Sie kam in ihrem Tesla und stellte sich ins Blitzlichtgewitter: Bundesrätin Doris Leuthard (CVP), die gestern das erste Mehrfamilienhaus der Welt eröffnete, das komplett unabhängig ist von externer Energiezufuhr. Kein Erdöl, kein Erdgas, kein Strom vom Netz. «Dies ist Pionierarbeit, die nicht genug gelobt werden kann», sagte Leuthard. Hier in Brütten werde Zukunft gebaut und sie werde es der ganzen Welt erzählen.

Doris Leuthard besucht energieautarkes Mehrfamiliehaus

Doris Leuthard besucht energieautarkes Mehrfamiliehaus

Die Bundesrätin besucht das erste energieautarke Mehrfamilienhauses der Welt. Bauherr Walter Schmid (pinke Krawatte) zeigt die Eigenheiten des Hauses. Das Wohnhaus kommt ohne externen Anschluss für Strom, Öl oder Erdgas aus und wird ausschliesslich mit Sonnenenergie betrieben.

«Schliesslich hätte es ohne Alfred Escher keinen ersten, und somit mit Sicherheit keinen zweiten Gotthardtunnel gegeben.» Gleich verhalte sich dies mit der Energie: kein erstes energieautarkes Mehrfamilienhaus, kein zweites. Und auch keine grösseren Areale, die das Ziel des Vorzeigeobjekts der Umweltarena in Spreitenbach sind.

Flugpionier als Vorbild

Es war Bertrand Piccard, der Initiator und Bauherr Walter Schmid als Vorbild diente: «Wenn der solarbetrieben fliegen kann, dann muss man das doch auch bei einem einfachen Haus hinbekommen», sagte er gestern. Hinbekommen hat man es, einfach scheint der Bau dieses hochkomplexen, in sich geschlossenen Kraftwerks aber nicht gewesen zu sein.

«Mir brummt der Schädel», sagte jedenfalls Redaktor Kurt Aeschbacher, der 200 geladene Gäste durch die Feierlichkeiten in der Mehrzweckhalle Chapf in Brütten führte. Sein Kopf brummte aber nicht ob der Moderation, sondern ob dem Referat zu den technischen Daten. «Geht nicht, gibt’s nicht», lautet aber Schmids Credo und so kam es, dass er das Brüttemer Bauland, das er vor Jahren erworben hatte, mit diesem ambitionierten Bauvorhaben in Angriff nahm.

Der Bau des ersten energieautarken Mehrfamilienhauses im Zeitraffer

Der Bau des ersten energieautarken Mehrfamilienhauses im Zeitraffer

Architektonisch umgesetzt hat es sein Sohn René Schmid mit seinem Team: Eine der Herausforderungen war es, die Solarpanels so zu tarnen, dass die Ästhetik der Fassade nicht leidet. Entwickelt wurden matte Platten, eine von vielen Innovationen rund ums Bauwerk, wie Leuthard betonte: «Die Schweiz bezieht 78 Prozent ihrer verbrauchten Energie aus dem Ausland. Da ist es ein geopolitischer Vorteil, wenn wir den Konflikten um die Energie mit mehr Eigenständigkeit entgegenhalten können.»

Begeistert zeigte sie sich auch von den Behörden: «In Brütten ist man neue Wege gegangen», sagte sie. Üblicherweise sei der Weg der Bürokratie einer der Stolpersteine. «Auf diese Pionierleistung werden andere Gemeinden neidisch sein», sagte sie.

Bescheidener Gemeinderat

Trotz der lobenden Hervorhebung von höchster Stelle gab sich Gemeindepräsident Rudolf Bosshart bescheiden: «Standortgemeinde für fortschrittliche Projekte zu sein, das ist toll», sagte er, «beigetragen haben wir als Gemeinderat aber kaum etwas.» Es sei der Standort Brütten, der allenfalls besonders sei. Klimatisch liege die Gemeinde ideal für das Projekt, weil über der Nebelgrenze. Zudem schärfe die Nähe zum Flughafen und jene zu Zürich und Winterthur das Profil der Gemeinde.