Trinkwasser

Chlorothalonil: Behörden zerstreuen Bedenken, sehen aber Handlungsbedarf

Hahnenwasser weist im Kanton Zürich eine gute Qualität auf – doch mehrere Gemeinden müssen nachbessern. (Symbolbild)

Hahnenwasser weist im Kanton Zürich eine gute Qualität auf – doch mehrere Gemeinden müssen nachbessern. (Symbolbild)

Der Chlorothalonil-Grenzwert wird in vielen Gemeinden im Kanton Zürich überschritten. Die Behörden versichern aber, dass das Trinkwasser bedenkenlos getrunken werden könne.

Ein gewisses Unbehagen beschlich vor einem Jahr einige Zürcherinnen und Zürcher. Der Kanton gab damals bekannt, dass er mancherorts im Grundwasser zu hohe Rückstände des Pestizids Chlorothalonil gemessen hatte. Fast jede dritte Grundwasserfassung überschritt in einer Stichprobe den gesetzlich festgelegten Grenzwert.

Chlorothalonil ist vermutlich so giftig, wie es klingt – der Wirkstoff steht seit einiger Zeit unter dem Verdacht, krebserregend zu sein. Ins Grundwasser gelangt ist er wohl über die Landwirtschaft. Diese setzte Chlorothalonil ab den 1970er-Jahren zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten ein. Allerdings wussten die Bauern nicht, dass das Pestizid gesundheitsschädigend sein könnte. Das Fungizid galt lange als unbedenklich.

Ein Würfelzucker im Super-Schwimmbecken

Dass es das Trinkwasser beeinträchtigt haben könnte, verunsicherte im vergangenen Jahr weite Teile der Bevölkerung. Gestern versuchten die kantonalen Behörden, die Bedenken zu zerstreuen, als sie die Resultate neuer Messungen präsentierten. Diese umfassen nebst dem Grundwasser nun auch das Trink-wasser und erstrecken sich über den Zeitraum von September 2019 bis August 2020.

Die zentrale Botschaft überbrachte Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) gleich zu Beginn der Medienkonferenz: «Das Trinkwasser im Kanton Zürich ist von guter Qualität. Es kann bedenkenlos getrunken werden», sagte sie. 80 Prozent der Bevölkerung konsumierten Wasser, das nicht oder kaum belastet sei. Das bedeutet aber auch: 20 Prozent des Trinkwassers im Kanton überschreiten den erlaubten Grenzwert.

Gemessen wird nicht der Anteil von Chlorothalonil selbst, da dieses sehr schnell nicht mehr nachweisbar ist. Deshalb suchen die Labors nach Abbauprodukten, sogenannten Metaboliten. Dafür wurde stellvertretend die Konzentration des Metabolits R471811 untersucht (siehe Grafik). Ein Liter Wasser darf nicht mehr als 0,1 Mikrogramm – also ein zehnmillionstel Gramm – dieser Stoffe enthalten. Ein Würfelzucker auf zwölf olympische Schwimmbecken sei das, sagte Rickli.

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Betroffen von zu hohen Werten sind 62 Gemeinden, vor allem solche aus dem Zürcher Unterland und einige im Oberland und dem Raum Winterthur. Im Limmattal wurde nur in Birmensdorf ein erhöhter Wert gemessen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass in diesen Gemeinden das Wasser flächendeckend belastet ist. Es gibt nämlich auch innerhalb einzelner Gemeinden Unterschiede. Die Gemeinden sind oft in unterschiedliche Druckzonen unterteilt, und in diesen setzt sich das Trinkwasser mitunter anders zusammen.

Beispielsweise kann das Trinkwasser in einer Druckzone ausschliesslich aus Grundwasservorkommen stammen, während es in einer anderen Druckzone zusätzlich mit Quell- oder Seewasser gemischt ist. Dies vermindert die Konzentration der Pestizidrückstände. Denn Quell- und Seewasser weisen praktisch keine Rückstände von Chlorothalonil auf, weshalb das Trinkwasser in den Gemeinden rund um den Zürichsee den Grenzwert nicht überschreitet.

Ums Grundwasser stehts schlimmer

Kantonschemiker Martin Brunner sagte allerdings, dass auch das Trinkwasser mit zu hohen Werten bedenkenlos getrunken werden könne. Er begründete dies damit, dass der Höchstwert im Sinne des Vorsorgeprinzips so tief angesetzt worden sei. Dennoch sei es Zeit zu handeln. «Wenn wir wollen, dass die Wasserqualität so gut bleibt, muss der Schutz nachhaltig verstärkt werden», sagte er. «Wenn wir das Grundwasser erst aufwendig aufbereiten müssen, um es trinken zu können, haben wir als Gesellschaft versagt.»

Eifriges Nicken erntete er dabei vom grünen Baudirektor Martin Neukom, der für das Grundwasser zuständig ist. Hier fällt die Bilanz trüber aus als beim Trinkwasser. Bei 60 von 100 untersuchten Grundwasservorkommen wurde der Höchstwert überschritten. Dies sei bedenklich und eindeutig zu hoch, sagte Neukom. «Das kann so nicht hingenommen werden.» Ein Problem ist, dass sich Pestizidrückstände nur langsam oder gar nicht abbauen. «Wenn die Stoffe einmal im Boden sind, bringt man sie fast nicht mehr raus», sagte Neukom. Der Boden sei wie ein Schwamm, der Substanzen aufsauge und wieder von sich gebe.

Wichtig ist deshalb aus Neukoms Sicht Prävention. Pflanzenschutzmittel sollten gezielt oder nur noch dann eingesetzt werden, wenn das Risiko gering sei. In einigen Fällen sei ganz darauf zu verzichten. Verbote von Pestiziden werden allerdings vom Bund beschlossen. Dieser hat denn auch im vergangenen Dezember Chlorothalonil die Zulassung entzogen. Der Chemiekonzern Syngenta wehrt sich dagegen.

Hohe Kosten für Gemeinden

Am Montag hat zudem das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen eine neue Weisung erlassen, wonach Trinkwasserversorger mit zu hohen Werten zwei Jahre Zeit haben, um Massnahmen zu treffen. Im Kanton kann dies im Extremfall dazu führen, dass einige Grundwasser-pumpen abgestellt werden müssen. Wo möglich, soll belastetes Grundwasser mit anderem gemischt werden, um die Konzentration der schädlichen Stoffe zu reduzieren.

Dies wiederum wird vielerorts dazu führen, dass neue Leitungen zu anderen Wasserversorgungen oder aber neue Grundwasserpumpwerke gebaut werden müssen. Auf die 62 betroffenen Gemeinden kommt somit einiges zu. «Das ist teuer und braucht Zeit», sagte Kantonschemiker Brunner. In der Summe zeigte er sich aber zuversichtlich.

Seinen Optimismus leitete er auch aus den aktuellen Messungen ab, die im Trinkwasser deutlich tiefere Wert von Chlorothalonil-Rückständen feststellten als im Grundwasser. Seine Folgerung: «Es gibt einen Unterschied zwischen Grundwasser und Trinkwasser. Und dies ist unserer guten Trinkwasserversorgung zu verdanken.»

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