Multimedia-Reportage
Dem Hirsebrei zu Ehren: Ein Holzschiff wird filmreif

Ab Mittwoch fahren 84 Personen in Holzboten nach Strassburg, um Hirsebrei auszuliefern. Der Limmat Club Zürich rüstet die «Turicum» dafür mit einer Sonderausstattung nach. Grund für die Fahrt ist eine alte Wette.

Florian Niedermann
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Hirsebreifahrt 2016
12 Bilder
Noch steckt der Limmat Club Zürich aber in den Vorbereitungen...
Für den erfahrenen Wasserfahrer und Medienbeauftragten René Schraner muss ein Podest hinten auf die Turicum gebaut werden.
Das Podest ist nötig, damit er ein Stativ für seine Filmkamera installieren kann. 1500 Tonnen wiegt das Langschiff.
René Schraner ist zufrieden. Die Turicum liegt vor dem Klublokal des Limmat Club am Trockenen.
Am kommenden Mittwoch geht es los. 84 Personen fahren in dreieinhalb Tagen von Zürich nach Strassburg. Aufnahme von 2006
Der Ursprung der Hirsebreifahrt liegt im 15. Jahrhundert in einer Wette zwischen Zürchern und Strassburgern. Stich von 1576
Zürcher fuhren damals in 20 Stunden nach Strassburg, um einen grossen Topf Hirsebrei abzuliefern. Undatierter Stich von der Ankunft.
Eine Aufnahme von der Hirsebreifahrt 2006 vor dem Basler Münster.
Anlässlich der Hirsebreifahrt 2016 schaffte der Limmat Club Zürich extra ein neues Langschiff an. Es trägt den Namen Limmat.
Selbstverständlich übernahm das Bemalen der Club selbst. Auch die Junioren durften mithelfen.
In Strassburg werden die Hirsebreifahrer jeweils von vielen Schaulustigen empfangen. Ankunft auf der Ill 2006.

Hirsebreifahrt 2016

Rolf Landolt

Der Kraftakt folgt auf Kommando: «Eins!», schallt es über den Steg vor dem Klublokal des Limmat Clubs Zürich (LCZ) an der Schipfe. Und schon ziehen zehn Männer, verteilt auf zwei Seile, am Bug des 15 Meter langen Holzschiffes «Turicum». Es reicht nicht: Das anderthalb Tonnen schwere Ungetüm gleitet von der Stegkante wieder zurück in den Fluss. «Zwei!» Wieder stemmen sich die Klubmitglieder mit ihrem ganzen Gewicht in die Seile. Wieder reicht der Zug nicht ganz. «Dreeeiiii!» Endlich: Die Spitze des sogenannten Langschiffs ragt einen kurzen Moment in den blauen Himmel, bevor es unter lautem Johlen der Männer auf dem Steg aufschlägt. Im Laufschritt ziehen sie das Boot den Holzplanken entlang, bis auch das Heck auf dem Trockenen ist. Es ist vollbracht.

René Schraner schaut zufrieden auf das Schiff vor ihm. Der Ex-LCZ-Präsident ist Medienverantwortlicher der Hirsebreifahrt, mit der man einer legendären Wette zwischen Zürchern und Strassburgern im Jahr 1456 gedenkt (siehe Artikel rechts). Schraner, oder genauer: seine Kamera, ist der Grund für den Kraftakt der zehn Wasserfahrer. Wenn am kommenden Mittwoch 30 Vereinsmitglieder zusammen mit 54 Vertretern der Zunft zur Schiffleuten, des Zürcher Bogenschützenvereins, des Schützenvereins, der Stadtmusik Zürich und Ehrengästen bei der Schipfe ablegen, um bis nach Strassburg zu fahren und dort warmen Hirsebrei zu verteilen, dann wird Schraner diesen grossen Moment für die Nachwelt mit einer Filmkamera festhalten.

Damit die Aufnahmen gelingen, ist der 68-Jährige mit dem weissen Schnauz im runden Gesicht auf ein Stativ angewiesen. «Während der Fahrt ist es ohnehin schwierig, zuhinterst auf dem Schiff zu stehen. Freihändig zu filmen wäre oft schlicht nicht möglich», erklärt er. Oberfahrer Rolf Dubs wird daher ein kleines Podest installieren, auf dem Schraner sein Stativ fixieren kann. Es sei für den Verein ein grosses Glück, dass unter den Mitgliedern viele Handwerker seien, sagt Schraner: «So lassen sich Reparaturen an den Booten und andere technische Arbeiten fast immer mit eigenen Leuten erledigen.»

Das ist auch während der Hirsebreifahrt so: Auf den zwei Langschiffen und zwei kürzeren Übersetzbooten aus Holz, mit denen die Wasserfahrer ins Elsass navigieren, werden kleinere Reparaturen während der Fahrt vorgenommen, wie Oberfahrer Dubs sagt. Und natürlich hat der Verein das eine der beiden Langschiffe, die «Limmat», auch selbst kunstvoll bemalt, nachdem sie es anlässlich der Hirsebreifahrt für rund 60 000 Franken angeschafft hatte.

29 Hindernisse stehen im Weg

Dreieinhalb Tage benötigen die Zürcher dieses Jahr, bis sie in Strassburg ankommen. Das ist lange, wenn man bedenkt, dass die Begründer dieses Brauchs dafür nur 20 Stunden Zeit hatten. Der Grund sind 29 Hindernisse wie Wasserkraftwerke und Wehre, die in der Zwischenzeit auf der Strecke erbaut wurden. Deren Überwindung – meist per Kahntransportanlage mittels Drahtseilzug – dauere sehr lange, sagt Schraner. Dazu kommen diverse offizielle Empfänge, für die die Fahrt über Limmat, Aare und Rhein unterbrochen wird: «Heuer rechnen wir deshalb einen halben Tag mehr ein als noch 2006. So haben wir weniger Stress», sagt der LCZ-Medienverantwortliche.

In der milden Abendluft vor dem Klublokal hängt plötzlich der Duft von gebratenem Fleisch. Gleich nachdem die «Turicum» an Land lag, warfen jüngere LCZ-Mitglieder den Grill an. Auch das Gespräch mit Schraner dreht sich bald ums Essen. Er erwähnt, dass der Hirsebrei heute – anders als im 15. Jahrhundert – nicht mehr auf den Langschiffen bis nach Strassburg mitgeführt wird. Die Konditorei Sprüngli liefere ihn auf dem Landweg bis nach Kehl, der deutschen Nachbargemeinde, wo ihn die Hirsebreifahrer auf eines der Langschiffe aufladen und dann an den Zielort über den Rhein verfrachten.

Eine Herausforderung ist die Fahrt für die Wasserfahrer dennoch auch im Jahr 2016 – insbesondere auf der Limmat, dem anspruchsvollsten Abschnitt: «Da braucht es gute Teamarbeit und die Fähigkeit, den Fluss mit seinen Tücken zu lesen», sagt Schraner, der mit zwei Kollegen Ende der Sechzigerjahre schon bis nach Rotterdam gerudert ist. Er, der bereits das vierte Mal an einer Hirsebreifahrt teilnimmt, freut sich heute aber vor allem auf die vielen Empfänge: «Die Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, ist unbeschreiblich. Selbst die Basler freuen sich auf uns», sagt Schraner und erntet schallendes Lachen seiner Kameraden.

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