Auf dem Helvetiaplatz in Zürich wird am Mittwochabend Kaffee ausgeschenkt. Doch die Knaben und Männer, für welche der Kaffee ausgeschenkt wird, werden nie wieder zurückkommen. «Što te nema» bedeutet auf Bosnisch «Wieso bist du nicht da». Das temporäre Denkmal auf dem Platz besteht aus über 7500 bosnischen Kaffeetassen, «filidzani». Zusammen stehen sie für die 8372 Knaben und Männer, die im Juli 1995 in Srebrenica umgebracht wurden.

Die bosnsich-amerikanische Künstlerin Aida Šehovic hat das Kunstwerk initiiert. Seit zwölf Jahren stellt sie «filidzani» am jährlichen Gedenktag des Genozids, dem 11. Juli, in verschiedenen Städten auf. Unterstützt wird die Künstlerin von Passanten und Freiwilligen. Zürich ist die 13. Station von «Što te nema», nach Chicago, Toronto, Istanbul, Stockholm, Den Haag und weiteren Städten. Šehovic suche die Städte nie selber aus, sagt sie gegenüber dem Tagesanzeiger. Die Städte laden die Künstlerin selbst ein. 

Raum für Dialog schaffen

In Zürich war es Ismeta Curkic, Botschafterin der Wohltätigkeitsorganisation «La Terra Nostra», die «Što te nema» auf den Helvetiaplatz holte. Dank privater und institutioneller Spenden sowie Crowdfunding, konnte das Projekt finanziert werden. «Es war uns wichtig, verschiedene Gruppen in das Projekt einzubinden. Muslime, Orthodoxe, Juden, Christen, Bosniaken und Serben», sagt die Hauptorganisatorin gegenüber der Zeitung weiter. Sie selbst stammt aus Bosnien, wuchs in Österreich auf und lebt nun seit sechs Jahren in Zürich. Mit der Unterstützung will sie einen Raum für Dialog schaffen, einen Ort, an dem Menschen zusammen für Toleranz und ein friedliches Zusammenleben einstehen können. «Im Fokus steht die Multikulturalität in Zürich.»

Den Weg zur Kunst fand Šehovic durch den Verlust eines friedlichen Zusammenlebens. Mit 15 Jahren floh sie aus Bosnien-Herzegowina in die Türkei, dann nach Deutschland und später in die USA. Heute lebt die Künstlerin in New York. Wie sie der Zeitung gegenüber berichtet, habe der Bosnienkrieg ihr Leben auf den Kopf gestellt: «Ich war zu jung, um genau zu verstehen, was geschah, aber zu alt, als dass die Ereignisse spurlos an mir vorbeigegangen wären», sagt sie über den Krieg und Srebrenica. Wie hatte das passieren können unter Augen so vieler, deren Leben einfach weiterging? 

Die Frauen und Mütter, die bis heute warten

Im Jahr 2004, knapp zehn Jahre nach Ende des Krieges, reiste Šehovic  zum ersten Mal zurück in ihre Heimat. In diesem Jahr fand man die ersten Überrreste von Opfern aus Srebrenica. Šehovic hörte von den Frauen von Srebrenica, die ihre Männer und Söhne vermissten. Sie erzählten, wie schmerzhaft es sei, dass sie zu Hause niemanden mehr hätten, mit dem sie Kaffee trinken konnten. In der bosnsichen Kultur hat das gemeinsame Kaffee trinken eine grosse Bedeutung: «Von frühester Kindheit an erinnere ich mich, wie meine Eltern zweimal am Tag zusammen Kaffee zubereitet und getrunken haben. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis.» Šehovic verstand: Für die Witwen geht der Genozid und das Trauma weiter. Die Frauen warten immer noch auf ihre Männer und Söhne. Što te nema», «Wieso bist du nicht da» wurde zu Šehovics Antwort auf Gleichgültigkeit.

Ein Denkmal für alle

Die Tassen für das Monument wollte die Künstlerin nicht einfach kaufen. «Genozid ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Verbrechen gegen uns alle. Deshalb geht uns das alle was an», erzählt sie dem Tagesanzeiger weiter. Und so sammelte Šehovic Tasse für Tasse. Menschen aus ganz Bosnien-Herzegowina und später aus der ganzen Welt unterstützen die Künstlerin und spendeten Tassen. 

Zu Beginn füllte Šehovic die Tassen selbst. Doch eines Tages boten Überlebende von Srebrenica an, beim Aufstellen und Auffüllen der «filidzani» zu helfen. Seither sind Passantinnen und Passanten eingeladen, den vor Ort gekochten bosnsischen Kaffee aus der Dzezva, der traditionellen Kaffeekanne, in die kleinen Tassen auszuschenken. So auch am Mittwochabend auf dem Helvetiaplatz. Über den ganzen Tag hinweg wächst das Denkmal. Je mehr Kaffeetassen gefüllt werden, desto grösser wird es.