Sitzverteidigung
Die städtische SP schickt Raphael Golta ins Rennen um den vierten Stadtratssitz

Sitzverteidigung Die SP nominiert Kantonsrat Raphael Golta. Er soll den vierten Stadtratssitz der Partei verteidigen. Sein Umfeld ist begeistert: «Einer, der weiss, wie der bürgerliche Kanton funktioniert.»

Michael Rüegg
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Eine frische Brise neben den Bisherigen: Stadtratskandidat und Kantonsrat Raphael Golta.KEYSTONE

Eine frische Brise neben den Bisherigen: Stadtratskandidat und Kantonsrat Raphael Golta.KEYSTONE

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Sie hat es spannend gemacht: Als letzte grosse Partei hat die SP gestern Abend ihren vierten Kandidaten für den kommenden Stadtratswahlkampf nominiert. Fünf Kandidatinnen und Kandidaten bewarben sich um den Sitz des zurücktretenden Martin Waser. Vor vier Jahren waren es noch zwei frei Sitze und vier Kandidaten.

Egal, wen man fragte: Darauf festlegen, wer das Rennen machen würde, mochte sich im Vorfeld niemand. Min Li Marti und Raphael Golta, die beiden Fraktionsvorsitzenden im Gemeinde-, respektive Kantonsrat, waren von Beginn weg in der Pole Position. Doch auch die anderen Kandidaten, Kantonsrat Thomas Marthaler, Gemeinderätin Christine Seidler und alt Gemeinderätin Regula Enderlin schienen ihre Anhänger zu haben.

Spannend machte es die Partei auch an der Nominationsversammlung selber. Bevor die Delegierten zur Wahl schreiten durften, traten die drei bisherigen Stadtratsmitglieder ans Mikrofon und lobten wortreich die Politik ihrer Partei – eine Geduldsprobe für die wartenden Journalisten. Doch die drei mussten eben auch nominiert werden.

Die Qual der Wahl

Die neuen Kandidatinnen und Kandidaten präsentierten sich unterschiedlich. Min Li Marti sagte in ihrer Ansprache, sie sei kritisiert worden, weil sie zu viel «wir» und zu wenig «ich» sage. Das liege an der Partei, so Marti. «Wir sind die Partei fürs ‹Wir›, nicht fürs ‹Ich›». Der Kanton und das Land seien bürgerlich. Aber die SP könne in der Stadt Zürich zeigen, dass linke Politik funktioniere. Sie appellierte an ihre Partei, mehr über Grundsatzfragen zu diskutieren.

«Ich bin Führungsperson, Mutter und Politikerin», sagte Regula Enderlin. Die Delegierten sorgten bereits im ersten Wahlgang dafür, dass sie vor allem die ersten beiden Berufe weiter ausübt, Enderlin erhielt bloss neun der Delegiertenstimmen.

Thomas Marthaler erwähnte prominent, dass er Vater von vier Kindern ist, als Gegenpol zu Mauch, Nielsen und Odermatt, die alle drei kinderlos sind. Er forderte Zugang zu Arbeit für alle und geisselte die «ständigen Angriffe auf die Skos-Richtlinien». «Wie sollen die Leute denn noch ihre Dinge bezahlen? Sollen sie sie stehlen?», fragte Marthaler, der früher Betreibungsbeamter war und heute Friedensrichter ist. Der ehemalige Schweizermeister im Schwergewichtsboxen lobte seine Fähigkeiten als Kämpfer.

Für Chancengerechtigkeit

Christine Seidler gab sich den Wahlspruch: «Ich werde nicht ruhen.» Sie wolle Zürich bewegen, sagte sie, doch die Bewegung war nach dem zweiten Wahlgang zu Ende, Seidler fiel aus dem Rennen.

«Worauf wollen wir in zwanzig Jahren mit Stolz zurückschauen», fragte Raphael Golta. Er nannte die gerechte Verteilung von Chancen als oberstes Ziel seiner Politik. Die Stadt solle über den Tellerrand hinausschauen, forderte Golta. Das Tram fahre heute auch bis an den Flughafen oder ins Glattzentrum. «Nehmen wir uns ein Beispiel am Tram», sagte Golta, «wir sollten unser Vorstellungsvermögen über die Stadtgrenze hinaus wirken lassen».

Jean-Daniel Strub beschrieb Marti als politisch offen. Sie habe einen grossen Respekt gegenüber Positionen, die sie selber nicht teile.

Vier Wahlgänge nötig

Für Golta warb Nationalrat Martin Naef. Golta, der lange mit Naef im Kantonsrat sass, sei einer, der sogar in seiner Freizeit auf dem Liegestuhl politische Sachbücher lese. Er besitze eine seltene Kombination von Eigenschaften, erklärte Naef. «Er ist extrem pragmatisch, aber mit einer grossen Leidenschaft.» Golta liebe Zürich nicht nur, er könne die Stadt auch mit seinen Mitteln gestalten. «Einer, der weiss, wie der bürgerliche Kanton funktioniert», nannte ihn Naef.

Mit 85 von 169 Stimmen holte Raphael Golta zwei Minuten vor Redaktionsschluss letztlich die Nomination seiner Genossinnen und Genossen. Der 38-Jährige Publizistikwissenschaftler, Informatiker und Vater eines kleinen Sohnes wird nun für die stärkste politische Kraft in der Stadt Zürich in den Wahlkampf steigen.