Analyse
Graf und Grichting schiessen beide übers Ziel hinaus

Die Bemerkung über «rückständige Elemente» in der katholischen Glaubenslehre von Justizdirektor Martin Graf war ein Steilpass für eine weitere Runde im nie enden wollendem Kleinkrieg gegen die Zürcher Kantonalkirche von Generalvikar Martin Grichting.

Michael Rüegg
Drucken
Teilen
Martin Graf und Martin Grichting im Zwist.

Martin Graf und Martin Grichting im Zwist.

Keystone

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie vergangenen Freitag am Churer Bischofssitz die Korken knallten. Generalvikar Martin Grichting hatte allen Grund zu Freudensprüngen. Was da aus Zürich kam, war ein Steilpass für eine weitere Runde in Grichtings nie enden wollendem Kleinkrieg gegen die Zürcher Kantonalkirche. Bischof Vitus Huonder selber spielt dabei einmal mehr eine Nebenrolle.

Im Rahmen des 50-Jahr-Jubiläums der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der Zürcher Katholiken hatte der Zürcher Justizdirektor Martin Graf anlässlich einer Medienkonferenz von «rückständigen» Elementen» in der katholischen Glaubenslehre gesprochen. Die Kirchenoberhäupter, so Graf, würden an «verfassungsrechtlich geschützten Grundlagen» vorbeipredigen. Gemeint haben soll er etwa den Zölibat, die Weigerung Roms, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen, und die strikte Ablehnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

Nun ist Graf einer,der sagt, was er denkt. Poltern ist ihm nicht fremd. Er ist auch bei öffentlichen Auftritten mehr Mensch als Politiker. Man kann ihm allerdings nicht vorwerfen, dass er als Protestant über die Sorgen und Nöte der Zürcher Katholiken an der Basis zu wenig Bescheid wisse. Mit seinen Worten hat er vielen Katholiken aus dem Herzen gesprochen.

Seine Haltung kommt nicht von ungefähr: Graf pflegte als Stadtpräsident von Illnau-Effretikon gute Beziehungen zur dortigen römisch-katholischen Gemeindeleiterin Monika Schmid. Die ehemalige «Wort zum Sonntag»-Moderatorin und Mitinitiantin der Pfarrei-Initiative ist dem Bischof und seinen Getreuen schon lange ein Dorn im Auge. Vergangenen Sommer leitete Schmid sogar die Trauungszeremonie von Martin Graf und seiner langjährigen Partnerin, der grünen Kantonsrätin Esther Hildebrand.

Keine geschickte Wortwahl

Was Graf gesagt hat,hätte er auch mit leiseren Tönen äussern können. Geschickt war seine Wortwahl nicht. Doch Graf ist nicht der Einzige, der verbal übers Ziel hinausgeschossen ist. Generalvikar Grichting will mit seiner scharfen Attacke Graf massregeln wie der Dorfpfarrer ein unflätiges Kind im Jugendgottesdienst. Chur fordert eine Entschuldigung – und will, dass der Gesamtregierungsrat sich von den Äusserungen seines Mitglieds distanziere.

Doch es blieb nicht bei der Graf-Schelte: Im üblichen Grichting-Duktus spricht das bischöfliche Communiqué der römisch-katholischen Körperschaft und den Kirchgemeinden im Kanton Zürich die Existenzberechtigung ab.

Diese Attacke aus Chur rief gestern nicht nur den Synodalrat der Kirche auf den Plan: Auch der bischöfliche Generalvikar für den Kanton Zürich, Josef Annen, hat eine Stellungnahme unterzeichnet, die seinem Chef vorwirft, die demokratischen Einrichtungen der katholischen Kirche im Kanton Zürich frontal angegriffen zu haben. Die 75 Kirchgemeinden und die Körperschaft seien auf Wunsch der katholischen Bevölkerung und mit Zustimmung der Bistumsleitung geschaffen worden, so Schnüriger und Annen.

Der Regierungsrat wird sich wohl an seiner heutigen Sitzung der Forderung aus Chur annehmen. Hoffentlich können sich gewisse Mitglieder der Regierung noch daran erinnern, wie die Ansichten Grichtings über die römisch-katholische Körperschaft im Kanton Zürich sie schon einmal beschäftigt hatten. Wegen eines von Grichting verfassten Briefes, der auf die Kirchenordnung schimpfte, wurde eine Delegation des Regierungsrates 2009 gar beim damaligen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone in Rom vorstellig.

Ihren 50. Geburtstaghatten sich die Zürcher Katholiken jedenfalls anders vorgestellt, so viel steht fest.

Aktuelle Nachrichten