Sexuelle Belästigungen gehören im Gastgewerbe in den USA zum Alltag. Häufig müssen die Betroffenen dies akzeptieren, weil sie auf die Trinkgelder angewiesen sind. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn von 2,13 respektive 7,25 Dollar pro Stunde machen sie den Hauptbestandteil des Lohnes aus. Wie aber sieht es im Kanton Zürich aus?

Die Winterthurerin Philomena Petri* hat neben ihrem Studium acht Jahre im Service etwas dazuverdient. Sie kennt die Gastroszene also aus hautnaher Erfahrung. Vor allem abends seien häufig anzügliche Bemerkungen gefallen. Auf die gängige Frage «Was wünschen Sie?» sei öfters «Ich weiss nicht, ob du mir meine Wünsche erfüllen kannst» oder expliziter «Gehören zu den Wünschen auch sexuelle Leistungen?», zurückgekommen. Immer wieder sei sie – vermeintlich zufällig – berührt worden und Männer jeden Alters hätten versucht, sie auf ihren Schoss zu ziehen.

Einmal habe ihr ein Sekundarschüler in einem Kaffee an den Hintern gefasst. Sie drohte dem Jüngling postwendend mit einem Hausverbot. «Ich wusste, dass mein Chef und die Besitzer des Kaffees keine sexuelle Belästigung akzeptieren und mich unterstützen. Das war in diesem Moment entscheidend», sagt Petri. Es sei ihr aber bewusst, dass diese Nulltoleranz längst nicht in jedem Betrieb existiere.

Das Trinkgeld spiele auch in der hiesigen Gastroszene mit ihren niedrigen Löhnen eine wichtige Rolle. «Ich glaube aber nicht, dass Servicemitarbeiter aus Angst ums Trinkgeld sexuelle Belästigungen hinnehmen», sagt Petri.

Die Spitze des Eisbergs

Helena Trachsel, die Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich, kann nur bestätigen, was Philomena Petri schildert. Im letzten Jahr habe sie auf der Fachstelle 23 Personen aus der Gastrobranche beraten. In 20 Fällen sei es um übergriffiges Verhalten von Gästen gegangen, in den übrigen um innerbetriebliche Vorfälle. Die Serviceangestellten wollten jeweils wissen, was sie sich gefallen lassen müssen.

Vermutlich handle es sich bei den 23 Anfragen nur um die Spitze des Eisberges. Längst nicht alle Betroffenen würden sich an die Fachstelle wenden. Trachsel sieht auch Gastro Zürich in der Pflicht. Der Verband müsse dafür sorgen, dass die Mitarbeitenden geschult würden.

Für Ernst Bachmann, den Präsidenten von Gastro Zürich, scheint die Sache nicht vordringlich: «Bei uns herrscht Ordnung. Im traditionellen Gastgewerbe ist sexuelle Belästigung kein Thema.» Seit 51 Jahren wirte er in Zürich-Wollishofen, die letzten neun Jahre auf dem «Muggenbühl». In der ganzen Zeit sei es nie zu einem solchen Vorfall gekommen. «Sonst hätten sich meine Leute sofort bei mir gemeldet», sagt Bachmann, der für die SVP im Kantonsrat sitzt. Immerhin räumt der Gastronom ein: «Gehen Sie nachts um 12 in den Kreis 5. Das ist eine ganz andere Welt.»

Ein Problem des Machtgefälles

Weniger rosig als Bachmann sieht es Lorenz Keller, Co-Geschäftsleiter bei der Unia Zürich-Schaffhausen: «Wer bei uns im Gastrogewerbe arbeitet, ist ständig mit Übergriffen konfrontiert.» Das beginne bei vermeintlich harmlosen Bezeichnungen wie «Schätzli», gehe weiter mit zweideutigen Sprüchen und schliesslich mit der Aufforderung, einen doch anzurufen. «Ich würde viel Geld darauf verwetten, dass in Zürich täglich Servicemitarbeiterinnen ungewollt angetatscht werden», sagt Keller. Es sei ein Problem des Machtgefälles zwischen Gast und Servicepersonal.

Keller warnt davor, mit dem Finger auf die USA zu zeigen. Wenngleich das Problem bei uns wohl weniger gravierend sei: Wer im Service arbeite, sei auf das Trinkeld angewiesen. Verdiene eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern beispielsweise 3800 Franken brutto pro Monat, seien die zusätzlichen 800 Franken Trinkgeld wichtig.

Die Familie müsse ohne diesen Betrag zwar nicht tagelang hungern, «es kommt aber auch mal etwas anderes auf den Tisch als M-Budget und man kann sich den Besuch beim Zahnarzt leisten». Sexuelle Übergriffe sind laut Keller nicht allein in der Gastrobranche ein Thema. Betroffen seien auch andere Tieflohnbranchen wie etwa die Pflege.

*Name von der Redaktion geändert