Nach einem eigenen Standpunkt gesucht hat er früh. Als der junge Werner Bischof in den 1930er-Jahren als Fotoschüler der Zürcher Kunstgewerbeschule mit seinen Kommilitonen zu einem Hausbrand geschickt wird, kehrt er als Einziger den Flammen den Rücken zu und fotografiert die betroffenen Gesichter der schaulustigen Menge. Zwei Jahrzehnte später – Bischof ist längst ein gefragter Reportagenfotograf – wird er es wieder tun. Im Pulk der Pressefotografen im koreanischen Kriegsgebiet hält er seine Kamera auf die sensationslüsternen Gesichter seiner Kollegen. Es ist ein Statement eines Künstlers und eine Selbstversicherung: Ich bin nicht wie ihr, auch wenn ich wie einer von euch zu sein scheine.

Bischofs Fotos zeigen sie oft, diese auf Ereignisse und Menschen gerichteten Blicke von Individuen. Seien es spielende Kinder auf den Trümmerfeldern im Nachkriegseuropa, in sich versunkene Menschen im am Hungertuch nagenden Indien oder Menschengruppen in der strengen Ästhetik des japanischen Gesellschaftslebens, die Bischof im Auftrag von so gewichtigen Presseorganen wie dem «Life Magazine» oder «Paris Match» aufgenommen hat.

Er nahm sich Zeit

Alle Arbeiten zeugen von einem respektvoll Abstand nehmenden Künstler, der die Welt nie eindimensional sah. Seine Weltbeobachtungen begleitete er mit Skizzen und Tagebucheinträgen, deren tiefgründige Reflexionen heute noch lesenswert sind. Für die Schönheit und für die Heiterkeit im Elend hatte er einen wachen Blick. Ebenso für eine strenge Bildkomposition, die er in Zürich bei seinem Lehrer Hans Finsler, einem Vertreter der Neuen Sachlichkeit, erlernt hat. Er nahm sich Zeit für seine Projekte. Sein Wunsch nach Vertiefung scheiterte oft an der Oberflächlichkeit der Medienwelt.

Werner Bischof wurde 1916 in ein behütetes, gut situiertes Zürcher Elternhaus geboren. Er hätte es sich leicht machen können, doch leicht gemacht hat er es sich nie. Ein reflektierter Melancholiker und Perfektionist war er. Ein Ausnahmetalent, das in nur zehn Berufsjahren als Reportagen-Fotograf auf den Trümmerfeldern Nachkriegseuropas, in Asien, den USA und Südamerika Ikonen der Fotografiegeschichte geschaffen hat.

Die Retrospektive «Werner Bischof – Standpunkt», die im Museum im Bellpark in Kriens zu sehen ist, resultiert aus einer Fotoauswahl von Magnum Photos Paris und dem Werner Bischof Estate und war zu Bischofs hundertjährigem Geburtstag in der Schweiz schon im Musée de l’Elysée in Lausanne ausgestellt. Das Bellpark zeigt Originalabzüge hinter Glas. Die Gebrauchsspuren auf dem Fotopapier sind sichtbar. Die Fotos unspektakulär kleinformatig. «So, wie Bischof seine Bilder selbst interpretiert hat», erklärt Hilar Stadler, Leiter des Museums im Bellpark.

Harmloses ging nicht (mehr)

In Kriens erlebt man Bischof in seiner vollen Bandbreite. «Bischofs Frühwerk wird gerne unterschätzt», so Stadler. Im Zimmer mit Kamin befinden sich Bischofs frühe Studioarbeiten, an der Neuen Sachlichkeit orientierte Akt-, Natur- und Architekturfotografien, deren formale Strenge, Perfektion und Schönheit in den späteren Reportagenfotos widerhallen, als Bischof mit dem Velo längst die Schweiz verlassen hat und im kriegszerstörten Deutschland erkennt, dass er seine Arbeit im Studio vor dem Elend der Welt nicht fortsetzen kann.

«Papa, ich kann nicht mehr schöne Schuhe aufnehmen», schreibt er 1947 seinem Vater. Der Brief liegt in Kriens in einem der Glaskästen neben Skizzen und Briefkorrespondenz. 1949 wird Bischof Mitglied der berühmten Fotoagentur Magnum und bereist die Welt. Die Stationen seines Lebens sind im Bellpark auf Etagen verteilt – Europa im Erdgeschoss, Asien im Obergeschoss, seine letzten Reisen durch die USA und Südamerika im Untergeschoss.

1954 stürzt der Fotograf in den peruanischen Anden mit dem Auto von einer Klippe und stirbt mit 38 Jahren. Die Nachwelt fragt sich, was aus ihm noch alles hätte werden können. Hätte er angesichts der Abstumpfung der Welt gegenüber der Fotografie das Medium gewechselt und wäre Maler oder Filmer geworden? Hätte er sich über die das Netz flutenden fotografischen Zeugnisse radikaler Subjektivität auf den Instagram- und Facebook-Accounts geärgert oder gefreut? Sicher ist nichts. Nur, dass er voll bei der Sache geblieben wäre. Oder wie Bischof es einst selbst formuliert hat: «Ich glaube, dass nur eine tiefer gehende, mit ganzen Herzen erkämpfte Arbeit Wert haben kann.»

Werner Bischof – Standpunkt Museum im Bellpark, Kriens. Bis 4.11.

Das Buch zum 100. Geburtstag: «Werner Bischof – Standpunkt» Scheidegger & Spiess, 312 S.,