Winterthur
Apothekerin macht Chefs auf verschwindendes Geld aufmerksam – sie wird dann selber beim Stehlen erwischt

Ferner fand die Polizei bei einer Wohnungsdurchsuchung Medikamente, welche die Angeklagte ohne ärztliche Verordnung und laut eigener Aussage für ihre Flugangst brauche. Allerdings hätte sie das Mittel nur zu beruflichen Zwecken verwenden dürfen.

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Die Frau wurde auf Videoaufnahmen dabei erwischt, wie sie 830 Franken stahl. (Symbolbild)

Die Frau wurde auf Videoaufnahmen dabei erwischt, wie sie 830 Franken stahl. (Symbolbild)

Keystone/Christian Beutler

Eine ehemalige Filialleiterin einer Apotheke einer nationalen Kette steht vor dem Bezirksgericht Winterthur, weil sie drei Jahre lang wiederholt in die Kasse griff. Dies berichtet der «Tages-Anzeiger» am Donnerstag. «Ich bereue es zutiefst», wird sie zitiert. Sie bezieht sich hierbei auf acht Ereignisse, bei welchen sie per Videoüberwachung ertappt wurde, wie sie Geld – insgesamt 830 Franken – aus der Kasse nahm. Der Grund: Zum tanken oder Essen kaufen, wenn sie das Portemonnaie vergessen habe, mehr nicht. Auf die Frage des Gerichts, warum sie es danach nicht zurückgezahlt habe: «Vielleicht hatte ich am nächsten Tag frei.»

Die Staatsanwaltschaft und der Apothekenbetreiber argumentieren allerdings, dass über die eindeutig dokumentierten Vorfälle hinaus vermehrt Geld verschwunden sei, seitdem die Angeklagte, eine gebürtige Usbekin, als Geschäftsführerin angestellt worden war. Eine Deliktsumme von 45'000 Franken wird von ihnen genannt. Die Anklage meint, dass sie damit ihre Kaufsucht finanziert hätte – die Apothekerin bestreitet die Kaufsucht ebenso entschieden wie den Grossteil der Vorwürfe selbst.

Es ist unklar, was genau vor sich ging. Dass immer wieder Geld verschwand, meldete die Angeklagte selbst über Jahre hinweg ihren Vorgesetzten, wobei sie auf stärkere Massnahmen pochte. Diese installierten vorletztes Jahr ohne Beteiligung der Angeklagten Videoüberwachung. Die Angeklagte wurde folglich dabei gefilmt, wie sie selber in die Kasse griff.

Die Verteidigenden suchen die Schuld bei IT, Abrechnungen oder Mitarbeitern

Die Anwältin und die Angeklagte beteuern, dass dies einzelne Vorfälle gewesen seien, welche sich nie auf Zehntausende Franken belaufen können. Hierbei nennen sie IT-Fehler, zweifelhafte Abrechnungen oder allenfalls andere Angestellte als Schuldige.

An den Videobeweisen von 2019 gibt es allerdings nichts zu rütteln – im Gegensatz zum Vorwurf, dass die Angeklagte alleine für das fehlende Geld verantwortlich sei. «Vielleicht hat die Beschuldigte den Eindruck bekommen, dass es niemanden interessiert, wenn Geld verschwindet», so die Anwältin im Schlussplädoyer. «Vielleicht hat sie gedacht, dass es auch keinen Unterschied mehr macht.» Das könne die Taten natürlich nicht entschuldigen, doch es unterstützt die Erzählung der Verteidigung vom finanziellen Chaos, in welchem die Geschäftsführerin schlussendlich zur Gelegenheitsdiebin wurde. Die Anwältin erinnert das Gericht, nachdem sie diese Zweifel nährte, an die Phrase «Im Zweifel für die Angeklagte».

Die Angeklagte verwendete privat Medikamente, für welche sie keine Verordnung hatte

Der zweite Anklagepunkt liess aber nicht viel Zweifel: Die Polizei fand eine Packung des Angstmedikaments Temesta bei der Wohnungsdurchsuchung. Die Beschuldigte hatte keine ärztliche Verordnung dafür. Während sie dies damit rechtfertigt, dass sie die Medikamente für Flugangst brauche, widerspricht ihr das Gericht. Sie dürfe mit dem Mittel nur zu beruflichen Zwecken umgehen. Für den privaten Gebrauch brauche auch sie eine ärztliche Verordnung. Sie muss daher 500 Franken Busse zahlen.

Die Strategie der Verteidigung funktioniert in den anderen Punkten. Die Angeklagte muss die Verantwortung für lediglich 830 Franken übernehmen, von welchen es eine Videoaufnahme des Diebstahls gibt. «Natürlich besteht der Verdacht, dass Sie noch mehr genommen haben», so die Richterin. Die Beweise reichen aber nicht für eine Verurteilung – eine wichtige Zeugin wurde von der Staatsanwaltschaft gar nicht befragt.

Die Richterin hat trotz allem klare Worte für die Apothekerin: «Sie haben Ihre Vertrauensposition und die unübersichtliche Situation relativ dreist ausgenutzt und sich verhalten wie in einem Selbstbedienungsladen.» Weil die Angeklagte im Monat mit Boni durchschnittlich zwischen 11'000 und 12'000 Franken verdiente, bestand keine Not dazu.

Das Urteil wegen Diebstahls war schlussendlich eine Geldstrafe von 8400 Franken. Diese ist allerdings nur zu zahlen, falls die Frau in den nächsten zwei Jahren wieder straffällig wird. Ferner muss sie dem ehemaligen Arbeitgeber die gestohlenen 830 Franken zurückzahlen. Wenn die Kette auf den Rest besteht, wird diese auf den zivilrechtlichen Weg gehen müssen. Es besteht noch die Möglichkeit, gegen das Urteil eine Berufung einzulegen.