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Experte: «Bei Online-Games mit mehreren Spielern ist die Suchtgefahr am grössten»

Zurich Game Show: Die dreitägige Messe in Zürich, die morgen beginnt, lockte letztes Jahr 27 000 Besucher an.

An der Zurich Game Show werden die neusten elektronischen Spiele präsentiert. Auch der Psychologe Franz Eidenbenz hat dort seinen Auftritt. Im Interview erklärt er, was gesundes Gamen ist - und was nicht.

In der Messe Zürich beginnt am Freitag die Zurich Game Show. Die nach eigenen Angaben grösste Schweizer Gaming Messe bietet während dreier Tage nahezu alles, was Freunde elektronischer Spiele sich wünschen können. Neben den neusten Games gibts dort auch Vorträge von Experten. Einer von ihnen ist Franz Eidenbenz. Der Psychologe leitet das Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich. Es gehört zur schweizerischen Gesundheitsstiftung Radix, die vom Bund und von den Kantonen getragen wird. «Gesundes Gamen» lautet der Titel seines Vortrags, den er am Samstag um 12 Uhr an der Zurich Game Show hält.

Was ist gesundes Gamen?

Franz Eidenbenz: Bei Freizeit-Computerspielen handelt es sich in den meisten Fällen um ein intensives Hobby. Aber das Hobby tendiert dazu, mehr Zeit zu beanspruchen, als eigentlich zur Verfügung steht. Das heisst: Ziel ist es, ein Zeitbudget zu haben und sich daran zu halten. Neben dem Gamen sollte man auch Beziehungen pflegen, den Tag-Nacht-Rhythmus beibehalten – und genug schlafen. Es geht um eine Net-Life-Balance, wie ich das nenne. Das beinhaltet, dass man selbst mit seinem Hobby zufrieden sein kann – und das Umfeld auch, also die Partnerin, Eltern oder Familie.

Welches positive Potenzial steckt im gesunden Gamen?

Beim Gamen kann man Vieles lernen; zum Beispiel, sich in einer virtuellen dreidimensionalen Welt gut zu orientieren, virtuell gut zu kommunizieren oder ein Team zu führen.

Und wann wird es ungesund?

Wenn das Gamen zum Wichtigsten im Leben wird – wichtiger als das Umfeld und Beziehungen. Dann leiden auch die Arbeits- oder Schulleistungen oder das soziale Umfeld unter dem Gamen des Betroffenen.

Merkt das der Betroffene selber?

In der Regel gewichten die Betroffenen das nicht gleich wie das Umfeld. Sie haben länger das Gefühl, es wäre normal, während das Umfeld schon negative Auswirkungen sieht und besorgt ist.

Was kann man tun, um wieder zu einem gesunden Verhalten zu kommen?

Es geht darum, die Spielzeiten zu regulieren und zu kontrollieren. Insbesondere geht es darum, am Abend nicht zu lange zu gamen, sodass man genug schläft und am nächsten Tag wieder fit ist.

Wie gravierend können Game-Probleme werden?

Das geht von leichter Unzufriedenheit und tieferen Leistungen über das Fehlen am Arbeitsplatz oder in der Schule bis hin zum Jobverlust oder von der Schule Fliegen und zum Vernachlässigen sämtlicher sozialen Beziehungen.

"Im Jugendalter und inklusive Smartphone-Games reden wir von rund zehn Prozent Süchtigen", sagt Eidenbenz.

Franz Eidenbenz arbeitet beim Zentrum für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte in Zürich.

"Im Jugendalter und inklusive Smartphone-Games reden wir von rund zehn Prozent Süchtigen", sagt Eidenbenz.

Genügt es denn in solchen Fällen, sich einfach die Zeit besser einzuteilen – oder braucht es aufwendigere Therapien?

Der erste Versuch ist sicher, das selbst zu regulieren. Wenn das nicht gelingt, können Freunde, Partner oder Eltern helfen. Und wenn das auch nichts bringt, braucht es fachliche Unterstützung.

Wie können Freunde oder Eltern helfen?

Indem sie klar benennen, dass der Betroffene nicht mehr teilnimmt, dass man ihn vermisst, dass es negative Auswirkungen hat. Und indem sie ihn mit dem Ausmass seines Gamens konfrontieren.

Sie reden in der männlichen Form. Ist Gamen vor allem in der männlichen Bevölkerung ein Problem?

Internet Gaming Disorder – so lautet der Fachbegriff – treffen wir in der Praxis vor allem als männliches Problem an.

Wie erklären Sie sich das?

Die Games haben eine Art und Weise von Kampf, Kompetitivität und Teamplay, die offensichtlich mehr Männer anspricht.

Bei welchen Games ist die Suchtgefahr am grössten?

Bei Online-Games mit mehreren Spielern. Aktuell sind es Fortnite oder verschiedene Ego-Shooter-Spiele, die wir im Zusammenhang mit Suchtproblemen am meisten sehen.

Warum ist bei diesen Games die Suchtgefahr besonders gross?

Die Games sind so aufgebaut, dass sie die Gamer möglichst lange im Game halten – und dass der Gamer neben dem Spiel auch Geld ausgibt für sogenannte Skins, also zusätzliche Möglichkeiten. Die Belohnungsmechanismen sind in diesen Games so aufgebaut, dass sie ein Abhängigkeitspotenzial haben. Das heisst, es gibt unregelmässige Belohnungen, ähnlich wie bei Glücksspielautomaten.

Wie verbreitet ist Gamesucht in der Schweiz?

In der Gesamtbevölkerung gehen wir von ein bis zwei Prozent aus. Im Jugendalter reden wir inklusive Smartphone-Games von rund zehn Prozent Süchtigen und Gefährdeten.

Der Bund will den Jugendschutz beim Gamen verstärken, die Vernehmlassung läuft. Was für Vorschriften fänden Sie sinnvoll?

Es wäre wichtig, dass man bei den Games nicht nur ein Alterslimit setzt, sondern auch eine Warnung vor dem Suchtrisiko platziert.

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