125 Jahre EWZ
«Es ist genug erneuerbare Energie auf dem Markt»: Zürichs Stromversorgung im Umbruch

Nach der Pionierleistung vor gut 100 Jahren steht das städtische Werk vor grossen Herausforderungen.

Matthias Scharrer
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 Arbeiter mit Pferden erstellten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Leitungen, die Strom aus Bündner Wasserkraft nach Zürich brachten.
 Auch am Nordsee-Windpark Butendiek ist das EWZ beteiligt.

Matthias Scharrer

Die Stadt Zürich steht seit 125 Jahren unter Strom: Am 3. August 1892 liess das im gleichen Jahr neu gegründete, zunächst dem städtischen Wasserwerk angegliederte Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) erstmals im Grand Hotel Victoria die Glühbirnen angehen. Der vom EWZ gelieferte Strom stammte anfangs ausschliesslich aus dem Limmat-Wasserkraftwerk Letten. Doch der Strombedarf nahm rasant zu: Industriebetriebe und die
Tramelektrifizierung vervielfachten um die Wende zum 20. Jahrhundert die Nachfrage.

So kam es zur ersten grosse Pioniertat des EWZ: Zürich zapfte die Wasserkraft in entlegenen Bündner Bergtälern an und baute Leitungen, um den Strom von dort in die Metropole zu bringen. Seit 1909 fliesst der Strom durch die rund 140 Kilometer lange Übertragungsleitung von Graubünden nach Zürich.

125 Jahre nach seiner Gründung steht das EWZ erneut vor grossen Herausforderungen, wie sein Direktor Marcel Frei gestern an einer Medienorientierung sagte: Unternehmen wie Apple, IBM oder Google träten im Zuge der Digitalisierung als neue Konkurrenz auf. «Apple investiert in einen grossen Windpark, um seinen Strom selber zu produzieren», erklärte Frei. Zudem trieben Unternehmen wie Tesla die Batterietechnik voran. «Auch die Bewirtschaftung der Stromnetze braucht digitales Know-How», so Frei. Und nicht zuletzt würden die energieverbrauchenden Technologien in Haushalten und Büros immer «smarter».

«Wenn jemand unsere AKW-Beteiligungen mit allen Rechten und Pflichten übernehmen will, würde ich sie für einen symbolischen Franken übergeben.»

Marcel Frei, Direktor Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ)

Zwar sei das EWZ diesbezüglich keineswegs untätig. So stelle es in der neuen Zürcher Vorzeigesiedlung Greencity, die als Musterbeispiel für den Übergang zur 2000-Watt-Gesellschaft gilt, als Vertragspartner auch Elektromobilität und Photovoltaik zur Verfügung. «Aber wir haben noch einige Hausaufgaben zu machen, um mit den neuen Mitbewerbern mitzuhalten», so der EWZ-Direktor.

Niemand will AKW-Aktien

Hausaufgaben hat das EWZ nicht nur wegen der digitalen Konkurrenz. Auch die Stadtzürcher Stimmberechtigten haben dem städtischen Elektrizitätswerk eine schwierige Aufgabe gestellt: Bis 2034 muss es seine AKW-Beteiligungen loswerden. So hat es das Stimmvolk im Juni 2016 beschlossen.

Bis jetzt hat sich aber laut Frei kein einziger Interessent gemeldet, der die Aktien übernehmen will, mit denen die Stadt Zürich an den Atomkraftwerken Gösgen, Cattenom (F) und Bugey (F) beteiligt ist. Die Aktien werden im jüngsten EWZ-Geschäftsbericht zusammen mit 62 Millionen Franken bewertet. Wohl ein hypothetischer Wert, denn: «Wenn jemand unsere AKW-Beteiligungen mit allen Rechten und Pflichten übernehmen will, würde ich sie für einen symbolischen Franken übergeben», sagte Frei gestern vor den Medien. Letztes Jahr bezahlte Zürich allein für seine 15-prozentige Beteiligung am AKW Gösgen 50 Millionen Franken – und erhielt dafür 15 Prozent des dort produzierten Stroms. Massiv ins Geld gehen dürften auch die Stilllegungskosten, wenn die AKW dereinst das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Vor allem deshalb gestaltet sich der Aktienverkauf gemäss Frei äusserst schwierig.

Um ihn dennoch voranzubringen, setzt der Zürcher Stadtrat nun auf externe Berater und hat dafür einen Kredit von 2,8 Millionen Franken beim Gemeinderat beantragt. Als potenzielle Käufer der AKW-Aktien stehen Länder im Fokus, die weiterhin auf Kernenergie setzen.

Weniger problematisch sieht Frei den Ersatz der Kernenergie durch 100 Prozent erneuerbare Energie, den das EWZ anstrebt: «Es ist genug erneuerbare Energie auf dem Markt.» Dennoch will das EWZ in diesen Markt weiter investieren. So werden Zürichs Stimmberechtigte am 24. September wieder einmal über einen Rahmenkredit von 200 Millionen Franken für das EWZ abstimmen. Er soll dem Erwerb von Energieerzeugungsanlagen dienen, die erneuerbare Energie nutzen. Mit einem früheren Kredit beteiligte sich das EWZ unter anderem am Offshore-Windpark Butendiek in der Nordsee, der seit 2015 Strom liefert. Windrad-Projekte im Waadtländer Jura, an denen das EWZ ebenfalls beteiligt ist, sind hingegen seit acht Jahren durch Einsprachen blockiert. «Ein privater Dienstleister wäre schon lange ausgestiegen», so Frei.

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