Zürcher Obergericht

Ausbrecher Hassan Kiko hat das Vertrauen des Volkes erschüttert – das wirkte sich aufs Urteil aus

Hassan Kiko vor dem Zürcher Obergericht (Bildmontage)

Hassan Kiko vor dem Zürcher Obergericht (Bildmontage)

Das Zürcher Obergericht hat Hassan Kiko zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt und damit das Urteil des Bezirksgerichts bestätigt. Er war durch den Ausbruch, zu dem ihn die Aufseherin Angela Magdici verholfen hatte, landesweit bekannt geworden.

Hassan Kiko ist am Freitag erneut schuldig gesprochen worden: Das Zürcher Obergericht hat ein Urteil des Bezirksgerichts Dietikon vom 23. Mai 2017 bestätigt. Zu den 58 Monaten Haft, die der Syrer wegen mehrerer Sexualstraftaten noch absitzen muss, kommen nun sechs weitere Monate hinzu.

Im Prozess ging es darum, ob Kiko dafür bestraft werden kann, dass er die Gefängnisaufseherin Angela Magdici mehrmals gebeten hatte, ihn freizulassen, was dann im Februar 2016 in der Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon mündete.

Was Star-Verteidiger Valentin Landmann als straflose Selbstbegünstigungshandlung ansieht, hat nun auch das Obergericht als strafbare Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen beurteilt. Ob Landmann den Fall nun weiter ans Bundesgericht zieht, liess er am Freitag noch offen.

Hassan Kiko verurteilt: Das sagt Verteidiger Landmann

Hassan Kiko verurteilt: Das sagt Verteidiger Landmann dazu

«Anstiften heisst den Tatentschluss hervorrufen», sagte der Gerichtsvorsitzende Daniel Bussmann in der Urteilsbegründung. Dieser Tatentschluss könne mit verschiedenen Mitteln hervorgerufen werden: Überreden ist eines davon, aber auch Bitten gehöre dazu. Und im vorliegenden Fall bestünde klar ein Kausalzusammenhang zwischen den Bitten Kikos und dem Tatentschluss von Magdici. Schliesslich hatte diese zu Beginn die Bitten von Kiko noch ausgeschlagen. Das Gericht gewichtete dabei insbesondere eine Aussage Magdicis während der Strafuntersuchung. Sie habe Kiko auf seine Bitten einmal entgegnet: «Hey Mann, jetzt hör endlich auf!»

«Nein zu einem Ja gebogen»

Diese Reaktion Magdicis töne eher so, dass Kiko nicht um die Freilassung gebeten, sondern Magdici dazu gedrängt hatte, sagte der Richter. Mit dem Urteil folgte das Gericht auch der Staatsanwältin, die klar machte, dass ein Freispruch jedem Gerechtigkeitsempfinden widersprechen würde. Weiter sagte die Staatsanwältin: «Hassan Kiko hat Angela Magdici von einem anfänglichen Nein zu einem Ja gebogen.»

Hassan Kiko verurteilt: Das sagt die Staatsanwaltschaft

Hassan Kiko verurteilt: Das sagt die Staatsanwaltschaft dazu

Die Staatsanwältin Claudia Wiederkehr zeigt sich zufrieden mit dem Urteil gegen Hassan Kiko.

Für die Juristen noch wichtiger war aber die Frage, ob diese Anstiftung überhaupt strafbar war. «Eine hochinteressante Frage», sagte Oberrichter Daniel Bussmann. Dazu muss man wissen, dass ein klassischer Gefängnisausbruch eines einzelnen Häftlings in der Schweiz nicht strafbar ist. Im Fall Kiko geht es aber um ein Sonderdelikt: Denn nur Beamte wie die damalige Gefängnisaufseherin Angela Magdici können überhaupt Gefangene entweichen lassen. Mit der Anstiftung zu diesem Sonderdelikt hat Kiko nicht nur sich selbst begünstigt – was straffrei wäre –, sondern er hat das Vertrauen erschüttert, das der Staat und die Bevölkerung in die Gefängnisaufseher gesetzt haben, hielt schon das Bezirksgericht Dietikon fest.

«Das Gefängnispersonal der Lächerlichkeit preisgegeben»

Gerade im Fall Kiko zeige sich anhand des regen Medieninteresses und der Reaktionen aus dem Volk sehr gut der erhebliche Reputationsschaden, der weit über die Selbstbegünstigung hinausreiche, heisst es im 22-seitigen Dietiker Urteil. «Hassan Kiko hat das Gefängnispersonal des Kantons Zürich der Lächerlichkeit preisgegeben», sagte gestern die Staatsanwältin. Diesen Argumenten folgten die Oberrichter.

Hassan Kiko erneut schuldig gesprochen

Hassan Kiko erneut schuldig gesprochen– der Bericht von TeleZüri

Während Valentin Landmann die juristische Verteidigung übernahm, hatte auch Hassan Kiko ein paar Worte auf Lager: Er wies darauf hin, dass Angela Magdici zum Tatzeitpunkt volljährig war und er nicht dafür verantwortlich sei, dass sie ihn entweichen liess. «Sie konnte entscheiden, was sie will. Wie könnte ich jemanden unter Druck setzen, obwohl ich nichts habe?», sagte Kiko, der 2009 als Asylsuchender in die Schweiz eingereist war und der bereits drei Vorstrafen aufweist.

Kiko will vor 2023 wieder frei sein

Angela Magdici war gestern nicht am Prozess – auch nicht in den Zuschauerreihen. Sie und Kiko sehen sich aber regelmässig. Diesen Sommer hatten sie in der Justizvollzugsanstalt in Lenzburg geheiratet. Magdici darf Kiko einmal pro Woche besuchen. Dreimal ruft er sie an. Zudem schreibt er ihr ein- bis zweimal pro Woche. Im Gefängnis arbeitet Kiko im Hausdienst, wofür er monatlich rund 200 Franken erhält.

Wenn er freikommt, will Kiko arbeiten und eine Familie gründen. Er hofft, dass er nicht die volle Strafe bis Februar 2023 absitzen muss, sondern wegen guter Führung bereits 2020 rauskommt. Bei jemandem von guter Führung zu sprechen, der aus dem Gefängnis geflüchtet ist; das dürfte allerdings schwierig werden.

Fall Kiko: Verteidiger Valentin Landmann vor dem Prozess

Fall Hassan Kiko: Was Verteidiger Valentin Landmann vor Prozessbeginn zu sagen hatte

Lesen Sie den Prozessverlauf in unserem Liveticker nach:

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