Zürich

So sucht die Swiss 550 neue Flight Attendants

In der Gruppe zählen Teamwork­ und Kommunikationsfähigkeiten der Bewerber.

In der Gruppe zählen Teamwork­ und Kommunikationsfähigkeiten der Bewerber.

Die Swiss erhält zwei weitere Boeing 777. Dafür braucht es mehr Personal. Derzeit führt die Airline in Kloten wöchentliche Castings durch. Weil es für Bewerber keine Alterslimite nach oben gibt, stehen die Türen auch Quereinsteigern weit offen.

Samstag, 8.15 Uhr, Kloten, Obstgartenstrasse 25. Im ersten Stock öffnet Sabine Stoller die Glastür zu den Büroräumlichkeiten der Swiss. Die Buchbergerin ist als Maître de Cabine für die nationale Airline auf der Strecke unterwegs. An jenem Vormittag aber steht sie als Recruiter im Einsatz und nimmt 28 Damen und Herren in Empfang, die sich um einen Job als Flight Attendant bewerben. Ursprünglich angemeldet hatten sich 32.

Zur gleichen Zeit, 9000 Kilometer entfernt. In Bangkok ist es 13.15 Uhr und Stollers Arbeitskolleginnen sind ebenso mit Begrüssen beschäftigt: Die Passagiere von Flug LX181 besteigen eine Boeing 777-300 ER. Als der Flieger mit der Kennung HB-JNJ im März 2018 an die Swiss ausgeliefert wurde, war man noch davon überzeugt, dass es sich bei der zehnten «Triple Seven» um die vorläufig letzte handeln würde. Inzwischen ist klar: Per Anfang 2020 kommen zwei weitere Maschinen dieses Typs hinzu. Ein Expansionskurs, der mehr Personal bedingt: Allein 2020 wird die Swiss 550 neue Cabin Crew Member anstellen.

Name, Alter, Grösse, Piercing Ja oder Nein: Am grossen Stehtisch an der Obstgartenstrasse füllen die Anwärterinnen einen ersten Zettel aus. Nicht nur Maturandinnen und Lehrabgänger sind da, der Beruf über den Wolken spricht jeweils viele Quereinsteigerinnen an, Elektriker, Lehrerinnen, Kaufmänner, Juristinnen, für einige ist es eine berufliche Neuorientierung, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Gut die Hälfte ist zwischen 18 und 25 Jahre jung, der Rest ist bunt gemischt, bis weit über 40. Es ist still, man lächelt, ist sichtlich angespannt.
Erst nach den Formalitäten und Personalien, dem Check-in, gelangen die Bewerber in einen grösseren Saal. Eine erste Wartezeit, ein erstes Lösen der Anspannung, zumindest im Ansatz. Im Hintergrund plätschert Loungemusik vor sich hin, zwei Beamer projizieren Bewegtbilder einer 777 über einem verschneiten Bergpanorama an die Wand. Am improvisierten Buffettisch mit Mineral und Orangensaft kommt man ein erstes Mal miteinander ins Gespräch. Smalltalk. «Wir kennen zwar das Klischee der ernsten und strengen Rekrutiererinnen, aber nichts liegt uns ferner», sagt Mediensprecher Stefan Vasic. «Wir wollen, dass sich die Kandidaten hier wohlfühlen.» Und doch: Man steht unter Dauerbeobachtung.

«Ich bin wohl doch etwas nervöser, als ich es vermutet hätte», sagt Christina Hoang. Die Glattbruggerin bewirbt sich zum ersten Mal als Flugbegleiterin. Allerdings arbeitet sie derzeit schon am Flughafen, in der Apotheke, «da habe ich auch Berührungspunkte mit einem internationalen Umfeld». In Olten aufgewachsen, habe sie nach der Schule einen Sprachaufenthalt in Japan gemacht. «Da habe ich gemerkt, dass Olten für mich einfach zu klein ist.» Sie ging nach Zürich, arbeitete als Verkäuferin am Hauptbahnhof, später kam sie ins Unterland und an den Flughafen. «Ich habe mir den Anlass heute eigentlich mit weniger Leuten vorgestellt. Jetzt spüre ich das Adrenalin.»

