Wahlserie
Balthasar Glättli ist ein politischer Frühstarter

Der Grüne Balthasar Glättli ist gerne etwas vorlaut – und will nun in den Ständerat. Glättli ist trotz seinen nur 39 Jahren ein Urgestein im Gemeinderat. 1998 wurde er als frisch Gewählter und jüngster Parlamentarier gleich Fraktionspräsident.

Pascal Unternährer
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Limmattaler Zeitung

«Explosion in einer Atomanlage bei Avignon» – diese Schlagzeile liest Balthasar Glättli auf seinem Smartphone, schüttelt den Kopf und sagt: «Das ist nicht die Art Wahlkampfhilfe, die ich mir wünsche.» Glättli beelendet, dass die Katastrophe von Fukushima offenbar nicht reicht, um die richtigen Lehren zu ziehen. Vor allem im Ständerat. Dort, wo er hin will.

Der Technikfreak

«WUM». Welt, Umwelt, Mitwelt. So hiess Glättlis erste Vereinigung, die er als Kantischüler im Zürcher Oberland mitgründete. Die drei Pfeiler globale Solidarität, Ökologie und soziales Engagement sind noch immer zentral für ihn und die Partei, die 1990 auf ihn zukam, als sie Kandidaten für die Kantonsratswahl suchte und eine Sektion im Bezirk Hinwil gründen wollte. Glättli ging an die Gründungsversammlung und meldete sich frech aus dem Publikum, als es um die Vorstandswahl ging.

Und wurde gewählt. Auch zum eidgenössischen Parteidelegierten, der er immer noch ist. Wahlkampfleiter wurde er auch gleich. Der junge Balthasar saugte alles auf, was nach linkem Engagement roch. Schon als 10-Jähriger las er lieber Zeitungen und Blättli von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, als draussen Fussball zu spielen. Und Stapel von Büchern. So war der Weg des Lehrersohns geebnet zum Philosophie-Studium. Dessen (vorläufiger) Abbruch hatte mit dem anderen Balthasar zu tun. Mit dem Technikbegeisterten, der auch als Grüner zeitweise jeden zweiten Sonntag Formel-1-Rennen schaute.

Computer und Internet lautete die Passion. Glättli wagte sich 1996 aufs unternehmerische Glatteis und baute mit einem Kollegen die Internetberatungsfirma Netiquette auf. Es lief gut. Für einen per Handschlag zugesicherten Grossauftrag stellten sie Leute ein. Acht waren sie, als der Auftrag plötzlich zurückgezogen wurde. Sie hätten kämpfen können, sagt er rückblickend. Doch dafür reichten die Reserven nicht.

«Was es heisst, KMUler zu sein, weiss man erst, wenn man Leute entlassen muss», sagt Glättli heute. Er hörte nach drei Jahren auf. Als Angestellter einer Softwarfirma konnte er die privaten Schulden einfacher abstottern. 2003 übernahm er die Geschäftsführung von Solidarité sans Frontières, was wieder mehr nach Politik tönte. Seit letztem Jahr ist er bei der Gewerkschaft VPOD angestellt.

Glättli ist trotz seinen nur 39 Jahren ein Urgestein im Gemeinderat. 1998 wurde er als frisch Gewählter und jüngster Parlamentarier gleich Fraktionspräsident. Der gleichaltrige SVP-Fraktionschef Mauro Tuena kennt und bekämpft ihn seit 19 Jahren – anfangs als Junge-SVP-Präsident, jetzt unter anderem in der Spezialkommission Polizei/Verkehr, in der Glättli Präsident ist und Tuena sein Vize. Trotzdem können sie auch nach der hitzigsten Debatte noch zusammen ein Bier trinken gehen.

Seinem Widersacher attestiert Tuena gute Dossierkenntnisse und Ehrlichkeit, doch sei er ein «verkehrspolitischer Träumer» und «Grünen-Fundi». Das erste Wort, das Jean-Claude Virchaux einfällt, ist hingegen «Grüner Realo». Der CVP-Gemeinderat war zwei Jahre lang RPK-Vizepräsident, als Glättli Präsident war. «Er ist sehr angenehm im Umgang und auch in einem polarisierten Parlament fähig, mehrheitsfähige Lösungen zu finden», sagt Virchaux über Glättli.

Partei erfolgreich geführt

Dass Glättli kein Hitzkopf ist, hat er während seiner vierjährigen Co-Präsidentschaft der kantonalen Grünen bewiesen. Zwar war er 2004 massgeblich beteiligt an der Abwahl des damaligen Co-Präsidenten Martin Bäumle. Doch führte er die durch die grünliberale Abspaltung verunsicherte Partei zusammen mit Marlies Bänziger erfolgreich in die nächsten Wahlen. Und heute ist GLP-Fraktionspräsident Gian von Planta in seinem Wahlkomitee.

Glättli muss nicht immer die Hauptrolle spielen. Das zeigt er in der Musik: In einem klassischen Streichertrio spielt er die zweite Geige.

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