Urdorf

«Story»-Pub-Wirtin Sandra Gehrer setzt auf einen singenden Koch

Die Gastgeberin übergibt den Herd ihrem neuen Angestellten Garry Müller. Mit frischem Wind aus der Küche sagt sie dem Coronavirus den Kampf an.

«The Winner Takes It All», singen Abba aus den Lautsprechern. Je näher man dem Bartresen im «Story»-Pub in Urdorf kommt, desto mehr wird das Lied vom Gebrutzel in der Küche dahinter übertönt. Am Herd steht Sandra Gehrers neuer Koch Garry Müller und schwenkt Peperoni-Julienne in der Pfanne für das Mittagsmenu: Poulet-Geschnetzeltes Stroganoff mit Butterreis. Die Wirtin hat ihn frisch eingestellt – mitten in der Coronakrise.

«Ich koche hier seit über 20 Jahren. Meinen Gästen schmeckt mein Essen, doch ich dachte, sie haben mal eine Abwechslung verdient», sagt Gehrer und lacht. Ihr Ziel ist es, mit neuem kulinarischem Wind, mehr Kundschaft am Mittag ins Urdorfer Pub zu locken. «Stammgäste wissen, dass wir jeden Tag zwei verschiedene Mittagsmenus anbieten, aber sonst hat es sich leider noch nicht rumgesprochen.» Das habe vermutlich auch mit dem Namen und der Geschichte des Pubs zu tun. Man assoziiere damit halt kein Speiserestaurant.

Doch das will die gebürtige Brasilianerin nun ändern. Sie will vermehrt aufs Tagesgeschäft setzen. Dies hat auch mit der Lärmklage eines Nachbarn ennet der Weihermattstrasse zu tun. «Er erreichte per Gerichtsurteil, dass ich um 22 Uhr die Terrasse räumen und meine Gäste nach drinnen schicken muss», erzählt Gehrer. Vor allem bei schönem Wetter im Sommer würde ihre Kundschaft gerne abends draussen sitzen. «Doch ich muss nun umdisponieren und schauen, dass viele tagsüber kommen.»

Er kochte indisch in London und libanesisch in Schlieren

Auch aufgrund der Pandemie, wäre Gehrer froh, wenn das Tagesgeschäft besser laufen würde. Das Virus und die damit verbundenen Massnahmen und Einschränkungen haben dem Geschäft der Wirtin zugesetzt. «Mein Umsatz ist um etwa 30 Prozent gesunken. Die Leute haben Angst und kommen weniger.» Garry Müller schiebt den fertigen Butterreis in den Ofen, damit er warm bleibt. Der 54-jährige Koch aus Jonen hat schon in diversen Restaurants, Mensen und Hotels gearbeitet, so etwa im «Dolder Grand» oder im «Sheraton» in Zürich. «Ich war in den letzten zehn Jahren als Störkoch tätig und bin eingesprungen, wo es an Personal fehlte», sagt Müller. In London kochte er drei Jahre lang in einem indischen Restaurant, in der libanesischen Gaststätte Mezze in Schlieren lernte er die orientalische Küche kennen.

Die verschiedenen Koch-Erfahrungen schlagen sich auf der Mittagsmenukarte nieder: Massaman-Curry mit Basmatireis, Ossobuco Milanese, Wiener Back-Hendl oder Ghackets mit Hörnli können die Gäste in dieser Woche im «Story»-Pub essen. «Meine Vielseitigkeit zeigt sich in meinen Gerichten», sagt Müller. Vielseitig unterwegs ist er auch abseits des Herds.

Der gelernte Koch ist nämlich leidenschaftlicher Pianist und Sänger. Er singt im nationalen Männerchor-Projekt Heimweh. Seine Passion brachte ihn 2011 sogar ins Halbfinale der Sendung «Die grössten Schweizer Talente». «DJ Bobo warf mich damals raus», erinnert sich Müller. Ob er singend kochen könne, will Gehrer von ihrem neuen Koch wissen. «Das habe ich früher gemacht, aber jetzt konzentriere ich mich auf das Essen», antwortet er mit einem Grinsen.

Sie verliess ihre alte Heimat wegen der tiefen Löhne

Brasilianische Speisen aus Gehrers alter Heimat gibt es auf der Menukarte nicht. «Ich habe am Anfang ein paar Spezialitäten wie den Bohneneintopf Feijoada zubereitet. Aber meinen Gästen schmeckt diese Art von Küche nicht», sagt Gehrer. Wer ihr Restaurant betritt, kennt sie mit Vornamen. «Nachnamen gibt es bei uns nicht. Wir sind eine Familie.» Die Wirtin hängt sehr an ihrem Pub. «Es ist wie meine erweiterte Stube.» Das Lokal half ihr, über das Heimweh hinwegzukommen. «Ich habe mein brasilianisches Zuhause verloren und hier ein neues bekommen.» 1993 verliess sie ihre Heimatstadt Anapolis in der Nähe der brasilianischen Hauptstadt Brasilia und folgte einer Kollegin, die bereits in der Schweiz lebte. «Ich war auf der Suche nach einem besseren Leben», sagt Gehrer. Die Arbeit im südamerikanischen Land sei so schlecht bezahlt, dass man sich die Wohnungsmiete kaum leisten könne. In der Schweiz war sie als Reinigungskraft und Nanny tätig, bis sie im Gastrogewerbe Fuss fasste. 1999 startete sie als Serviceangestellte im «Story»-Pub. Drei Jahre später übernahm sie das Lokal von ihrem damaligen Chef Koni Seglias. «Für mich war es ideal. Ich kannte bereits die Kundschaft und den Betrieb.» Doch es wartete auch viel Arbeit auf die Urdorferin. «Ich musste mich neu auch um die Administration und den Einkauf kümmern.»

Genug vom Wirten hat Gehrer auch nach fast 20 Jahren nicht. «Mein sechsköpfiges Service-Team und ich lieben es, die Gäste zu verwöhnen. Wir nehmen jeden herzlich auf.» Sie blickt trotz Coronavirus positiv in die Zukunft. «Ich bin froh, dass es keinen zweiten Lockdown gibt. Wenn meine Stammgäste mir weiterhin so treu bleiben, dann überlebe ich diese Krise», ist sie sich sicher. Gehrer hat nicht vor, ihre zweite Stube zu verlassen. «Das ‹Story›-Pub ist ein wichtiger Treffpunkt für die Urdorferinnen und Urdorfer. Den möchte ich ihnen noch so lange wie möglich erhalten.»

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