass sich nachstehend aufgeführte Person ... abgemeldet hat.» Der Stempel fällt, Meldeamt Regensdorf ZH, die Unterschrift ist drauf. Macht dreissig Franken Gebühr. Und was sagt die «nachstehend aufgeführte Person»? Er jubelt: «Endlich frei!» Wie bitte, frei? Auswandern mag ja hingehen. Aber der gute Mann wandert aus – nach Kuba!

Eine Familie steht vor dem Haus, und alle Koffer sind gepackt. Nichts Besonderes, denkt man. Im Jahr 2013 wanderten gemäss Bundesamt für Statistik knapp 30'000 Schweizer und Schweizerinnen aus. Gleichzeitig wanderten 167'000 Menschen in die Schweiz ein, was einen satten Plussaldo ergibt. Ganz anders Kuba: 140'000 Leute waren bei der letzten Erhebung ausgeflogen. Der Regelfall ist klar: In die Schweiz kommt man, aus Kuba geht man. Doch jetzt beschreitet einer gerade den umgekehrten Weg.

Vorbelastet durch Musik

Gut, der Mann ist sozusagen vorbelastet. Er heisst Roger Furrer, 56-jährig, Gründer und Chef des Latino-Festivals Caliente. Diesen Sommer feierte das Festival das 20-jährige Bestehen. Furrer reiste immer schon der Sonne nach. Der hiesige Herbst macht ihn depressiv, geschweige denn der Winter.

Furrer arbeitete und lebte in Ibiza, war lange in Mexiko. Er exportierte sein Festival bereits einmal nach Kuba und Miami, in die Dominikanische Republik. Ausserdem ist er verheiratet mit einer Kubanerin, nach allem Hörensagen das stärkste Amalgam zu einem Land.

Die Söhne Neil und Steve nimmt er mit. Sie werden fortan in Miramar, im Diplomatenviertel von Havanna, eine internationale Schule besuchen (auf Englisch). Pro Schüler und Jahr kostet das rund 10'000 Dollar. Noch hat Furrer keine Wohnung gefunden. Letzten Sonntag ist er abgeflogen. Eine Wohnung oder ein Haus zu mieten, schwebt ihm vor. Jedenfalls ist er mal da, mit «open end», wie er sagt. Wie lange der Aufenthalt am Ende wird, kann er nicht sagen. Vielleicht lebenslang.

Die Umstände, gerade jetzt nach Kuba auszuwandern, sind günstig und ungünstig zugleich. Die Immobilienpreise ziehen stark an, nicht erst seit diplomatisches Tauwetter herrscht zwischen den USA und Kuba. Längst haben sich Europäer und Kanadier eingenistet, Anwälte, Makler, Import-Export-Fauna. Viel ginge zwar nicht und geht irgendwie doch. Es geht darum, möglichst früh auf den Claims zu hocken. Und morgen schon sind die Amis wieder da.

Furrer seufzt. So enthusiastisch er ist, fortan in Havanna zu leben, «in der fantastischsten Stadt der Welt», so bedrückend empfindet er schon jetzt die Präsenz der Amerikaner. «Das geht zu schnell», sagt Furrer, «sie überrennen das Land, die guten Hotels sind ihretwegen bis 2016 ausgebucht. Millionen warten auf Zutritt zum lang verbotenen Land und wittern ein gigantisches Geschäft. Und die Kubaner fangen wohl demnächst wieder zu betteln an.»

Auf der anderen Seite bremst die Politik. Das Regime von Raúl Castro öffnet dem freien Handel die Tür einen Spalt breit, und stösst sie mit der anderen Hand wieder zur Hälfte zu. Niemand ist sicher, welcher Kurs am Ende eingeschlagen wird, und ob sich eine stark gedrosselte Liberalisierung überhaupt dosieren lässt, bis allen womöglich plötzlich alles um die Ohren fliegt.

Unsicherheit ist das eine. Stark beschränkter Zutritt zum Internet eine zweite Schwierigkeit. Happige Preise die dritte. Der künstliche Wechselkurs und der Umstand, dass nahezu alles mit CUC zum Dollarkurs gekauft werden muss, macht aus Havanna im Vergleich zum übrigen Lateinamerika eine teure Stadt. Neuwagen kann man seit knapp zwei Jahren kaufen, aber rätselhafterweise sind europäische Autos in Havanna mindestens doppelt so teuer wie in Europa selbst.

Keine Zürcher Horrorpreise

Furrer fechten Schwierigkeiten nicht an. Er reiste nur mit Koffern, nicht mit Kisten ab. «Brauchen wir etwas, fliegen wir nach Santo Domingo oder Panama und kaufen es dort – wie inzwischen viele Kubaner auch.» Und ein Mojito koste immer noch ein Fünftel des Horrorpreises von den Bars in Zürich.

Schon im nächsten Monat will Roger Furrer ein erstes Musik+Kunst-Festival in Havanna auf die Beine stellen. Ein grösseres «Caliente» folgt im kommenden März, durchaus auch für Schweizer Gäste, die mit «Edelweiss» inzwischen Havanna direkt anfliegen können.

Darin sitzt auch Furrer in Zukunft öfter, was einen solchen Schritt natürlich auch erleichtert; ein Rückfallnetz ist da. Roger Furrer sagt dazu einfach: «Der richtige Zeitpunkt, es zu tun, ist genau jetzt.»

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