Ständeratswahlen

Tiana Moser: «Ökologisches Verhalten geht auch ohne Verzicht»

Das Bundeshaus im Visier: Tiana Moser will im Ständerat andere Schwerpunkte setzen.

Nach zwölf Jahren im Nationalrat will Tiana Moser von der GLP nun mehr Vielfalt in den Ständerat bringen.

Es ist viel los im Bundeshaus am Ende der Session. Parlamentarier sind auf den Weg zur Nachmittagssitzung, die CVP macht ein Gruppenbild. Tiana Moser führt zum Ausgang, als ihr SP-Nationalrat Matthias Aebischer entgegenkommt. Er zieht einen leeren Kinderwagen hinter sich her. Ob er gerade die gemeinsame Tochter zur Betreuung abgegeben habe, fragt Moser ihren Partner. Ja, den Wagen nehme er nun in den Saal.

Politik, Familie, Wahlkampf: Das bedeute viele Unregelmässigkeiten und brauche die Bereitschaft zum Mittragen von Umfeld und Familie, sagt die GLP-Ständeratskandatin.
Sie haben vier Kinder und werden oft nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefragt.

Die fünf Kinder von Ruedi Noser sind kaum je Thema. Stört Sie das?

Tiana Moser: Ich wehre mich nicht gegen solche Fragen, weise aber freundlich darauf hin, man möge sie doch auch den anderen Kandidaten stellen. Eigentlich beantworte ich die Fragen gerne, denn ich bin eine engagierte Mutter und weiss, was Vereinbarkeit bedeutet. Auch deshalb repräsentiere ich einen grossen Teil der Bevölkerung – meine Generation, die sich dieser Herausforderung annimmt.

Was sollte die Politik beitragen?

Drei Dinge stehen im Vordergrund: Tagesschulen, die es ermöglichen, einem Job nachzugehen, Individualbesteuerung, um den Anreiz abzuschaffen, dass jemand zu Hause bleibt, und eine Elternzeit. Gleichstellung ist nur möglich, wenn man im Moment der Familiengründung das Risiko des Erwerbsausfalls auf beide Eltern verteilt. Die GLP schlägt 14 Wochen für Mütter und 14 Wochen für Väter vor. Das ermöglicht die innerfamiliäre Betreuung eines Kindes für ein gutes halbes Jahr.

Wer soll das bezahlen?

Das ist die falsche Frage. Die Frage wäre: Wie viel Gewinn bringen diese Veränderungen? Wenn Frauen berufstätig bleiben, lösen wir viele Probleme miteinander, etwa den Fachkräftemangel. Wir bilden immer mehr Ärztinnen aus, aber ohne Massnahmen fallen sie als Mütter oft aus dem System. Es geht darum, heute zu investieren und morgen zu profitieren. Um auf die Frage zurück zu kommen: Bezahlt würden die Umstellungen über die Erwerbsersatzordnung.

Tiana Angelina Moser, GLP-Ständeratskandidatin: «Das Klimawandel ist die grösste Herausforderung unserer Generation.»

Tiana Moser, GLP-Ständeratskandidatin: «Der Klimawandel ist die grösste Herausforderung unserer Generation.»

Warum treten Sie gegen die amtierenden Ständeräte Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP) an?

Ich trete nicht gegen jemanden an, sondern für den Ständerat. Ich setze andere Schwerpunkte als die beiden. Neben den wirtschaftspolitischen Fragen, stehe ich für eine konsequente Klima- und Umweltpolitik, eine verlässliche Europapolitik und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für den Kanton wäre es wichtig, eine grössere Vielfalt nach Bern zu schicken, denn Zürich ist mehr als das Alters- und Bevölkerungssegment, das die Bisherigen repräsentieren.

Was würden Sie als Frau anders machen als die zwei Männer?

Ich habe einen anderen Lebensweg. Das prägt die Perspektive auf Fragestellungen.
Welche der derzeit diskutierten Umweltmassnahmen ist für Sie die wichtigste?
Was der Ständerat im CO2-Gesetz beschlossen hat, reicht bei weitem nicht. Die Ziele sind ungenügend. Ein zentrales Instrument sind Lenkungsabgaben, weil das nicht zu einer Mehrbelastung führt. Über Rückerstattungen bleibt bei ökologischem Verhalten für viele mehr Geld übrig.

Wie viel muss ein Flugticket kostet, damit es wehtut?

