Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, die beiden Geburtstagsfeiern, die in Zürich in den letzten beiden Tagen zum 200-Jahr-Jubiläum des Wiener Kongresses gehalten wurden: Während die Zürcher SVP am Donnerstag unter dem Titel «200 Jahre völkerrechtliche Neutralität» eine Schweizer Geschichte der Nichteinmischung in ausländische Angelegenheiten feierte, diskutierten gestern an der Uni Zürich Historiker über die tatsächliche Bedeutung der am Kongress zugestandenen Schweizer Neutralität – und über die Rolle Zürichs in Wien.

«Zürich und der Wiener Kongress. Kolloquium und Festaktveranstaltung» lautete der Titel der Veranstaltung, zu welcher der Regierungsrat zusammen mit dem Staatsarchiv, dem Historischen Seminar der Universität Zürich und der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) eingeladen hatten.

Den Festakt läutete die abtretende Regierungspräsidentin Regine Aeppli ein, bevor sie dem Festredner, alt Bundesrat Moritz Leuenberger, das Wort erteilte.

«Die Neutralität, welche aus dem Wiener Kongress heraus entstand, entwickelte sich weiter zu einem Mythos, den einige noch immer für von Gott gegeben erachten», sagte dieser in seiner Rede.

«Erwarten Sie von einem Politiker bitte keine Objektivität», witzelte er aber postwendend – und verwies für dieses Metier auf die zuvor debattierenden Historiker, darunter der Zürcher Professor Jakob Tanner, alt Botschafter Paul Widmer oder der freischaffende Historiker Markus Brühlmeier.

Deren lebhafte Diskussion am Nachmittag zeigte dabei vor allem auch: Was genau der Wiener Kongress für die Schweiz und die Neutralität bedeutete, darüber gehen auch unter Historikern die Meinungen auseinander.

Nach einer Reihe von Koalitionskriegen ordnete der Wiener Kongress unter Führung der vier Siegermächte Österreich, Preussen, Russland und Grossbritannien sowie später auch Frankreich die Verhältnisse in Europa neu.

Dabei beschlossen sie am 20. März 1815 in einer Erklärung über die Angelegenheiten der Schweiz die «immerwährende Neutralität der Schweiz». Sie garantierten die Integrität der 19 Schweizer Mediationskantone und fügten zudem mit Wallis, Neuenburg und Genf gleich noch drei neue Kantone bei.

Nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen sollte Europa wieder eine stabile Ordnung erhalten und eine neutrale Schweiz lag im Interesse der anderen Nationen: Um ein Gleichgewicht der Mächte herzustellen, wollte man bewusst einen Pufferstaat.

Einigkeit unter den Historikern am Podium herrschte bezüglich des Auftritts der Schweizer Delegation am Wiener Kongress. Das Verdikt: miserabel und uneinig.

«Die Schweizer Kantone waren unglaublich zerstritten zu diesem Zeitpunkt, das ist sagenhaft. Wir waren auf keinen Fall das einig Volk, als das wir uns in unseren Mythen gerne darstellen», so Jakob Tanner.

Der gemeinsame Nenner der Kantone sei bestenfalls eben die Neutralität gewesen. Für ihn ist klar: «Die Schweiz wurde mit einer Klammer zusammengehalten, die von aussen gekommen ist.»

Dass diese Klammer funktionierte, war nicht selbstverständlich: Gerade noch rechtzeitig beschloss die Tagsatzung der Eidgenossen auf Druck der Grossmächte einen Bundesvertrag. Drei Tage später entsandte die Tagsatzung, welcher Zürich vorstand, eine dreiköpfige Delegation nach Wien.

Als Leiter dieser Delegation mit dabei: der Zürcher Hans von Reinhard. Reinhard, ein Aristokrat alter Schule, war zu der Zeit Vorsitzender der Tagsatzung. Kritiker sehen in ihm einen eher schwachen Staatsmann.

Andere wiederum streichen seine Leistung als Diplomat hervor, die offizielle Schweizer Politik in Wien gegenüber Herummauschlern aus anderen Kantonen durchgesetzt zu haben. Denn neben den von der Tagsatzung in Zürich ernannten Vertretern machten sich auch viele Kantonsvertreter mit unterschiedlichsten Interessen auf nach Wien.

Gemäss dem Historiker Markus Brühlmeier, welcher sich intensiv mit der Rolle Zürichs beschäftigt hat, hatte Hans von Reinhard alle Hände voll zu tun, um die zuvor unter äusserem Druck beschlossene Linie der Tagsatzung durchzusetzen, die lautete: gleichberechtigte Integration des Wallis, von Neuenburg und Genf als neue Kantone. Eine Integration, welche von anderen Kantonen bekämpft wurde.

Kein Zufall also, dass beim Festakt gestern Politiker aus Genf, Wallis und Neuenburg anwesend waren, um mit dem Kanton Zürich das 200-Jahr-Jubiläum des Wiener Kongresses zu feiern. Oder wie Regine Aeppli bei ihrer Rede scherzhaft anmerkte: «Ich freue mich natürlich sehr, dass wir Zürcher dazu beitragen konnten, dass das Wallis, Genf und Neuenburg auch zur Schweiz gehören.»