Von 1976 bis 1989 führte das Kriminalkommissariat III (KK III), also die Staatsschutzabteilung der Stadtpolizei Zürich, unter dem Titel «Schmieren/Kleben» eine Kartei mit Fotos, die hauptsächlich Sprayereien festhalten. Es sind flüchtige Botschaften von den Fassaden Zürichs. Ohne die intensive Sammeltätigkeit, die die Polizei vor allem in den späten 1970er-Jahren und um 1980 an den Tag legte, wären sie längst verschwunden.

Nach dem Fichenskandal und dessen Aufarbeitung auf Stadtzürcher Ebene durch eine parlamentarische Untersuchungskommission landeten die Fotos 1993 im Stadtarchiv. Nun veröffentlichen Philipp Anz, Jules Spinatsch und Viola Zimmermann diese Zeitzeugnisse in Buchform (siehe Box). Es sind Fotos aus bewegten Zeiten. Sie dokumentieren die Angst vor linksextremen Aktivitäten nach dem Vorbild der deutschen RAF jener Jahre, das Aufkommen der Punk-Bewegung, frühe Werke von Harald Naegeli, der damals als «Sprayer von Zürich» noch unerkannt für Schlagzeilen sorgte. Und dann die Parolen der Zürcher Jugendunruhen. «Züri brännt» war eine davon.

Während die Polizei den Fokus auf womöglich subversive Botschaften und die Dokumentation von Sachbeschädigungen legte, hielt sie nebenbei alltägliche Strassenszenen fest, die aus heutiger Sicht nostalgische Gefühle auslösen können: Da sind die Autos der 1970er-Jahre; eine verschmierte Telefonkabine mit abgegriffenen Telefonbüchern; eine Notrufsäule der Polizei.

Eine Art soziales Medium

Letztere Sujets erinnern daran, dass wir heute in einem anderen Kommunikationszeitalter leben. Und das spielt eine Rolle für die Bedeutung, die Sprayereien damals zukam: Sie waren eine Art soziales Medium derer, die ansonsten kaum eine öffentliche Plattform hatten. So wurden etwa Demonstrationsaufrufe der 80er-Bewegung an die Garderobentüren der Badi Tiefenbrunnen gesprayt – oder an die Mauern des Platzspitz-Pavillons. Auch die Arbeitserziehungsanstalt Uitikon, die später in Massnahmenzentrum umbenannt wurde, diente als Unterlage für Sprayer-Botschaften: «Uitikon Knastikon», hiess es da. Oder: «Nicht Arbeit macht frei, sondern Freiheit macht high.» So wird das Betrachten der Fotos zu einer Untergrund-Stadtlektüre aus bewegten Zeiten.

Doch auch die Essays und das Glossar im Anhang zu den Fotos sind lesenswert. Das Vorwort schrieb Richard Wolff – heute Zürcher AL-Stadtrat, damals Bewegter. Anhand des Buch-Titelbilds mit dem zwischen zwei Werbeplakaten gesprayten Spruch «Wo bleibt da noch Platz zum Sprayen?» sinniert er: «Hinter dieser Sprayerei steht die Forderung, dass der öffentliche Raum eigentlich für alle sein müsste, dass es undemokratisch ist, wenn nur diejenigen ihre Botschaften verbreiten dürfen, die das Geld für Plakatwände haben.» Gleichzeitig distanziert er sich als Stadtrat von «Sachbeschädigung und Verunstaltung».

Philipp Anz beleuchtet sodann in seinem Text, wie die Spraydose nach Zürich kam, und verbindet dies mit einem historischen Abriss über Graffiti bis in die Gegenwart. «Heute machen Tags, Fussballclub-Namen und Kleber die grösste Belastung aus», zitiert er Priska Rast von der 1997 gegründeten städtischen Fachstelle für Graffiti. Und hält fest, dass die Stadt mit dem Arbeitslosen-Beschäftigungsprogramm «Schöns Züri» inzwischen eine über 80-köpfige Organisation zur Säuberung ihrer Wände aufgebaut hat.