Es muss nicht wehtun, sondern lenken. Ein Europaflug muss wohl zwischen 300 und 500 Franken kosten. Aber zusätzlich muss man Alternativen schaffen, etwa das Nachtzugnetz ausbauen. Nicht jeder muss innert kürzester Zeit in Hamburg oder London sein.

Wie versuchen Sie, im Alltag umweltbewusst zu leben?

Ich bin mit einem grossen Umweltbewusstsein aufgewachsen. Ich habe kein Auto, esse praktisch kein Fleisch und mache meist Ferien in der Nähe. Aber ich habe auch schon politisch eine Reise mit dem Flugzeug gemacht. Schliesslich bin ich ein Kind der heutigen Zeit – und keine moralisierende Politikerin.

Sie sündigen also auch.

(lacht) Ja, klar. Meine Kinder und ich sind keine Vegetarier. Beim Bräteln gehört für uns eine Wurst dazu. Wir haben viele Möglichkeiten, uns ökologischer zu verhalten, ohne dass es Verzicht bedeuten muss.

Für welche Interessen des Kantons Zürich muss man in Bern als Nächstes kämpfen?

Für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Zürich sind die bilateralen Verträge absolut entscheidend. Sonst verlieren die Spitzenuniversitäten und auch die lebhafte Zürcher Start-up-Szene.

Was ist aus Ihrer Sicht der nächste Schritt beim Rahmenabkommen mit der EU?

Ich bin überzeugt, dass der Rahmenvertrag ein gutes Verhandlungsergebnis ist und wir auch den Lohnschutz sicherstellen können. Die ideologische Haltung der SP verhindert momentan Mehrheiten im Bundesrat. Erst wenn diese Blockade gelöst wird, kann der Vertrag in den demokratischen Prozess gelangen und mit der Bevölkerung diskutiert werden. Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung für den Vertrag gewonnen werden kann, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.

Können Sie die Skepsis gegenüber der EU nachvollziehen?

Es geht um unsere Interessen. Ich wehre mich gegen diese Negativhaltung. Die Beziehungen zur EU sind wichtig für die Schweiz und auch, um den Jungen Perspektiven zu bieten. Nicht nur an Hochschulen, sondern auch, wenn jemand eine innovative Unternehmensidee hat, die einen grösseren Markt braucht. Wir haben mit den bilateralen Verträgen eine massgeschneiderte Lösung. Die Bilateralen sind wie ein Computer. Mit dem Rahmenabkommen legt man den Mechanismus des Updates fest. Es ist sogar ein Souveränitätsgewinn: Heute gibt es oft einen automatischen Nachvollzug. Künftig können wir mitreden und immer auch Nein sagen.

Sie sind für die Erhöhung des Frauenrentenalters. Bis zu welchem Alter sollen wir künftig arbeiten müssen?

Wenn wir die Finanzierung der Altersvorsorge sicherstellen wollen, müssen wir sie reformieren. Es braucht eine schrittweise Erhöhung wohl auf 67, aber auch eine Flexibilisierung. Ich bin überzeugt, die Politik hat mehr Angst vor der Diskussion als die Bevölkerung. Sie ist sich der Notwendigkeit der Veränderung bewusst. Beim Frauenrentenalter geht es um Angleichung. Das ist richtig. Ich verstehe, dass manche das verknüpfen wollen mit Massnahmen zur Lohngleichheit. Aber ich finde, man muss beides parallel machen.

Die GLP steht für Ökonomie und Ökologie. Doch diese ziehen oft in verschiedene Richtungen. Welches Thema überwiegt für Sie im Zweifelsfall?

Die Politik darf nicht kurzfristige Interessen vertreten, sondern muss langfristige Rahmenbedingungen schaffen. Wenn man so denkt, gibt es diesen Widerspruch gar nicht so oft. Sollte es passieren, hat die Ökologie Vorrang, weil es um die langfristige Tragbarkeit unserer Lebensgrundlagen geht.

Würden Sie Marionna Schlatter (Grüne) im zweiten Wahlgang den Vortritt lassen, sollte sie das bessere Resultat erzielen?

Meine Wahlkampfplanung geht bis zum 17. November. Aber es ist klar, es lohnt sich nicht, dass alle in den zweiten Wahlgang gehen. Am 20. Oktober werden ich und meine Partei, wie alle anderen, eine Analyse machen. Eine Aussage wäre jetzt aber verfrüht.

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