Geroldswil

Zwischen Modelwelt und Wissenschaft: Er entdeckte neue Formen von Männlichkeit

Gregory Ebeling befasste sich monatelang mit der Männlichkeit in Werbungen von Zeitschriften. Nun will der 20-Jährige seine Arbeit als Buch veröffentlichen. Bild: Colin Frei

Gregory Ebeling befasste sich monatelang mit der Männlichkeit in Werbungen von Zeitschriften. Nun will der 20-Jährige seine Arbeit als Buch veröffentlichen. Bild: Colin Frei

Für seine als hervorragend prämierte Arbeit über den Wandel der Männlichkeit in Anzeigenwerbungen wird der 20-jährige Gregory Ebeling heute von Bundespräsident Ueli Maurer persönlich in Bern empfangen.

Gregory Ebeling sitzt an seinem Schreibtisch in seinem Zimmer in Geroldswil und blättert durch Zeitschriften. Gesichter in Anzügen und Sportbekleidung blicken ihm entgegen. Männer oben ohne in Unterhosen, Männer beim Klettern, beim Autofahren, Männer mit Milchschnäuzen.

Insgesamt 250 Werbungen untersuchte der 20-Jährige in den Männer-Magazinen «GQ» und «Men’s Health» zwischen den Jahren 1997 und 2017 in seiner Forschungsarbeit «Männlichkeit im Wandel der letzten 20 Jahre – der Mann in der Anzeigenwerbung unter Göttern, Desperados und Gentlemen». Die harte und monatelange Arbeit hat sich gelohnt.

Ebeling qualifizierte sich neben 91 Jungforscherinnen und -forschern für das Finale des diesjährigen nationalen Wettbewerbs der Stiftung Schweizer Jugend forscht in Rapperswil. Sein Projekt wurde von einem Expertengremium im Mai mit der Höchstnote «hervorragend» ausgezeichnet. Für das 265 Seiten dicke Buch erhielt er einen Sonderpreis, eine viertägige Studienreise an ein Designfestival in London. Zudem wird er heute gemeinsam mit 24 anderen Preisträgerinnen und Preisträgern von Bundespräsident Ueli Maurer im Bundeshaus in Bern empfangen. «Ich freue mich darüber und finde es cool, dass meine Arbeit so gut angekommen ist», sagt Ebeling. Es habe Spass gemacht, sei aber auch sehr anstrengend gewesen. Das Projekt entwickelte sich aus seiner Maturarbeit, die er am Realgymnasium Rämibühl in Zürich unter demselben Titel verfasste. Sie wurde 2018 zur besten Abschlussarbeit an seiner Kantonsschule erkoren und man legte Ebeling nahe, sich für den Wettbewerb der Stiftung Schweizer Jugend forscht anzumelden.

Sich vor dem Studium noch einmal ausleben

Er überarbeitete das geisteswissenschaftliche Projekt, optimierte und baute gewisse Themen aus. Dass er sich so lange mit dieser Thematik auseinandersetzte, obwohl ihn die Naturwissenschaft viel mehr interessiert, hat seinen Grund. «Ich wollte mich, bevor ich mein Studium beginne, noch einmal anderweitig ausleben, mich auf Sprache und Kommunikation fokussieren», sagt Ebeling, der seit Herbst Materialwissenschaften an der ETH Zürich studiert. Zudem hätte eine rein naturwissenschaftliche Arbeit den Rahmen einer Maturarbeit gesprengt, ist er sich sicher. Auch die Gender-Diskussion habe ihn gereizt. Durch seine Arbeit habe er dieser auf einer weniger emotionalen, sondern explorativen Ebene begegnen wollen.

Gregory Ebeling will seine 265 Seiten lange Arbeit nun als Buch herausgeben.

«Männlichkeit im Wandel der letzten 20 Jahre - der Mann in der Anzeigenwerbung unter Göttern, Desperados und Gentlemen»

Gregory Ebeling will seine 265 Seiten lange Arbeit nun als Buch herausgeben. 

Wichtig war Ebeling auch der persönliche Bezug als Verfasser. Seit eineinhalb Jahren modelt der Geroldswiler, ist bei einer Agentur unter Vertrag und stand schon für einige Kunden vor der Kamera. «So konnte ich Persönliches einfliessen lassen. Durch die Erfahrung beim Modeln kenne ich den Ablauf des Produktionsprozesses und die Konstruiertheit des Bildes.» Wissenschaft und Modelgeschäft, die beiden Welten könnten nicht unterschiedlicher sein. Ebeling verbindet sie in seinem Werk.

Ebeling fällt es schwer, die Quintessenz seiner Arbeit zu nennen. «Ich habe beim Verfassen der Arbeit gemerkt, dass ich Probleme damit habe, mich kurzzufassen», sagt er und lacht. Eine Balance zwischen einer differenzierten Beantwortung der Fragestellung und doch pointierten und signifikanten Aussagen und Ergebnissen zu finden, sei anspruchsvoll gewesen.

Körperliche Stärke verliert an Bedeutung

Einige Punkte konnte er in seiner Analyse jedoch festmachen. So entdeckte Ebeling Umbruchsprozesse in der Männlichkeitskonzeption im Zeitverlauf von 1997 und 2017. «Attribute physischer Stärke sowie Sportlichkeit verlieren in der modernen Männlichkeitspräsentation zunehmend an Bedeutung», sagt der Jungforscher. Es würden neben den weiterhin fortbestehenden Männlichkeitsbildern wie dem «muskulösen Krieger», dem «freiheitsliebenden Desperado» oder dem «beruflich erfolgreichen Businessmann» eine Vielzahl weiterer neuartiger Figuren des Mannes in der Werbung auftreten.

Der Mann werde überdies nicht mehr als blosser Kleiderständer dargestellt. Es finde eine Individualisierung statt, die sich in künstlerischer Selbstverwirklichung, Improvisation und Spassorientierung äussere und dem Mann meist die Eigenschaft «cool» attribuiere. Ebeling erkennt zudem eine Entsexualisierung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau in der Werbung. «Die Hierarchie und das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern verschwimmt.»

Das Projekt war eine gute Erfahrung für den Studenten. «Ich konnte mir selbst beweisen, dass ich eine solche Arbeit verfassen kann», sagt Ebeling. Etwas gehadert habe er mit dem Umstand, wie das Gymnasium seine Schülerinnen und Schüler an wissenschaftliche Arbeiten heranführt habe. «Ich habe mich nicht ausreichend vorbereitet gefühlt, etwa wie man die Arbeit strukturiert oder wie man Quellenmaterial beschafft.»

Weglegen wird Ebeling seine erfolgreiche Arbeit nun aber nicht. «Ich habe die Möglichkeit, sie als Buch zu publizieren. Ein Experte, der mich während des Wettbewerbs betreut hat, hat einen Verlag und mich gefragt, ob ich daran interessiert wäre.» Bis Anfang Januar feilt Ebeling daher noch weiter an seiner Arbeit. Der Perfektionist ist noch nicht zufrieden. «Ich will noch mehr Struktur reinbringen und ein historischer Abriss über Männlichkeit fehlt auch noch.»

Autor

Sibylle Egloff

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