Zürich
Der Fokus liegt immer noch auf dem Islam

Die Stadt Winterthur will ihre neue Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention weiterführen. Der Bedarf an Beratung bei «verschiedenen Phänomenen» sei nämlich gross.

Mirko Plüss
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Françoise Vogel, Leiterin Prävention und Suchthilfe, informiert mit Stadtrat Nicolas Galladé und Urs Allemann über die Bilanz nach 18 Monaten.

Françoise Vogel, Leiterin Prävention und Suchthilfe, informiert mit Stadtrat Nicolas Galladé und Urs Allemann über die Bilanz nach 18 Monaten.

KEYSTONE

Es begann vor etwas mehr als drei Jahren mit Medienberichten über Winterthurer IS-Anhänger, über radikalisierte Jugendliche, die nach Syrien ins Kriegsgebiet reisten. «Hektisch» sei die Lage damals gewesen, resümierte nun gestern Sozialvorstand Nicolas Galladé (SP) und «alarmistisch». Nun aber habe sich die Lage stabilisiert: «Wir führen jetzt eine unaufgeregte, wirksame Präventionsarbeit aus.» Aufgrund der medial viel beachteten Radikalisierung von Jugendlichen rief der Stadtrat im Oktober 2016 die befristet angelegte Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention ins Leben. Wie Galladé und Urs Allemann, der Leiter der Fachstelle, gestern bekannt gaben, wird die Stelle weitergeführt. Sie sei ein Erfolg.

Fünf kritische Fälle

Die Fachstelle hat zwei Schwerpunktaufgaben: Beratungen durchführen und das präventive Netzwerk in Winterthur ausbauen. 76 Anfragen gelangten zwischen Herbst 2016 und Frühling 2018 an die Fachstelle. In den meisten Fällen ging keine unmittelbare Bedrohung von Personen aus. Urs Allemann sprach dann mit den Beteiligten, führte Abklärungen durch oder schaltete weitere Stellen ein. Bei fünf gemeldeten Personen ortete Allemann Anzeichen für Selbst- oder Fremdgefährdung, worauf die Stadtpolizei die Fälle übernahm.

Daneben steht Allemann mit seiner Fachstelle im Zentrum eines mittlerweile recht dichten Winterthurer Präventionsnetzwerks. Die Ansprechpartner sind staatlich oder privat und reichen von der mobilen Sozialarbeit über den Gewaltschutz der Polizei bis zur Kesb oder dem Ausländerinnen-Beirat.

Zwei Fallbeispiele

- Suspekter Flyer: Ein besorgter Bürger meldet sich bei einem Stadtrat, weil er einen suspekten Flyer von islamischen Kreationisten im Briefkasten gefunden hat. Der Stadtrat übergibt den Flyer der Fachstelle für eine Beurteilung. Diese sieht nach Absprache mit einem Sektenexperten und dem Brückenbauer der Stadtpolizei keine Hinweise auf ein Gefahrenpotenzial, das von den islamischen Kreationisten ausgehen könnte. Der Stadtrat sowie der anfragende Bürger wurden über das Resultat der Abklärungen informiert.

- Plötzliche Verschleierung: Ein Berufsschullehrer macht sich Sorgen um eine Schülerin, die begonnen hat, den Islam zu praktizieren. Sie befolgt die religiösen Gebote, verschleiert sich und äussert sich wiederholt zum Thema Religion, teilweise sogar ziemlich konfrontativ. So prophezeit die Schülerin einer muslimischen Kollegin, sie würde in die Hölle kommen, falls sie die islamischen Gebote nicht einhalten werde. Der Berufsschullehrer ist unsicher, wie er sich verhalten soll. Im Gespräch mit der Schülerin konnten keine Radikalisierungstendenzen oder die Zugehörigkeit zu einer radikalisierten Gruppe festgestellt werden. Der Lehrer machte der Schülerin zudem auch klar, dass solche Äusserungen gegenüber ihren Klassenkameraden und Klassenkameradinnen nicht geduldet werden.

Kritik von der GLP

Gegen 80 Prozent der Beratungen drehten sich in der Testphase um den radikalen Islam. Dass das so bleibt, wird bei der Stadt aber bezweifelt. Man sehe «verschiedene Phänomene» in der Region, die Radikalisierungstendenzen aufweisen, sagte Galladé. Die Fachstelle sei darauf eingestellt, egal ob der Extremismus islamisch oder christlich bedingt sei, von links oder rechts komme oder aus dem Ausland importiert werde.

Die Fachstelle, die mit einer 80-Prozent-Stelle weitergeführt wird, habe zu einer Entspannung in der Bevölkerung geführt, war man sich gestern einig. Zudem habe der Bund das Projekt als beispielhaft gelobt. Misstöne kamen gestern einzig von den Grünliberalen. Sie kritisieren, dass der Stadtrat die Fachstelle «schleichend, ohne Diskussion im Parlament» schaffen wolle. Die Partei regt zudem eine Prüfung an, ob eine Mitfinanzierung durch den Bund möglich sei.

Beratungsstelle warnt vor radikalisierten Christen

In der Region Winterthur hätten christliche Fundamentalisten regen Zulauf. Das sagt der Sektenexperte Georg O. Schmid, der regelmässig die Stadt Winterthur und die Kesb berät und zudem die evangelische Infostelle «Relinfo» leitet. Das Wachstum von christlich-fundamentalistischen Gemeinschaften im Raum Winterthur, das Schmid beobachtet, macht er daran fest, dass die Behörden mit immer mehr solchen Gruppen konfrontiert seien.

Schmid sagt, seine Infostelle werde beispielsweise von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb beigezogen. Dort beobachte man eine markante Zunahme von Fällen mit christlich-fundamentalistischem Hintergrund. Die Kesb äusserte sich gestern nicht dazu. «Die Gemeinschaften haben nichts mit den grossen Freikirchen zu tun», sagt Schmid. «Sie sind radikalisiert, verstehen sich als Keimzelle einer neuen Menschheit und huldigen oft einem einzigen Anführer.» Bei der Kesb würden solche Gemeinschaften teils erstmals sichtbar, da sie beispielsweise Züchtigungen und Körperstrafen propagierten und dadurch Kinder oder Erwachsene zu Schaden kämen. «Die Gruppen orientieren sich am Alten Testament, sie sind radikal und darin ohne weiteres mit salafistischen Gruppierungen im Islam zu vergleichen.»

Christen sollen in den Fokus

Laut Schmid, der auch die Winterthur Stadtverwaltung offiziell als Experte unterstützt, gibt es in der Stadt Winterthur und ihrer Umgebung schätzungsweise mehrere Hundert Personen, die sich zumindest im Dunstkreis einer solchen fundamentalistischen Gruppe bewegten. Die meisten Gruppen seien medial bisher nicht in Erscheinung getreten oder trügen gar keinen Namen, sagt Schmid. Auch er will sie nicht öffentlich nennen und keine Schätzungen zur Anzahl solcher Gruppen abgeben.

Die Häufung im Raum Winterthur führt Schmid auf die Dichte an freikirchlichen Angeboten zurück. Der Sektenexperte hofft, dass bei der Radikalisierungs-Diskussion neben islamischen vermehrt auch christliche Gemeinschaften in den Fokus rücken.

Die Thematik ist auch bei der Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention bekannt. Diese wurde als Antwort auf den radikalen Islam gegründet, hat sich aber auf alle Arten von Extremismus eingerichtet. Nach einer Testphase wird die Fachstelle langfristig weitergeführt. (MPL)

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