Niederdörfli

«Als WC-Papier benutzte man Heu»: Zurück in der Zeit als man sich im Scheissgraben erleichterte

Zeitreise: Zwischen zwei Häuserreihen im Zürcher Niederdorf flossen früher die Fäkalien. Heute hört man nur noch die Spülungen.

Eine unscheinbare Holztür an der Schifflände im Zürcher Niederdorf führt zurück in der Zeit. Noch vor knapp 100 Jahren muss es zwischen den beiden eng beieinander stehenden Häuserreihen grausam gestunken haben. Denn die menschliche Notdurft, Küchenabfälle und aller andere Mist landeten in diesem Hinterhofgässchen. Die mittelalterlichen Stadtbewohner erleichterten sich in Latrinen-Erkern an der Rückseite der Häuser. «Als WC-Papier benutzte man Heu. Auf dem Boden lag zudem Stroh, das die Fäkalien trockenlegen sollte», sagt Stephan Wyss. Der Leiter der Stadtzürcher Archäologie schliesst mit einem Schlüssel die Holztür auf und führt in das enge Gässchen, wie es im Mittelalter viele gab rechts und links der Limmat.

Heute ist der sogenannte Ehgraben – das Wort bezeichnete im Mittelalter die Grenze zwischen zwei Grundstücken – an der Schifflände überdeckt. Es ist sauber, kühl und olfaktorisch unauffällig. Lampen beleuchten auf beiden Seite Infotafeln etwa zum «Menschen und seiner Notdurft». Zum relevanten Thema wurde der geordnete Umgang mit den menschlichen Ausscheidungen erst, als der Mensch sesshaft wurde, erklärt Wyss. In der Prähistorie, etwa in den Zürcher Pfahlbaudörfern, war das Problem allerdings schnell gelöst, schliesslich standen die Bauten im Wasser.

Fortschrittliche Lösungen wie Latrinen und Kloaken entwickelte man im römischen Kaiserreich. Damals wurde die Beseitigung der Ausscheidungen in den sich bildenden grösseren Städten zur hygienischen Notwendigkeit. Allerdings kamen nur die Städter in den Genuss eines Abwassersystems. Grösste Teile der Bevölkerung im römischen Reich mussten sich mit einfachen Latrinengruben in Hinterhöfen behelfen, so wohl auch die Bewohner der kleinen Zollstation Turicum.

Abtritt-Erker im Mittelalter

Im Mittelalter lebten rund 9000 Personen in Zürich. Ihre Ausscheidungen gelangten über sogenannte Abtritt-Erker mit Plumpsklos in die Ehgräben. Durch das natürliche Gefälle zwischen den Häuserzeilen floss Flüssiges von alleine hin zur Limmat. Festes band das Stroh.

Die Reinigung der Gräben war eine gemeinschaftliche Pflicht der Hausbesitzer. Sie beauftragten von Zeit zu Zeit «Ehgraben-Räumer» damit. «Das war wohl nicht der begehrteste Beruf», sagt Wyss. Die Vorstellung, dass mittelalterliche Stadtbewohner gleichgültig waren gegenüber schlechten Gerüchen, sei eine Mär. «Man lebte sicher näher bei den Fäkalien, störte sich aber genauso am ­Gestank – wohl mit einer etwas höheren Toleranzgrenze», sagt Wyss.

Heute wisse man sehr wenig über die Lebensumstände der Ehgraben-Räumer – und auch nicht, wie häufig sie dieser Beschäftigung nachgingen und den Mist wegräumten. Als Rohstoff war der Trockenmist durchaus wertvoll und landete in den Gärten, Feldern und den Rebbergen am Zürichsee.

Problematisch wurden die offenen Ehgräben erst im 19. Jahrhundert, als die Stadtbevölkerung durch die Industrialisierung rasch zunahm. Während 1799 erst 10000 Personen in der Zürcher Altstadt lebten, waren es Ende des 19. Jahrhunderts bereits 28000. Zusammen mit den eingemeindeten Vororten wohnten in Zürich gar 117000 Menschen. Die Hinterlassenschaften all dieser neuen Stadtbewohner begannen zu stören. Zudem tauchten mehrfach Seuchen wie Typhus und Cholera auf. Man glaubte, dass die aus verseuchter Erde aufsteigenden Dämpfe krank machten.

All dies führte zur Kloakenreform von 1867/1868. Die Stadt beschloss ein Entsorgungssystem mit geschlossener Kanalisation. Federführend war der Zürcher Stadtingenieur Arnold Bürkli, der sich in anderen europäischen Städten kundig machte und statt auf ein Schwemmsystem auf ein Kübelsystem setzte nach Pariser Vorbild. «Wohl auch weil es den Leuten nicht wohl dabei war, allen Mist in die Limmat zu spülen», wie Wyss sagt. So kam es in den Ehgräben, in denen sich über Jahrhunderte nichts getan hatte, zu einer rasanten Entwicklung.

Kübelsystem erwies sich als umständlich

Die Gräben wurden abgedeckt, von den Plumpsklos führten Fallrohre hinunter zu Kübeln, die in den Gräben in Nischen standen. Die Kübel fingen die festen Fäkalien auf, Flüssiges floss durch ein Sieb unten im Kübel ab in Kanalisationsrohre im Boden. Die Kübel wurden mit Pferdewagen abgeholt, geleert und geputzt. Lange hielt sich die Begeisterung über das neue System aber nicht. Bereits zur Jahrhundertwende beklagte man, das Kübelsystem sei umständlich, dreckig und unrentabel, denn die Landwirtschaft hatte kaum mehr Verwendung für den Stadtmist. «So entschied die Stadt, doch ein Schwemmsystem einzuführen», sagt Wyss. Allerdings verzögerte der Erste Weltkrieg die Umsetzung des Projekts. Erst in den 1920er-Jahren entstand ein Abwassersystem, das ab 1926 nicht mehr in die Limmat, sondern zur Kläranlage Werdhölzli führte.

Wenn man das heutige Gässchen an der Schifflände hochgeht – das immer schmaler und enger wird, bis man es durch ein knapp 50 Zentimeter breites Türchen in die Oberdorfstrasse hinaus verlässt – sieht man in den früheren Kübel-Nischen die Rohre, die immer noch aus den Häuserrückseiten in den Ehgraben führen. Das einzige Geräusch, das hin und wieder zu hören ist, sind denn auch die WC-Spülungen der heutigen Niederdorfbewohner.

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