Noch lässt sich ausser dem Kellner im Café Zähringer niemand blicken. Die Tische sind leer, die Stühle wohlgeordnet dazugestellt. Unberührt präsentiert sich auch ein schwarzes Täfelchen: Etwas abseits der Theke harrt es darauf, beschrieben zu werden. Noch sind keine Striche eingetragen.

Das Täfelchen wäre eigentlich dazu da, Gratis-Kaffees anzuzeigen. Gäste, die eine gute Tat vollbringen möchten, können ihr Getränk doppelt bezahlen, und das mit einer Kreide vermerken lassen. Armutsbetroffenen steht es dann frei, nach einem Café Surprise zu fragen und für den Kreidenstrich ein kostenloses Heissgetränk zu beziehen.

Beim Bezahlen eines Orangensafts fühlt sich der Autor bemüssigt, wenigstens einen Strich anzeichnen zu lassen. Alessandro (22) zückt die Kreide gerne. Er arbeitet seit einem Jahr im Zähringer Café und hat gute Erfahrungen mit der Aktion gemacht. Fünf bis zehn verschiedene Leute, sagt er, nehmen das Angebot in Anspruch. Einige kommen täglich, andere tauchen eher sporadisch auf.

Das Verhalten der Bedürftigen unterscheide sich merklich: «Es gibt welche, die beziehen nur dann einen Kaffee, wenn es besonders viele Striche auf der Tafel hat. Andere bezahlen ihn mal aus der eigenen Tasche und lassen sich dann eine Tasse spendieren.» Zudem erzählt Alessandro von einem Mann, der regelmässig am Tisch einer älteren Dame Platz nimmt. Er bringt der nicht mehr ganz Kräftestrotzenden eine Zeitung und sie lädt ihn dafür zu einem Kaffee ein.

Den sozialen Austausch fördern

Die Idee des Gratis-Kaffees kommt ursprünglich aus Neapel. Nach dem Ersten Weltkrieg konnten sich in Süditalien nur noch Gutbetuchte einen Kaffee leisten. Aus Solidarität bezahlten einige von ihnen einen «caffè sospeso» - einen aufgeschobenen Kaffee für den ärmeren Teil der Bevölkerung. 2013 wurde die Idee von John M. Sweeney, Buchautor und Redner, wieder aufgegriffen und weltweit bekannt gemacht.

Seit 2014 gibt es auch in der Schweiz «eine Tasse Solidarität» zu trinken. Surprise, bekannt für die gleichnamigen Strassenmagazine, koordiniert die Aktion und ist für die Anwerbung neuer Lokale zuständig. Schweizweit konnten bereits 36 gewonnen werden; in Zürich sind es sechs, in Basel und Bern gut doppelt so viele.

Wie Zaira Esposito, Verantwortliche von Surprise, betont, geht es nur vordergründig um das populäre Heissgetränk. «In erster Linie wollen wir es Bedürftigen ermöglichen, am öffentlichen Leben teilzunehmen.» Ziel sei es, den sozialen Austausch zu fördern und Menschen zusammenzubringen, die sich ansonsten aus dem Weg gehen würden.

Eine vielsagende Geste

Noch ist der Orangensaft nicht ausgetrunken, da erklingt im Hintergrund eine Stimme: «Einen Café Surprise, bitte.» Den Gast, der in der Mitte des Lokals Platz genommen hat, würde man auf den ersten Blick nicht als Bedürftigen erkennen. Seine Erscheinung ist gepflegt. Er trägt eine kleine feingliedrige Brille, die ihm den Anschein eines Intellektuellen gibt. Nachdem er seinen Kaffee entgegengenommen hat, klappt er einen Laptop auf und beginnt zu schreiben.

In den USA, erzählt der Herr, habe er einige Jahre Architektur studiert. Durchaus mit Erfolg – bevor das Studium «aus dubiosen Gründen» versandet sei. Nach einigen Rückschlägen und Aufenthalten in Institutionen versuche er nun wieder in Fahrt zu kommen.

Der Café Surprise beseitigt nicht die Probleme, die hier und anderswo Bedürftige plagen. Eine schöne und vielsagende Geste ist er aber. Eine Geste, die in den Worten des Gastes nicht zuletzt zu einer Win-win-Situation führt: «Ich komme in den Genuss eines Kaffees und der Gönner oder die Gönnerin kann sich dafür etwas besser fühlen.»