Wahlen 2019

Die schweigende Mehrheit im Fokus: So wollen Parteien Neuwähler für sich gewinnen

Wahlplakate am Sechseläutenplatz. Die Parteien wollen Stammwähler aktivieren und wenn möglich Neuwähler gewinnen.

Nichtwähler sind in der Mehrheit. Mit einfachen Botschaften wollen die Parteien dieses riesige Potenzial anzapfen.

61 Prozent der Wahlberechtigten im Kanton Zürich blieben bei den letzten Ständeratswahlen (2015) den Urnen fern. Beim zweiten Wahlgang waren es sogar 66 Prozent. Die Wahlabstinenz ist längst zum Normalfall geworden. Der an der Uni Bern lehrende Politologe Markus Freitag hat herausgefunden, dass die Nichtwähler keineswegs eine homogene Gruppe sind, sondern sich in sechs Kategorien einteilen lassen.

Die viel zitierten Politverdrossenen, also jene, die der Politik aus Frust den Rücken gekehrt haben, machen nur einen kleinen Teil der Nichtwähler aus. Der Grossteil ist mit den herrschenden Zuständen mehr oder weniger zufrieden und fühlt sich ins System eingebunden, wie Freitag schreibt. Ein Teil von ihnen nimmt gelegentlich an Abstimmungen oder an Bürgeraktionen teil.

Für die Parteien stellen die Nichtwähler – jedenfalls die Erreichbaren unter ihnen – ein riesiges Potenzial dar. Wie eine Umfrage bei den Präsidentinnen und Präsidenten der grösseren Kantonalparteien zeigt, schielen fast alle auf dieses Reservoir, sind sich aber einig, dass es nichts bringt, sich an den hoffnungslosen Fällen die Zähne auszubeissen.

Grüngefärbte sind im Vorteil

Am erfolgreichsten beackern derzeit die grün eingefärbten Parteien dieses Feld. Sie profitieren dabei von der Gunst der Stunde – der weltweiten Klimabewegung. Allerdings sind sich die Politologen nicht einig, wie viele Neuwähler und bisherige Nichtwähler Grüne und Grünliberalen tatsächlich gewonnen haben. So zeigen Umfragen etwa, dass die GLP vor allem auch von abspenstigen FDP-Wählern profitiert.

Aber auch die GLP zielt auf die Nichtwähler. «Wir setzen einen Schwerpunkt bei den Jungen», sagt Co-Präsidentin Corina Gredig. Dafür habe die Partei extra Mittel eingesetzt. Punkten will man bei diesem Segment mit der digitalen Ausrichtung und coolen Aktionen. Von Grünen im Ausland kupferte man die Idee mit dem schmelzenden Eisberg an der Bahnhofstrasse ab. «Meine Zukunft schmilzt dahin», lautete der Slogan. Wie viel solche Aktionen bringen, weiss niemand. Gredig sagt: «Die junge GLP hat sehr viele Neuanmeldungen.» Für den Schlussspurt ist eine weitere Aktion geplant. Mit einer ausrangierten Wahlurne will die GLP durch den Kanton tingeln und laut Gredig die Botschaft vermitteln: «Der Gang an die Urnen ist nicht mühsam, sondern ein feierlicher Akt.» Es mache sie stolz, mit ihren Kindern an die Urne zu gehen.

Die Grünen sehen bei einer speziellen Gruppe von Nichtwählern Potenzial: «Wir zielen auf jene, die gerne wählen würden, denen es aber zu kompliziert ist», sagt Präsidentin Marionna Schlatter. Im Fokus stehen selbstverständlich ebenfalls die klimabewegten Jugendlichen. Einer Repräsentantin von ihnen, der 20-jährigen Annika Brunner, hat die Partei den relativ guten fünften Platz auf der Nationalratsliste gegeben. Erreichen will man die Leute mit «einfachen und prägnanten Botschaften», wie Schlatter sagt. Es sind Slogans und Bilder zum Thema Klima, die jeder versteht. Stark präsent sind die Grünen mit Klimavideos auch auf Instagram, wo sich erfahrungsgemäss viele Nichtwähler tummeln. Daneben spielen laut Schlatter bewährte Standaktionen eine wichtige Rolle, auch im jetzigen Schlussspurt.

Dieses klassische Mittel setzen im Übrigen alle Parteien ein. Mit gutem Grund, wie der Politologe Thomas Milic weiss: «Die persönliche, direkte Ansprache ist noch immer das effektivste Mittel, auch wenn damit ein grosser Aufwand verbunden ist».

Die Streuverluste sind gering

Solchen Aufwand zu leisten, fällt Grossparteien wie der SP leichter als kleinen. Im Repertoire hat die SP etwa die «Küchentischtreffen» – kleine Wahlaktionen im privaten Rahmen. Dabei lädt eine Kandidatin Leute aus ihrem Umfeld zu Polit-Talks zu sich nach Hause ein, wobei die Eingeladenen wiederum Bekannte mitbringen dürfen. «Damit erreichen wir am ehesten bisherige Nichtwähler», sagt Co-Präsident Andreas Daurù. Die Streuverluste sind gering, weil meistens Leute kommen, die sich schon im linksgrünen Milieu bewegen. Auch bei ihren Telefonaktionen baut die SP auf den privaten Kontakten ihrer Mitglieder auf.

Trotz den beachtlichen personellen Ressourcen hat die SP ein Problem: Angesichts der Klimawahlen steht sie im Schatten der grün gefärbten Parteien. Die Botschaft an die Wählenden lautet laut Daurù deshalb: «Wir sind nicht nur rot, sondern waren schon immer auch grün. Grüne und GLP allein können politisch nichts verändern, dazu braucht es auch uns.»

Das versteckte Preisschild einfach und klar aufzeigen

Die SVP versucht ebenfalls, mit Telefonaktionen mögliche Sympathisanten zu aktivieren. Parteipräsident Patrick Walder zählt dazu Selbstständige, Autofahrer, Hauseigentümer und Landwirte. Wie will sich die SVP im für sie ungünstigen Umfeld des «Klimahype» Neuwähler erschliessen? «Indem wir aufzeigen, dass das, was Linksgrüne wollen, ein verstecktes Preisschild hat und die Steuerzahler viel Geld kosten wird.» Der rote Teufel in den Inseraten soll darauf hinweisen. Wie in alten Zeiten setzt die SVP auf die «einfache und klare» Sprache, wie Walder sagt. Als gelungenes Beispiel nennt er das umstrittene Eritreer-Video. «Es war schon immer unsere Stärke, so Neuwähler anzusprechen.»

In einer ungemütlichen Lage befindet sich die FDP. Ihr drohen Verluste an die GLP und die SVP, wie jüngste Umfragen zeigen. «Wir wollen in dieser Situation auf die Dringlichkeit der Wahl aufmerksam machen», sagt Präsident Hans-Jakob Boesch. Seine Warnbotschaft: «Wer jetzt nicht die FDP wählt, der wählt den Linksrutsch und damit die Planwirtschaft.» Dass die FDP mit ihrem Klimaschwenk Probleme auch am rechten Rand bekommen könne, habe sich abgezeichnet. Deshalb gehe es nun darum, klarzumachen, dass die FDP-Klimapolitik nicht auf linksgrüne Verbote setze, sondern auf Innovationen und Kostenwahrheit. Das soll sowohl mögliche Neuwähler als auch Stammwähler aktivieren. «Dranbleiben und
mobilisieren bis zuletzt», lautet die Devise von Präsident Boesch.

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