Es war am Vormittag, als ein heute 33-jähriges Mitglied der Zeugen Jehovas am 4.September 2010 auf der Waldeggstrasse mit seinem Personenwagen durch Birmensdorf in Richtung Urdorf fuhr; in Begleitung von zwei Glaubensgenossen, die auf dem Beifahrer- sowie Rücksitz Platz genommen hatten.

Rund 170 Meter vor der Ramerstrasse setzte der Lenker trotz einer Kurve mit rund 100 km/h zu einem brandgefährlichen Überholmanöver an. Mit fatalen Folgen. So konnte der Beschuldigte zwar noch einschwenken, verlor aber die Herrschaft über sein Fahrzeug. Dann prallte er in den Personenwagen einer heute 58-jährigen Autolenkerin.

Bluttransfusion verweigert

Die Folgen des Aufpralls waren verheerend. Alle Unfallbeteiligten waren erheblich verletzt, besonders schwer der Beifahrer des Beschuldigten. Er hatte einen Lungeneinfall, einen Leberriss, einen Beckenbruch sowie einen schweren Blutverlust erlitten. Er wurde im Universitätsspital Zürich wenige Stunden nach dem Unfall einer Notoperation unterzogen. Allerdings untersagte der noch ansprechbare Schwerverletzte als Zeuge Jehovas den verantwortlichen Ärzten jegliche Bluttransfusion. Er wurde in ein künstliches Koma versetzt und starb 13 Tage nach dem Unglück an einem Multiorganversagen. Die Mediziner hatten gemäss seiner Order auf eine Bluttransfusion verzichtet.

Gestern musste sich der Unfallverursacher wegen fahrlässiger Tötung und weiterer Verkehrsdelikte vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten. Der Staatsanwalt sah das Fahrverhalten des Beschuldigten als primäre Todesursache an und forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten und in einem Nebenantrag wegen fahrlässig schwerer Körperverletzung eine bedingte Strafe von 15 Monaten.

Der Angeschuldigte zeigte sich reumütig und erklärte, dass er heute noch unter den Folgen des Unfalls leide und regelmässig eine Psychotherapie besuche. Aufgrund seiner Vergehen wurde er von den Zeugen Jehovas trotz 20-jähriger Zugehörigkeit ausgeschlossen und mit einem Kontaktverbot belegt.

Verteidiger Dario Zarro verneinte eine fahrlässige Tötung. Der Tod des Unfallopfers sei nicht wegen der bei der Kollision erlittenen Verletzungen erfolgt. Seine Heilungschancen wären bei einer Bluttransfusion deutlich besser gewesen, sagte er. Allerdings räumte er ein, dass der Entscheid der Familie zu akzeptieren sei.

Weniger Verständnis zeigte der Rechtsanwalt gegenüber den Zeugen Jehovas im Hinblick auf den Ausschluss seines Mandanten. So seien nur Mitglieder genehm, die keine Probleme hätten, sagte er und bezeichnete das Vorgehen der Glaubensgemeinschaft als «grausam». Zarro verlangte eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 80 Franken.

Das Dietiker Gericht folgte der Verteidigung und sprach auch eine mildere Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 80 Franken bedingt sowie 500 Franken Busse aus; bei einer Probezeit von vier Jahren. Damit entlastete das Gremium den Lenker vom Hauptvorwurf der fahrlässigen Tötung. Dem einschlägig vorbestraften Beschuldigten wurde bereits vor dem Prozess der Führerausweis für unbestimmte Zeit entzogen.