Was, wenn nicht mehr die Lehrperson den Unterricht gestaltet, sondern das Kind selbst? Genau diese Idee der Selbstbestimmung wird in der Zürcher Privatschule Dandelion in die Praxis umgesetzt. Dort lernen die Schüler ohne Druck und entscheiden selber, was sie wann lernen möchten. Doch wie weit funktioniert dieses alternative Konzept wirklich? Über diese Lernphilosophie wurde kürzlich in der SRF-Arena/Reporter-Sendung hitzig diskutiert. «Aufgabe der Schule ist Vermittlung von Wissen und geistigen Kompetenzen. Massnahmen, die auf Motivation und Kreativität ausgerichtet sind, können dies unterstützen – aber nicht ersetzen», sagte Elsbeth Stern, Lehr- und Lernforscherin an der ETH Zürich.

Seit etwa sechs Monaten besucht der dreizehnjährige gebürtige Dietiker Kevin B.* die Schule Dandelion. «Der Druck in der sechsten Klasse stieg zunehmend für ihn und für uns als Familie mit den Prüfungsvorbereitungen. Es blieb keine Familienzeit mehr. So haben wir uns entschieden, die Schule zu wechseln», sagt dessen Mutter A. C.

An der Schule Dandelion gibt es diesen Druck nicht. Im Gegenteil: Die Schule verzichtet auf Prüfungen, Hausaufgaben und Noten. Ausser ein Kind wünscht dies. Ganz nach dem Konzept des freien Willens. Es klingt nach einem Paradies für jeden Jugendlichen.

«Staatliche Schulen haben einfach einen Plan, an den sie sich richten. Es herrscht grosser Druck und alle Kinder müssen mitmachen», sagt C. Schüler würden nur für Prüfungen lernen und um den Stoff abzuarbeiten, anstatt für sich selbst zu lernen. «Das ist reines Bulimie-Lernen. Die Kinder verlieren die Fähigkeit, vernetzt denken zu können», sagt die Dietikerin, die heute in Jonen lebt.

Der freie Wille der Schüler

«Ich möchte heute kein Französisch lernen» ist ein normaler Satz im alltäglichen Leben der Kinder an der Schule Dandelion. Fällt dieser, fragt die Lehrperson, was die Schüler denn lieber machen würden. «Wir lassen den Schülern Zeit und genügend Freiheit beim Lernen. Der Lehrplan ist präsent, wir üben damit aber keinen Druck aus und schreiben nicht vor, wie gelernt werden soll. Es gibt verschiedene Wege etwas zu lernen», sagt Angela Joerg, die Schulleiterin. «Lernen ist davon abhängig, wie offen und neugierig ein Schüler ist. Wenn ein Kind blockiert, dann gehen wir der Sache auf den Grund und versuchen, es für den Stoff zu begeistern oder aufzuzeigen, wieso es Sinn macht, gewisse Dinge zu lernen», sagt Joerg.

Dem Oberstufenschüler Kevin B. gefalle vor allem, dass der Druck nicht mehr so gross ist, sagt die Mutter. Jeden Morgen muss der Dreizehnjährige von Jonen in die Stadt Zürich fahren. Der Weg zur Schule dauert 40 Minuten für ihn. Seit er die neue Schule besucht, sei er viel entspannter geworden. «Er geht gerne zur Schule und ist motiviert», sagt C. Der Jugendliche sei schon immer selbstständig gewesen, aber dies habe sich im letzten halben Jahr intensiviert. Der Unterricht ist individuell an die Schüler angepasst, was C. gefällt. «Kinder werden normalerweise gar nicht nach ihrer Meinung gefragt.» Die Mutter wünscht sich für ihren Sohn, dass seine Talente an der Schule gefördert werden und er seine Fähigkeiten kennt. Sie sieht, dass manche Jugendliche die Oberstufe abschliessen und nicht wüssten, was sie in ihrer Zukunft machen wollten. «In dieser Schule lernt man sich selbst kennen. Man spürt, wo die eigenen Stärken liegen», sagt C.

«Man verliert die Perspektive»

«In der normalen Schule geht das Gefühl für die eigenen Talente unter, weil man so viel lernen muss. Man verliert die Perspektive», sagt C. Sie ist überzeugt, dass ihr Sohn die Oberstufe mit einem genauen Ziel vor Augen abschliessen wird. «Das ist eine ganz andere Denkweise. Genau diese Selbstbestimmtheit ist in unserer heutigen Zeit wichtig», sagt C.

Dieses Ziel zeichnet sich schon ab. Denn Kevin B. möchte Architekt werden. «Mit diesem Wissen kann er natürlich schon jetzt den Unterricht so gestalten, dass er dieses Ziel erreicht», sagt C. Für sie als Mutter ist es das Wichtigste, dass ihr Sohn sich an der Schule wohl fühlt, motiviert ist und gute Chancen für die Zukunft hat. Sie glaubt nicht, dass Abgänger der Schule Dandelion später in der Ausbildung oder Arbeitswelt Schwierigkeiten mit dem Leistungsdruck oder den Arbeitsaufträgen haben werden. Natürlich könnten die Schüler jetzt entscheiden, was sie wann lernen wollen, jedoch werden die Abgänger später genau so wie jeder andere versuchen, ihr Ziel zu erreichen. Schulleiterin Joerg überrascht es, wie wenig Vertrauen Erwachsene in Kinder haben: «Jedes Kind ist einzigartig und muss seinen eigenen Weg gehen können. Durch die Selbstbestimmung wird das Wissen erstaunlich leicht aufgenommen. Und wird dadurch leichter verankert.»