Filmemacher

Als die Filmbranche noch lockerer war: Markus Fischer hat beim «Tatort» und «Bestatter» mitgewirkt

Wer etwas Neues wage, der komme heute kaum mehr an Fördergelder, sagt Filmemacher Markus Fischer. Bild: Nicolas Zonvi

Wer etwas Neues wage, der komme heute kaum mehr an Fördergelder, sagt Filmemacher Markus Fischer. Bild: Nicolas Zonvi

Er hat «Tatort»-Folgen gedreht und als Produzent für «Der Bestatter» gearbeitet: Doch Markus Fischer vermisst die Freiräume von früher.

Eine Karriere, wie sie Markus Fischer eingeschlagen hat, ist heute kaum mehr möglich. «Auch im Film ist mittlerweile alles hochakademisiert», sagt er. «Meine Laufbahn in der Filmbranche begann als Mädchen für alles bei Regisseur Markus Imhoof. Ich nehme ihn deswegen heute noch hoch, wenn ich ihn sehe», sagt der Filmemacher und lacht.

Fischer sitzt am Küchentisch seines Reiheneinfamilienhäuschens unweit des Römerhofs in Zürich und blickt auf die Anfangszeit seiner «Tellerwäscher-Karriere als Filmemacher» zurück, wie er es nennt. Er sei in den frühen 1970er-Jahren oft bei «More than Honey»-Regisseur Imhoof im sogenannten Filmerhaus in Aathal zu Besuch gewesen. «Einen Lohn habe ich nie bekommen. Aber ich konnte dies und das machen, hier und dort assistieren. So rutschte ich langsam in die Filmbranche rein.» Fischer saugte alles auf, lernte als Assistent in den verschiedenen Bereichen, die zum Film gehören: Kamera, Ton, Schnitt und Filmmusik. «Anstatt an die Filmhochschule zu gehen, arbeitete ich in der Praxis. Heute muss man den akademischen Weg gehen, was ich in künstlerischen Berufen ein Problem finde. Die Filmbranche ist hochprofessionell», sagt der 66-Jährige.

Die Stimmung beim Filmen ist kälter geworden

Manchmal stecke etwas Nostalgie hinter seinem Blick auf die Anfänge in der Branche, gibt er zu. «Man konnte seine Filme ein wenig anarchistisch machen, schaute, dass es irgendwie ging. Ich hatte ein anderes Glücksgefühl, als ich damals Filme machte.» Die Stimmung habe sich stark verändert, sei kälter geworden. «Alles ist sehr technokratisch, alles muss perfekt sein.»

Aufgewachsen ist Fischer in Wetzikon im Zürcher Oberland, im Ortsteil Kempten besuchte er die Primarschule. «Ich habe damals vor der Schule den ‹Zürcher Oberländer› ausgetragen, bin jeden Morgen um fünf aufgestanden und habe meine Runde gemacht», sagt er. Kempten sei Anfang der 1960er-Jahre noch ein Bauerndorf gewesen.

Dass er überhaupt beim Film gelandet ist, hat auch mit der Zeit zu tun, in der er aufgewachsen ist. «Die Wege waren damals traditionell vorgezeichnet. Eigentlich hätte ich die Druckerei meines Vaters übernehmen sollen. Ich begann auch eine Lehre als Drucker, brach sie aber ab.» Den «grossen Umbruch» nennt der Filmemacher diese Zeit und die Musik der Beatles eine «totale Offenbarung».

Fischer liess seine Haare wachsen, gründete mit Kumpels eine Band. In einem alten Bauernhof dienten der ehemalige Saustall als Bandraum und alte Röhrenradios als Verstärker. «Plötzlich hatte ich das Gefühl, aus dieser bleiernen Schweizer Gesellschaft von damals ausbrechen zu können. Es war wie eine Befreiung», so Fischer. Diese Zeit habe ihn und seinen Werdegang geprägt.

Der junge Hippie jobbte und reiste mit seiner damaligen Freundin per Schiff nach Jamaika und von dort weiter nach Mittelamerika und in die USA. «Als ich zurückkam, wusste ich, was ich machen wollte: Geschichten erzählen. Ich fotografierte damals schon viel und wusste, dass ich mit Musik, Texten und Menschen arbeiten wollte.» Beim Film kam all dies zusammen.

Kino oder Fernsehen macht keinen Unterschied

Mit 25 Jahren zog er nach Zürich, etablierte sich immer mehr in der Branche. Anfang der 1990er-Jahre ging Fischer nach Deutschland, drehte «Tatort»-Folgen und zahlreiche Fernsehfilme für ARD und ZDF, Sat1 und RTL. «Ich hatte auch sehr viel Glück, dass meine Fernsehfilme in Deutschland grosse Erfolge waren.» Nach seiner Rückkehr in die Schweiz gründete er in den Nullerjahren seine eigene Produktionsfirma, drehte Kinofilme wie die mysteriöse Geistergeschichte «Marmorera».

Für ihn als Regisseur mache es von der Arbeitsweise her keinen grossen Unterschied, ob er fürs Fernsehen oder fürs Kino drehe. «In der Branche gilt aber Kino als das Höchste, das Renommee ist grösser.» Wer viel fürs Fernsehen arbeite, habe tatsächlich ein Problem, wenn er einen Kinofilm drehen möchte. «Der macht Fernsehen. Kann der Kino überhaupt?» heisse es dann. «Obwohl international viele beides machen, etwa Lars von Trier .»

Fischer kritisiert die heutige Filmförderung in der Schweiz. «Man wartet teilweise jahrelang, bis man einen Film realisieren kann. Alles ist reglementiert, die Freiräume sind eingeschränkt.» Kaum jemand wage etwas Neues, weil man so nur sehr schwer an Fördergelder komme. Darauf habe er je länger, je mehr keine Lust. «Man muss im Leben auch noch anderes machen können.»

Nach sieben Jahren wieder mehr eigene Projekte

Zuletzt arbeitete er sieben Jahre lang als Produzent für die SRF-Erfolgsserie «Der Bestatter». Eine strenge Zeit, wie er sagt. Künftig wolle er etwas runterfahren, mehr Zeit für sich haben, eigene Projekte verfolgen. Seine beiden erwachsenen Söhne sind ausgezogen, er doziert an der Schauspielhochschule in Bern, malt, will wieder vermehrt Drehbücher schreiben.

«Ich werde auch weiterhin Filme machen, arbeite derzeit an einer Verfilmung von Gotthelfs ‹Schwarzer Spinne›. Noch ist die Finanzierung aber nicht gesichert.» Er kämpfe weiterhin gegen die Mühlen des Systems, sagt er und lacht.

Aller Kritik zum Trotz wirkt der 66-Jährige entspannt. «Die Situation ist für alle gleich. Man muss einfach das Beste draus machen. Ich hatte viel Glück, bin nie auf Nummer sicher gegangen, habe immer neue Dinge ausprobiert.» Tanzfilme, Dokus, Krimi, Drama, Komödien, ein erotischer Kurzfilm und eine Comic-Verfilmung in Marokko gehören zu seinem Palmarès.

Er spricht ehrlich, auch über Flops wie seinen ersten Kinofilm «Kaiser und eine Nacht» oder seinen bislang letzten Streifen für die Leinwand «Zoe & Julie». Ein Arthouse-Film, den kaum jemand sehen wollte. Verbittert darüber ist er nicht. «Im Grunde habe ich immer nach faszinierenden Welten gesucht, die ich auf die Leinwand bringen könnte. Ich bin mit meiner Filmografie zufrieden.»

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