Corona-Virus

Von einer Umarmung zur Begrüssung bis zu Social Distancing – wie das Virus unseren Alltag infizierte

Desinfektionsmittel sind Mangelware geworden.

Desinfektionsmittel sind Mangelware geworden.

Vorzugsweise Ellbogen- oder Fussberührungen statt einem Handschlag. Unser Zusammenleben hat sich aufgrund des Virus verändert. Matthias Scharrer schildert diese Veränderungen, zehn Tage nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls hierzulande.

Es begann mit einer Umarmung vorletzten Montagabend. Damals tat man so etwas noch ganz selbstverständlich. Ich traf eine befreundete Musikerin an einem Konzert in Zürich. Damals ging man noch ohne gross darüber nachzudenken an Konzerte. Zur Begrüssung umarmte ich sie also und fragte: «Wie geht’s?» Sie sagte: «Gut, ich hab’ nur so ein leichtes Kratzen im Hals.»

Ein leichtes Kratzen im Hals. Ich zuckte innerlich leicht zusammen. Vom Corona-Virus war schon länger die Rede in den Medien. Doch den Alltag in der Schweiz beherrschte es noch nicht, damals, vor eineinhalb Wochen. Aber es rückte näher. Und es begann, zunächst unsere Gedanken zu infizieren, dann unser Alltagsleben zu verändern. Ich trank ein Bier, spülte das Gedankenzucken weg und genoss das Konzert.

Tags darauf hatte die Schweiz ihren ersten Corona-Fall, im Tessin. Medien berichteten über einen Ansturm auf Apotheken und Grundnahrungsmittel. In einem Dietiker Supermarkt kaufte ich ein Hand-Desinfektionsgel. Es fand seinen Platz auf meinem Büropult, gleich neben dem leeren Desinfektionsspray aus Zeiten der Schweinegrippe. Inzwischen sind Desinfektionsmittel ausverkauft und kaum noch lieferbar, wie mir die Verkäuferin im Supermarkt sagt.

Das Corona-Virus hat bei vielen Menschen in der Schweiz Verunsicherung über die Lebensmittelversorgung auslöst. (Archivbild)

Das Corona-Virus hat bei vielen Menschen in der Schweiz Verunsicherung über die Lebensmittelversorgung auslöst. (Archivbild)

Derweil klagen Leute mit empfindlicher Haut über raue Hände, vom vielen Waschen. Und in der katholischen Kirche Engstringen gibt’s kein Weihwasser mehr, wie eine Kollegin meldet. Auch aufs Abendmahl respektive die Mund-Kommunion ist zu verzichten, wie die Landeskirchen auf ihren Websites schreiben.

Volle Stadien und abgesagte Fussballspiele

Hände waschen, das war der erste Rat, den die Behörden uns gaben. Und nicht gleich zum Arzt gehen, sondern im Zweifel erst mal telefonisch nachfragen. Dann kam das Wochenende und mit ihm das Verbot von Grossveranstaltungen. Selbst die Vereinsfussballspiele meiner Söhne wurden abgesagt. Ein Wochenende ohne Fussball: Was sollten wir tun? Wir gingen Fussball spielen. Der heilige Kunstrasen des FC Wiedikon im Zürcher Heuried, sonst am Wochenende ziemlich ausgebucht, war am Samstagvormittag noch frei. Auf dem Nachhauseweg rief uns ein Juniorentrainer, der gerade im Auto vorbei fuhr, mit gequältem Lächeln zu: «Ihr dürft nicht Fussball spielen!» Tags darauf traf sich die halbe Mannschaft meines ältesten Sohnes im Heuried zum Kicken.

Abends sahen wir die Spiele der Deutschen Bundesliga im Fernsehen: Zigtausende drängten sich in den Stadien, während im Schweizer Fussball nichts mehr ging. Erklärungsbedarf war vorhanden. «Die haben in Deutschland zwei Weltkriege überstanden, da wirkt so ein Virus nicht so bedrohlich», sagte ich. Meine Frau, wie ich mit deutschen Wurzeln, runzelte die Stirn.

Am Sonntag spürte ich ein Kratzen im Hals. Ich schrieb der befreundeten Musikerin eine SMS: «Alles o.k. bei dir? Und warst Du in letzter Zeit in Italien oder so?» Sie entwarnte. Montagmorgen: Wie meistens zum Wochenbeginn sass ich als Reporter im Zürcher Kantonsrat. Hinter mir hüstelten Kantonsräte. Auch ich hüstelte. Irgendwann floh ich auf die Tribüne, um mehr Abstand zu haben. Social Distancing nennt sich das in Corona-Zeiten. In der Ratspause sah ich, wie sich Parlamentarier nicht mehr per Handschlag, sondern mit Ellbogen- oder Fussberührungen begrüssten. Dabei lachten sie.

Die Stunde der Verschwörungstheorien

Ich hätte erwartet, Desinfektionsmittel im Zürcher Rathaus anzutreffen. Die seien bestellt, aber nicht rechtzeitig lieferbar gewesen, hiess es. Im Pausen­gespräch meinte eine Kantons­rätin, hinter dem Corona-Virus müsse mehr stecken, als die ­Behörden sagten. Sonst ergäben die drastischen Massnahmen keinen Sinn. Ich erwiderte, es sei doch rational nachvollziehbar, dass man die Ausbreitung eines Virus einschränken wolle, das sich um ein Mehrfaches schneller als die normale Grippe ­verbreite. Und bemerkte: Jetzt ist auch die Stunde der Verschwörungstheorien. Solche werden auch auf anderen Pausenplätzen herumgeboten. So erzählte mir einer meiner Söhne, ein Schulkollege habe behauptet, das ­Corona-Virus sei eine russische Geheimwaffe. Wir lachten.

Tags darauf war aus meinem Hüsteln ein Husten geworden, dazu lief meine Nase fast ­ununterbrochen. Ich war drauf und dran, das Ärztefon (0800/33'66'55) anzurufen, las aber zuvor noch die aktuellen behördlichen Empfehlungen nach. Nur wer behandlungs­bedürftige Beschwerden habe, solle anrufen, hiess es. Also liess ich es bleiben und päppelte mich zu Hause mit Lindenblüten-Ingwer-Tee und viel Schlaf wieder auf. Inzwischen sind schweizweit rund 100 Corona-­Virus-Infizierte erfasst, wie das Bundesamt für Gesundheit gestern meldete. Und es dürften noch mehr werden. Mit weiteren Veränderungen im alltäglichen Zusammenleben ist zu rechnen.

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