Zufrieden mit seiner Leistung schaut der Chirurg seinem Assistenten beim Nähen zu. Die Operation am offenen Herzen ist ausserordentlich gut gelungen, denkt er. Doch dann – ein Blick auf die Ablage, auf der die medizinischen Gerätschaften liegen, genügt, um mit Schrecken zu realisieren, dass eine Klammer fehlt. Ihm ist sofort klar, wo sie liegen geblieben ist. Nein, dieser Fauxpas ist ihm noch nie unterlaufen. Und doch träumt er hin und wieder davon.

Der äusserst routinierte Bergführer blickt nach der gefährlichen Gletscherüberquerung erleichtert auf die Seilschaft zurück, die er ohne grössere Schwierigkeiten zur nächsten Hütte geführt hat. Er zählt kurz durch und merkt, dass ein Mitglied seiner Gruppe fehlt. Nein, dieser Fauxpas ist ihm noch nie unterlaufen. Und doch träumt er hin und wieder davon.

Man muss nicht Chirurg oder Bergführer sein, um des Nachts schweissgebadet zu erwachen. Ich vermute, dass es in allen Berufsgattungen Horrorszenarien gibt, die es unter allen Umständen zu vermeiden gilt. Auch wenn es nicht gleich um Leben und Tod geht, wären die Folgen doch fatal.

Wie Sie vielleicht wissen, habe ich während einiger Jahrzehnte Mittelstufenklassen unterrichtet. Falls Sie nun denken, im Schulalltag gebe es keine Situationen, die, auch wenn sie nie wirklich passiert sind, Albträume auslösen, dann täuschen Sie sich gewaltig. Zum Glück hatte ich während meiner Zeit als Lehrer allerdings nicht genügend Fantasie, um mir die Situation, die ich unter vermischten Meldungen gelesen habe, vorzustellen. Der Dozent einer Fachhochschule sammelt die Abschlussarbeiten seiner zwanzig Studenten ein und nimmt sich vor, diese noch vor den grossen Ferien zu korrigieren. Er macht sich mit der S-Bahn auf den Weg nach Hause. Dort merkt er, dass er sämtliche Prüfungsblätter im Zug liegen gelassen hat. Natürlich setzt er gleich sämtliche Hebel in Bewegung. Doch die Arbeiten bleiben verschwunden. Die SBB teilen mit, «sie seien vermutlich als Altpapier klassifiziert und fachgerecht entsorgt worden».

Ich gebe es zu: Noch heute ereilen mich hin und wieder des Nachts Situationen aus dem Schulalltag, die sich zwar nie zugetragen haben, die sich aber in der Art hätten zutragen können. Doch das Liegenlassen von Prüfungen gehört nicht zu meinem Albtraum-Repertoire. Bis jetzt.

*Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.