Dialektwörter

«Urche» und «ouschlig»: Warum Remo Albrecht altes Zürichdeutsch spricht

In alten Urkunden und Büchern stösst Remo Albrecht immer wieder auf vergessene Dialektwörter.

In seiner Freizeit beschäftigt sich Remo Albrecht mit veralteten zürichdeutschen Dialektwörtern. Viele davon sind ihm noch aus seiner Kindheit geläufig.

Remo Albrecht erntet jeweils irritierte Blicke, wenn er das Mineralwasser «urche» – also pur – bestellt. Denn das Zürcher Dialektwort ist heutzutage eigentlich aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwunden. «Es ist mir wichtig, dass diese alten Begriffe nicht in Vergessenheit geraten», sagt der 51-Jährige, der als Liegenschaftenverwalter der Gemeinde Oberengstringen tätig ist. Wörter wie «Lobe» (Kuh) und «ouschlig» (wenn Esswaren den Kastengeruch angenommen haben) kennt er noch aus seiner Kindheit.

Albrecht wohnt in Höri bei Bülach. Dort hatten seine Grosseltern mütterlicherseits einen Bauernhof, auf dem auch sein im Jahr 1886 geborener Urgrossvater wohnte. «Als Kind habe ich viel Zeit mit ihm verbracht. Und da er so sonderbare Wörter verwendete, merkte ich mir viele davon.» Deshalb sind ihm unzählige alte Dialektwörter aus der Landwirtschaft geläufig. Auch ermöglichten ihm die Gespräche mit seinem Urgrossvater einen Blick in eine längst vergangene Zeit: «Mein Urgrossvater lief in seiner Lehre jeden Tag von Höri nach Oerlikon und wieder zurück.» Damals unumgänglich, heute unvorstellbar.

Die Familie seiner Mutter wohnt nachweislich schon seit dem 15. Jahrhundert in Höri. «Ich habe viele alte Briefe und Urkunden meiner Vorfahren. Einiges davon wurde in der damaligen Amtssprache verfasst, die viele zürichdeutsche Ausdrücke enthält.» Da die Dokumente in der Sütterlinschrift geschrieben wurden, brachte sich Albrecht das Lesen und Schreiben dieser alten Schrift bei. So erfuhr er viel über die Geschichte seiner Familie. Und so stiess er auf weitere zürichdeutsche Begriffe, die kaum noch jemand kennt.

Albrecht verwendet viele Dialektwörter im Alltag. Denn er findet dieses Wissen sehr wertvoll. Doch möchte er damit keineswegs die heutige Sprache schlechtreden: «Die Sprache ist ein Abdruck der Zeit. Sie ist lebendig. Denn sonst würden wir noch sprechen wie im Mittelalter.»

Schellackplatten mit Mundartaufnahmen

Zusammen mit weiteren Sprachbegeisterten erstellte Albrecht ein Glossar zur 1897 verfassten «Utzinger» Chronik über die Stadt Bülach und deren Geschichte. Im Glossar sind Mundartausdrücke und Fremdwörter erklärt, die in der Chronik vorkommen. Zudem ist er Mitkurator im Ortsmuseum Bülach. Für dieses übersetzte er unter anderem alte Postkarten aus der Umgebung.

Doch nicht nur Dialektwörter faszinieren Albrecht. Er ist auch leidenschaftlicher Sammler alter Schellackplatten. So besitzt er etwa 12 000 Platten und rund 50 Kurbelgrammophone. Neben Jazz und Tanzmusik finden sich auch einige Mundartaufnahmen von der Landesausstellung 1939 aus allen Landesteilen in seiner Sammlung. «Es ist faszinierend, wie anders damals gesprochen wurde. So redet heute niemand mehr.»

Sprache studieren oder oder zu seinem Beruf machen wollte Albrecht nicht. Stattdessen absolvierte er eine Lehre als Tiefbauzeichner und arbeitete dann in einem Immobilienbüro. Seit elf Jahren ist er bei der Gemeinde Oberengstringen angestellt. «Wäre ich noch einmal zwölf Jahre alt, würde ich wahrscheinlich einen Berufsweg in Richtung Sprache oder Archäologie wählen.»

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Autor

Manuel Reisinger

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