Als Beat Bösiger gestern um 7.30 Uhr bei seinem Atelier an der Birmensdorferstrasse in Urdorf eintraf, stutzte er: Auf dem Parkplatz lagen verschiedene helle Teile herum. Als er näherkam, bemerkte er, dass der Sockel neben dem Eingang leer war. Da realisierte der Steinbildhauer: Die Teile auf dem Boden, das waren die Überbleibsel seiner Skulptur «Harfe», die er vor einigen Jahren aus einem Block Carrara-Marmor gehauen hatte.

Vandalen müssen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit «roher Gewalt» die Skulptur umgekippt haben, sagt Bösiger. Zu diesem Schluss sei auch die Kantonspolizei gekommen. Eine andere Erklärung gebe es nicht, sagt Bösiger. Die Harfe ist 300 bis 400 Kilogramm schwer und steht seit mehreren Jahren an der Stelle beim Eingang.

Eine Windböe kann es also nicht gewesen sein; die Skulptur hat schon viele Stürme erlebt. Und auch ein Unfall kann ausgeschlossen werden. Spuren eines Autos etwa, das in den Sockel geprallt wäre, gibt es keine. «Die Skulptur», sagt Bösiger, «wurde mutwillig vom Sockel gestossen und zerstört.»

«Verstehe es einfach nicht»

Im Gespräch, das vier Stunden nach der Entdeckung seiner zerstörten Harfe stattfindet, ist der Steinbildhauer noch immer aufgeregt, er gerät beim Erzählen wiederholt ins Stocken. Dabei zeigt sich der 58-Jährige nicht primär verärgert über den Verlust seines Werks, in welchem die Arbeit von etwa zwei vollen Monaten steckt. Er ist eher ratlos, verwirrt. «Ich verstehe es einfach nicht», sagt Bösiger kopfschüttelnd.

Er hat bei der Kantonspolizei Zürich natürlich eine Strafanzeige eingereicht, wie er sagt. Wer die Skulptur kaputt gemacht hat, ist ihm dabei eigentlich egal. Ihn treibt mehr die Frage um, warum es zu so einem «brachialen Akt» kommt. Und dies aus dem Nichts heraus, offenbar ohne Grund. Letztlich sei die Skulptur aber auch willentlich umgestossen worden, sagt Bösiger.
Denn einfach so beim Vorbeigehen werfe man die Skulptur nicht aus Jux um. «Der Unbekannte oder die Unbekannten müssten über längere Zeit an der Harfe gedrückt, gerückt und geschoben haben, bis sie über den Sockel auf den Parkplatz kippte.»

Der Bildhauer blickt auf die verschieden grossen, hellen Teile, die auf dem Boden liegen. Erneut schüttelt er den Kopf: «Es muss etwas in der Gesellschaft sein, dass einige Leute innerlich derart frustriert sind.» Es werde so viel investiert, dass die Welt äusserlich perfekt erscheine, doch innerlich stimme etwas nicht, sinniert der 58-Jährige.
Die Skulptur hatte einen Wert von über 20 000 Franken. Sie gehört einem langjährigen Kunden von Bösiger.

Als dieser Kunde ein anderes Werk erwarb, überliess er Bösiger die Harfe als Dauerleihgabe. Die finanziellen Folgen sind für den Urdorfer Steinbildhauer damit unklar. Geklärt ist indes schon die Versicherungsfrage; diese komme für den Vandalenakt nicht auf, sagt Bösiger.
Der Verlust schmerzt Bösiger. Nicht sp der finanzielle, sondern vielmehr der künstlerische. «Das war ein Schmuckstück, da steckte viel Arbeit und Herzblut drin.»