Zoo Zürich
Das neue Elefantenhaus ist auch ohne Elefanten den Eintritt wert

Auf dem Zürichberg entsteht eine neue Anlage für die Elefanten. Die filigrane Holzschale ohne sichtbares Tragwerk, die fast ein Fussballfeld überspannen könnte, ist ein bestechendes Stück Architektur.

Marius Huber (text und fotos)
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Die Kuppel ist ein reiner Holzbau und überspannt ohne eine Säule oder Stütze ein Areal von 85 Meter Durchmesser.

Die Kuppel ist ein reiner Holzbau und überspannt ohne eine Säule oder Stütze ein Areal von 85 Meter Durchmesser.

Marius Huber

Elefanten sind schon dabei beobachtet worden, wie sie Felsbrocken auf elektrische Zäune warfen, um den Strom zu unterbrechen. Wenn Elefanten auf etwas losstürmen, entwickeln sie ähnlich viel Schub wie eine F/A 18 mit gezündeten Nachbrennern. Sie sind kräftig, geschickt, verspielt und schlafen wenig. Sie haben also viel Zeit, um alles zu zerlegen, was nicht niet- und nagelfest ist.

Wer Elefanten in menschlicher Obhut halten will, muss sich daher gut überlegen, wie er das tut. Ganz besonders dann, wenn das Gehege nicht als solches zu erkennen sein darf, sondern dem Besucher die Illusion vermitteln soll, dass er den Tieren in freier Wildbahn begegnet. So wie im Zoo Zürich, wo in vier Monaten die neue, über 41 Millionen Franken teure Elefantenanlage eröffnet wird.

Schutzwald mit Betonwurzeln

Ein paar der Lösungen für das Problem sind derzeit auf der Baustelle noch zu erkennen. Da ragen gewaltige Zaunpfähle aus Metall in den Himmel, die bald hinter dichter Vegetation versteckt werden. Andernorts trennt nur eine Gruppe dicht stehender Baum-Attrappen die Sphären von Mensch und Tier. Welchen Kräften diese Bäume widerstehen müssen, zeigen ihre «Wurzeln», die noch freigelegt sind: Es sind tonnenschwere Sockel aus Beton. Andernorts ist der Bambus mit Elektrodrähten geschützt, damit nicht alles Grün zu Wüste wird, sobald die Bewohner eingezogen sind.

Das neue Elefantenhaus ist auf den ersten Blick ein einziges Dach.

Das neue Elefantenhaus ist auf den ersten Blick ein einziges Dach.

Marius Huber

Die Tarnung der Kunst- als Naturlandschaft geht so weit, dass selbst das Herzstück der Anlage, das neue Elefantenhaus, nicht als das in Erscheinung treten darf, was es eigentlich ist: Ein Stück aufregender Architektur, wie es nur selten zu sehen ist in einer Stadt, die gerne über ihre Unfähigkeit zu grossen Würfen lamentiert. Das Paradoxe an diesem Versteckspiel ist, dass überhaupt erst die Vorgabe, den Bau in der Landschaft aufgehen zu lassen, zu dieser erstaunlichen Lösung führte.

Der Zürcher Architekt Markus Schietsch war erst Anfang dreissig, als er zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Lorenz Eugster den Zuschlag für das Projekt bekam. Eine der Ideen, von denen er sich leiten liess, um das Gebäude zu einem integralen Teil des Naturraums zu machen, war: möglichst wenig Wände. Die Konsequenz daraus: Das neue Elefantenhaus ist im Grunde genommen ein einziges Dach. Aber was für eines. Von aussen betrachtet sieht es aus wie der verwitterte Panzer einer Schildkröte von epischen Proportionen, der auf wenigen Betonstützen über dem Boden schwebt. Aber erst im Inneren wird ersichtlich, mit welcher Kosequenz die Analogie der schützenden Schale tatsächlich umgesetzt ist.

Die Kuppel ist ein reiner Holzbau und überspannt ohne eine Säule oder Stütze ein Areal von 85 Metern Durchmesser – beinahe liesse sich ein Fussballfeld darin unterbringen. Während vergleichbare Holzkuppeln sonst stets von einem dichten Netz aus Streben getragen werden, von dicken Balken, die die Schwerkraft in den Boden ableiten, fehlen solche Elemente hier gänzlich.

Lässt sich das überhaupt bauen?

Die Kuppel ist ihr eigenes Tragewerk, eine sich selbst versteifende Schale, zusammengehalten von einem Band aus Beton, das ihren Rand wie ein Gürtel umgibt. Ihr Effekt ist umso verblüffender, als sie durchlöchert ist von einem Geflecht eingesägter Oberlichter, die von unten den Eindruck eines Blätterdachs erwecken sollen.

Ob sich so etwas überhaupt bauen lässt, war laut Schietsch zu Beginn ungewiss. Eine vergleichbare Konstruktion gab es nirgends. Schietsch ging das Wagnis ein. Ingenieure der Firma Walt + Galmarini grübelten mit ihm über den Bau der Kuppel, bauten Modelle und kamen schliesslich zu einer ungewöhnlichen Lösung.

Zunächst mussten die Arbeiter ein Gerüst bauen, das den kompletten künftigen Innenraum ausfüllte. Dann verlegten sie aus drei verschiedenen Richtungen je eine Lage Holzbretter darüber und bogen sie vor Ort in die richtige Form. Wer in der Schule schon einmal einen Ballon mit Papiermaché verkleiden musste, kann sich das Prinzip dieser Bastelarbeit im XL-Format vorstellen. Bloss war die Sache hier ungleich komplizierter, weil die Bretter aufgrund der unregelmässigen Wölbung der Kuppel zentimetergenau zugeschnitten sein mussten. Zuletzt musste man die drei Bretterschichten miteinander verbinden. Alle zehn Zentimeter schossen die Arbeiter einen Nagel ins Holz; 600 000 Stück halten heute das Dach zusammen. Darübergelegt sind ein paar verstärkende Tragrippen.

Der Hochsicherheitstrakt

Für künftige Besucher unsichtbar ist auch der einzige Ort unter der Kuppel, wo Kräfte ganz unverblümt und altmodisch gebändigt werden – in diesem Fall wieder tierische Kräfte. Der «Backstage-Bereich» der neuen Anlage ist geprägt von etwas, was aussieht wie ein Zellenblock voller überdimensionierter Käfige aus Stahlträgern und Toren wie aus einem Science-Fiction-Film. Mit einem Gefängnis hat dieser Bereich laut Zoo aber wenig zu tun. Er ist Ausdruck eines Paradigmenwechsels in der Tierhaltung: Wenn die Pfleger mit den Elefanten trainieren oder sie medizinisch behandeln, sollen sie sich in beidseitigem Interesse nicht mehr im gleichen Raum aufhalten.

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