Die Bewerber-Gruppe schrumpft immer mehr

Noch haben Hoang und ihre Kolleginnen drei Casting-Phasen vor sich: Die Gruppensequenzen, die Sprachtests und das persönliche Interview. Jede Phase ist selektiv, will heissen: Jedes Mal schrumpft die Gruppe der Aspiranten. Ein festes Quorum an positiven oder negativen Selektionsentscheiden gibt es aber nicht. «Wir führen laufend Bewerbungsverfahren durch», sagt Stefan Vasic. Es gibt also keine feste Anzahl an Stellen, um die sich die Kandidaten streiten müssten. «Wenn alle die Kriterien erfüllen, dann erhalten auch alle ein Vertragsangebot.» Auch Präferenzen hinsichtlich des Alters, des Geschlechts oder des angestammten Berufes habe man keine.

Bei der Swiss arbeiten rund 4500 Flight Attendants

Heute sind bei der Swiss rund 9000 Personen beschäftigt. Jede zweite davon arbeitet als Flight Attendant. Seit einigen Jahren setzt die Airline für die Personalrekrutierung auf Castings anstelle der althergebrachten Assessments. Der Unterschied: Nach einer einfachen Online-Registrierung soll bei einem persönlichen Kontakt vor Ort abgeklärt werden, wie jemand wirkt, ob er oder sie zur Firma und vor allem auch in die gesuchte Gastgeber-Rolle passt. Nur wer diese wichtigsten Qualitäten mitbringt, soll dann noch die klassischen Bewerbungspapiere wie Zeugnisse, Diplome oder Lebenslauf nachreichen. «Halboffen», nennt das Vasic. Eine Zeit lang habe die Swiss offene Castings durchgeführt, Veranstaltungen also, zu denen Interessenten ohne Anmeldung erscheinen konnten. «Als dann in Genf eines Tages plötzlich unerwartet 400 Leute erschienen, mussten wir das Format etwas anpassen.»

9.20 Uhr, Gruppensequenz. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde diskutiert Christina Hoang mit sieben potenziellen Arbeitskolleginnen Fotografien von Alltagssituationen auf einem Flugzeug. Sie gibt Beurteilungen ab, stellt Fragen, ordnet Stichworte zu – und wird dabei von den Selektionären Yvonne Franchetto und Michael von Allmen observiert. «Das war schon schwierig», sagt sie nach der knappen halben Stunde. «Ich habe versucht, nicht zu viel zu ellbögeln. Natürlich probiert man sich auf so etwas vorzubereiten. Aber man weiss letztlich doch nie, wie die Gruppe und die Gruppendynamik sein werden.»

Wer das Casting nicht besteht, der hat grundsätzlich die Möglichkeit, sich innert eines Jahres noch einmal zu bewerben. «Uns ist bewusst, dass so ein Anlass immer eine Momentaufnahme ist», sagt von Allmen, bevor er sich abermals von einer Handvoll Kandidaten verabschiedet.
LX181 ist in 10,4 Kilometern Höhe mit 900 Stundenkilometern nördlich von Bhopal (Indien) unterwegs. In Kloten ist es kurz nach Mittag. Die elf Bewerberinnen, die nach der Gruppensequenz noch mit von der Partie sind, können sich eine Verschnaufpause gönnen und zu Mittag essen, bevor dann die Eins-zu-eins-Interviews mit einem der Rekrutierer die für heute letzte Etappe darstellen.

Den Bescheid werden die Kandidaten erst ein bis zwei Tage später per E-Mail erhalten. Von den 28, die an jenem Samstag um 8.15 Uhr zum Check-in angetreten sind, erhalten am Ende neun einen positiven Selektionsentscheid. Auch bei Christina Hoang aus Glattbrugg hat es geklappt. Vorerst, denn noch steht der Medical-Check an, der ihre Flugtauglichkeit bescheinigen soll. «Im Nachhinein betrachtet war das Casting ein spannender Tag», sagt sie. «Man fühlt mit den anderen mit und befreundet sich in sehr kurzer Zeit mit neuen Leuten.» Vorausgesetzt, sie nimmt das Vertragsangebot der Swiss an, wird Hoang im Januar mit der Grundausbildung zum Cabin Crew Member beginnen. «Noch steht da nichts schwarz auf weiss», meint sie, «aber ich bin definitiv auf Flugkurs».

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