Kulturgut
Ein Gasthof seit 1684 - Geschichten, die es sonst nirgendwo gibt

Die Restaurierung des 1684 erbauten Gasthofs zum Hirschen in Oberstammheim schreitet zügig voran.

Judith Klingenberg
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Durchs abgedeckte Dach fällt der Blick fast ungehindert auf den Himmel. Die Mulde vor der weitgehend ausgeweideten Scheune ist randvoll. «Eine der letzten Mulden mit Ausbruchmaterial», sagt Architekt Max Dell’Ava zu den unter Bauhelmen steckenden Besucherinnen und Besuchern. Die grosse Scheune gehört, ebenso wie vier weitere Gebäude, zum historischen Gasthof zum Hirschen in Oberstammheim im Zürcher Weinland. Zusammen bilden sie ein Ensemble, das als Kulturgut von nationaler Bedeutung gilt. Und das die Besitzerfamilie Wehrli nun für vier Millionen Franken restauriert.

Fritz Wehrli, Besitzer «Hirschen»-Ensemble.

Fritz Wehrli, Besitzer «Hirschen»-Ensemble.

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Auch Stammtisch hinter ihm

Mitte Mai dieses Jahres war der Startschuss erfolgt. «Mit der Umsetzung sind wir mehr oder weniger auf Kurs», freut sich Fritz Wehrli. Davon konnten sich bei einem Rundgang mehrere Dutzend Besucherinnen und Besucher überzeugen, die der Einladung zur Baustellenbesichtigung gefolgt waren – Gönner, Vertreter von privaten Stiftungen und weitere Gäste, darunter auch der Oberstammheimer Gemeindepräsident Martin Farner. «Die Gemeinde stand von Anfang an hinter dem Projekt», betont Bauherr Wehrli. Ebenso spüre er eine grosse Akzeptanz im Dorf. «Sogar die Stammtischgäste sind da, um sich über den Stand der Dinge ins Bild zu setzen.»

Am weitesten fortgeschritten sind die Arbeiten für die Erweiterung der Gastroküche im Keller. Diese Etappe wurde – bei laufendem Betrieb – als erste in Angriff genommen. Um die zusätzliche Produktionsküche mit Kühl- und Tiefkühllager sowie reichlich Platz zum Vorbereiten und Anrichten in Betrieb zu nehmen, fehlt nur noch der Einbau der Einrichtung und der Geräte, was in ein bis zwei Wochen erfolgt sein dürfte. «Damit können wir die Arbeitsabläufe deutlich optimieren», betont Mirco Schumacher. Der mit 14 «Gault Millau»-Punkten ausgezeichnete Gastgeber führt den «Hirschen» zusammen mit seiner Frau Petra Schumacher seit 2008.

Die grosse Scheune gehört zum historischen Gasthof Hirschen.

Die grosse Scheune gehört zum historischen Gasthof Hirschen.

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Neue Zielgruppe im Visier

Im vergangenen Jahr ist der im Jahr 1684 erbaute und seit 1786 als Gasthof genutzte Hirschen als «Historisches Hotel des Jahres 2014» ausgezeichnet worden. Seither ist die Nachfrage gemäss Fritz Wehrli markant gestiegen. Ein Ziel der bis 2016 dauernden Restaurierung ist daher die Erweiterung des Gastro- und Beherbergungsbetriebs. Nebst der zweiten Küche im «Hirschen» werden im Haus Wyttenbach sechs Doppelzimmer mit Bad eingebaut sowie ein Seminar- und Aufenthaltsraum. «Seminargäste sind eine wichtige Zielgruppe», sagt Wehrli.

Das ehemalige Bauernhaus mit hübschem Garten stand lange Zeit leer. Trotz der Umnutzung sollen historische Strukturen und Ausbauten, etwa das Flechtwerk an einer Mauer im Gang, ein Plumpsklo, der Ofen und der Holzherd, ja selbst die historischen Fenster, erhalten bleiben. «Solche Objekte erzählen Geschichten, wie man sie nur in geschichtsträchtigen Häusern findet», sagt Wehrli. Dies berge auch die Chance, sich abzusetzen von den deutlich günstigeren Angeboten im nahen Euroland. Der Spross einer Zürcher Unternehmerfamilie weiss, wovon er spricht. Vor rund 30 Jahren hat er mit der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich schon einmal eine Umnutzung eines historischen Ensembles realisiert – damals eine Pionierleistung.

Entlastung des Haupthauses

Beim «Hirschen»-Ensemble stellt die Instandsetzung der Statik eine grosse Herausforderung dar, insbesondere beim Haus Wyttenbach, aber auch bei der Scheune nebenan – laut Architekt Dell’Ava das am schlechtesten unterhaltene Gebäude. Eindringendes Wasser und Schädlingsbefall haben den Holzbalken zugesetzt. Sie müssen repariert oder ersetzt werden. Danach werden fünf Pferdeboxen, die Wäscherei, die Personalgarderobe und eine zentrale Heizanlage eingebaut.

Nebst der Besichtigung der ersten drei Etappen wurden den Baustellenbesuchern die drei weiteren Etappen vorgestellt: Im Stall wird ein Frühstücksraum, ein Bankettsaal für 60 Personen und eine hindernisfreie Toilettenanlage eingebaut – damit soll das Haupthaus entlastet werden. Der «Hirschen» und das angrenzende Haus Graf werden einer Fassadenrenovation unterzogen. An der schmucken Trotte werden Reparaturen und eine sanfte Aussenrenovation vorgenommen, ansonsten bleibt sie, abgesehen von der Schmitte im Erdgeschoss, weiterhin ungenutzt und dient, so Wehrli, «als Reserve für die nächste Generation».

Bauherr ist nicht zu bremsen

Den nachfolgenden Generationen zuliebe nehme er die Anstrengungen auf sich, die ein solches Projekt mit sich bringe. Aber auch, um dem Dorf etwas zurückzugeben. Und weil es «extrem spannend» sei und die Zusammenarbeit mit allen Seiten – Denkmalpflege, Architekt, Wirtsleute, lokale Unternehmen und Handwerker – ausserordentlich gut funktioniere, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Darum will er, trotz seiner über 70 Lenze und trotz der noch nicht restlos gesicherten Finanzierung, im bisherigen forschen Tempo und ohne jegliche Abstriche weitermachen. «Wir sind jetzt mittendrin in der Eigernordwand, es gibt kein Zurück.»

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