Autobahn

Tiefere Höchstgeschwindigkeit: Todesstrecke A4 wird entschärft

Bei einer Frontalkollision auf der A4 starb im Mai 2018 ein Lenker. Es ist nicht der einzige Unfall auf dieser Strecke.

Bei einer Frontalkollision auf der A4 starb im Mai 2018 ein Lenker. Es ist nicht der einzige Unfall auf dieser Strecke.

Das Bundesamt für Strassen senkt nach vielen Unfällen auf der Weinland-Autostrasse die Höchstgeschwindigkeit.

Das Bundesamt für Strassen setzt auf der Autostrasse A4 «aus Verkehrssicherheitsgründen» die Höchstgeschwindigkeit von 100 auf 80 Kilometer pro Stunde herunter. Die Limite wird im Strassenabschnitt ab der Verzweigung Winterthur-Nord (Rosenberg) bis zum Anschluss Kleinandelfingen in beide Richtungen gelten – also dort, wo die Strasse zweispurig geführt ist. Dies geht aus einer Verfügung hervor, die das Bundesamt publiziert hat.

Die neue Verfügung wird nach Ablauf einer 30-tägigen Beschwerdefrist rechtskräftig. Da kleinere bauliche Massnahmen nötig sind, wird die neue Höchstgeschwindigkeit erst in den nächsten Wochen oder Monaten eingeführt.

Die zweispurige Autostrasse mit Höchsttempo 100 und Gegenverkehr, aber ohne trennende Leitplanke zwischen den Fahrbahnen, gilt schon lange als Todesstrecke. «Wir haben auf diesem Abschnitt eine Häufung von Unfällen festgestellt und eine adäquate Massnahme getroffen», sagt Marcel Berger, der zuständige Bereichsleiter beim Bundesamt für Strassen. Gemessen an den Unfallzahlen handle es sich allerdings um keinen ausgewiesenen Unfallschwerpunkt.

Mehrere schwere Unfälle in den letzten Jahren

Polizei und Rettungskräfte mussten in der Vergangenheit immer wieder zu Unfällen auf der A4 ausrücken. Auf dem Abschnitt, der nun entschärft wird, kam es allein in den letzten Jahren zu verschiedenen schweren Unfällen mit mehreren Verkehrsteilnehmern:

Im Mai 2018 kollidieren auf der A4 bei Humlikon mehrere Fahrzeuge heftig. Der 42-jährige Fahrer eines Personenwagens stirbt, fünf weitere Personen erleiden zum Teil schwere Verletzungen.

An der gleichen Stelle nach dem Rastplatz Kreuzstrasse kommt es im November 2017 zum Unfall zwischen zwei Personenwagen und einem Lastwagen. Insgesamt werden fünf Personen verletzt. Zwei junge Mitfahrer müssen von der Feuerwehr aus dem zertrümmerten Auto geborgen werden.

Ein 27-jähriger Autolenker fährt im Oktober 2017 bei Andelfingen gegen ein Verkehrsschild und einen Elektrokasten, ehe sein Wagen zum Stillstand kommt. Eine in gleicher Richtung fahrende 80-jährige Autofahrerin wird davon überrascht und prallt in das stehende Auto. Sie erleidet mittelschwere Verletzungen.

Ein Stück weiter südlich davon fährt ein 64-jähriger Mann im März 2016 in eine im Schritttempo fahrende Autokolonne. In den wuchtigen Auffahrunfall werden vier Autos involviert. Vier Personen ziehen sich Verletzungen zu, darunter ein vierjähriges Mädchen.

Im Juli 2015 kommt es zu einer schweren Frontalkollision auf Höhe Henggart. Eine 45-jährige Autolenkerin gerät auf die Gegenfahrbahn und prallt mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen. Dessen 67-jähriger Lenker stirbt noch auf der Unfallstelle.

317 Frontalkollisionen in zwölf Jahren

Neu ist diese Entwicklung nicht. Zwischen 2003 und 2015 ereigneten sich insgesamt 317 Unfälle mit 23 Frontalkollisionen. Am Neujahrstag 2002 geriet ein Ehepaar unverschuldet in eine Frontalkollision und kam dabei ums Leben. «Ich begrüsse die Temporeduktion aus Sicherheitsgründen», sagt der Andelfinger Gemeindepräsident Hansruedi Jucker zur geplanten Massnahme.

Zwar seien die Fahrbahnen damit noch nicht richtungsgetrennt, aber wenn es zur Kollision komme, dann sei diese wenigstens etwas weniger schlimm. Die damit verbundene etwas längere Fahrtzeit auf der Strecke von Andelfingen nach Winterthur sei «sicherlich vernachlässigbar», sagt Jucker.

Bundesamt will nicht bis zum Ausbau der Strasse warten

Bereits seit längerem steht fest, dass die Strecke ab 2024 auf vier Spuren ausgebaut wird und eine Fahrbahntrennung erhält, was das Unfallrisiko deutlich senken dürfte. Doch offenbar schätzt das Bundesamt für Strassen die Lage als so gefährlich ein, dass es nicht zuwarten will.

Mit der Temporeduktion sollen bis zum Ausbau der A4 «insbesondere schwere Unfälle mit einer Kombination von Massnahmen verhindert werden», heisst es in einem Gutachten. Zusätzlich sind auch neue Bodenmarkierungen und Gefahrensignale geplant, «Staugefahr»-Schilder sollen Auffahrunfällen entgegenwirken.

Gemäss dem Gutachten wurde auch geprüft, ob anstelle der Geschwindigkeitsanpassung eine physische Trennung auf der Strecke installiert werden kann. Für diese Option würde der Platz auf der Strasse aber nur knapp ausreichen, zudem müssten sämtliche Markierungen neu erstellt werden.

«Verkehrspolitisch unsinnig»

Bei der aktuellen Verfügung handelt es sich um keine befristete Massnahme, aber de facto wird sie hinfällig, wenn die A4 erst einmal ausgebaut ist. Denn auf der dannzumalig vierspurigen A4 wird die Tempolimite neu festgelegt.

Stand heute ist die A4 nur im Abschnitt von Winterthur bis Andelfingen zweispurig geführt. Nördlich davon wurde die Strecke Andelfingen–Flurlingen bereits 2010 als sogenannte Miniautobahn mit vier Spuren und Richtungstrennung neu eröffnet. Seither stauen sich die Autos regelmässig im zweispurigen Flaschenhals; zu Stosszeiten ist die Höchstgeschwindigkeit 80 bereits Tatsache. Diese Verengung von vier auf zwei Spuren bezeichnete die damalige Verkehrsministerin Doris Leuthard bereits 2014 als «verkehrspolitisch unsinnig».

Gemäss Signalisationsverordnung kann das Bundesamt für Strassen die Höchstgeschwindigkeit herabsetzen, um besondere Gefahren im Strassenverkehr zu vermeiden oder zu vermindern, um übermässige Umweltbelastung zu reduzieren oder um den Verkehrsablauf zu verbessern. Auf der A4 soll mit Tempo 80 auch der Verkehrsfluss homogener werden.

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