Die Gefahr lauert bis zu zwölf Meter tief unter dem Boden und heisst Tetrachlorethen. Von diesem umweltgefährdenden Lösungsmittel sind zwischen 1972 und 1986 rund zwei Tonnen in den Untergrund der Dietiker Widmenhalde an der Poststrasse gelangt. Damals wurde der Stoff auf dem Areal der Luchsinger Handelsgesellschaft AG und später der Madag AG verwendet, um Werkstücke zu entfetten. «Wie genau der Stoff von der Entfettungsanlage in den Boden kam, wissen wir nicht», sagt Jörg Egestorff, stellvertretender Leiter der Sektion Altlasten beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Sicher ist aber, dass der Kanton jetzt handelt.

Er weiss inzwischen, dass sich die Chemikalie im Boden verteilt, immer grossflächiger und näher in Richtung Limmat. Von den total zwei Tonnen Tetrachlorethen fliessen jedes Jahr rund zehn Kilogramm ins Grundwasser, wo es sich verdünnt. Bei Messungen wurden an einer Stelle der Widmenhalde in einem Liter Grundwasser 750 Mikrogramm Tetrachlorethen festgestellt. Das ist weit über dem Grenzwert von 20 Mikrogramm pro Liter. Im weiter entfernten Abströmbereich sind es noch 70 Mikrogramm pro Liter.

1300 Meter bis zum Trinkwasser

Das Grundwasser strömt in Richtung der 1,3 Kilometer entfernten Trinkwasserfassung Langacker, die zwischen den gleichnamigen Tennisplätzen und der Viaduktstrasse liegt. Für Trinkwasser gilt ein Grenzwert von 10 Mikrogramm Tetrachlorethen pro Liter. Dieser wurde laut Awel beim Langacker in der gesamten, über dreissigjährigen Messperiode stets eingehalten.

Bis das Tetrachlorethen bei der Trinkwasserfassung Langacker angelangt ist, ist es also gemäss Grenzwert genug verdünnt. «Dietikerinnen und Dietiker müssen sich keine Sorgen machen, wenn sie den Wasserhahn aufdrehen», versichert Balthasar Thalmann, der Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft und Betriebe beim Awel.

Balthasar Thalmann erklärt, was beim  ehemaligen Madag-Areal das Problem ist

Balthasar Thalmann erklärt, was beim ehemaligen Madag-Areal das Problem ist

Er und Egestorff orientierten am Montagabend in Dietikon die Anwohner und Grundstückeigentümer über den Entscheid des Kantons, die Widmenhalde vom Schadstoff zu befreien, um die Sauberkeit des Langacker-Wassers sicherzustellen. Doch noch steht man am Anfang. Jahrelang wurde nun der Entscheid für die Altlastensanierung vorbereitet. Wie diese vonstattengehen wird, ist völlig offen. Müssen Liegenschaften in der Widmenhalde abgerissen und die Erde weggebuddelt werden? «Derzeit können wir keine Sanierungsmethode favorisieren oder ausschliessen, aber wir können uns nicht vorstellen, dass Häuser abgebrochen werden müssen», so Thalmann. Klar ist aber, dass eine Sanierung nötig ist. «Nur so können wir sicherstellen, dass das Trinkwasser auch in 40 oder 100 Jahren nicht gefährdet ist.»

Grundeigentümer müssen zahlen

Dieses und nächstes Jahr wird das Areal ein weiteres Mal untersucht, bis alle benötigten Detailinformationen vorliegen. Danach werden Fachleute – die nicht vom Awel, sondern von aktuellen und ehemaligen Grundeigentümern beauftragt und finanziert werden – ein Sanierungsprojekt erstellen. In diesem Rahmen werden die Fachleute auch eine Empfehlung abgeben, welche Sanierungsmethoden aus technischer, ökologischer und finanzieller Sicht am besten sind. Dabei müssen die Fachleute auch berücksichtigen, dass das Areal mitten in einem vollständig bebauten Dietiker Wohngebiet liegt. Im Raum Zürich gibt es laut Jörg Egestorff «eine Handvoll Firmen», die solche Sanierungsprojekte umsetzen können.

Jörg Egestorff, stellvertretender Leiter der Sektion Altlasten des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel)

«Wie genau der Stoff von der Entfettungsanlage in den Boden kam, wissen wir nicht.»

Jörg Egestorff, stellvertretender Leiter der Sektion Altlasten des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel)

Obwohl die Grundeigentümer für die Sanierung und deren Finanzierung zuständig sind, hat das Awel das Sagen. «Wir sind die Bewilligungsbehörde», so Thalmann. Kein Schritt darf gemacht werden, ohne dass das Awel sein Okay gibt. Die Sanierung soll voraussichtlich 2019 erfolgen. Der Standort soll auch danach im Zürcher Kataster für belastete Standorte (KbS) verzeichnet bleiben, heisst es im Schreiben, das die Anwohner und Grundeigentümer kürzlich erhielten.

Wie viel die Sanierung kosten wird, ist noch völlig unklar und kommt auf die noch auszuwählende Sanierungsmethode an. Zum jetzigen Zeitpunkt kann Thalmann nur eines sagen: «Günstig wird es kaum.» Welche der über 30 betroffenen Grundeigentümer sich finanziell beteiligen müssen, wird das Awel mittels Verfügung entscheiden, die vor Gericht angefochten werden kann. «Jene, die voraussichtlich zahlen müssen, sind informiert», sagt Thalmann. Gemäss aktuellem Stand wird die Stadt Dietikon nicht kostenpflichtig sein.

Trotz Altlast neu überbaut

Bisher entstanden vor allem bei der Immobilienpartner AG (Ipag) Kosten, bei der es sich um die Nachfolgerin der Luchsinger Handelsgesellschaft AG handelt, der das Areal früher gehörte. Heute ist das Land, auf dem die Entfettungsmaschine stand, gemäss Grundbucheintrag nicht mehr im Eigentum der Ipag, sondern einer St. Galler Anlagestiftung. Landverkäufe oder -teilungen im betroffenen Areal sind nur mit einer Awel-Bewilligung möglich.

Die ehemalige Maschinenfabrik steht heute nicht mehr. 1988 wurde das Land neu überbaut, obwohl bereits 1987 Tetrachlorethen im Grundwasser festgestellt wurde. Doch sah man damals das Ausmass der Verschmutzung noch nicht. Es gab noch keine Vorschriften zum Umgang mit Altlasten. 1999 kam es zu einer Untersuchung durchs Awel, dabei kamen aber nur wenig Chlorkohlenwasserstoffe zum Vorschein. Bei weiteren Untersuchungen, die die Ipag veranlasste, wurde dann die Stelle gefunden, wo das Tetrachlorethen in den Boden gelangte. Dank weiteren Untersuchungen vor Ort und im Grundwasser fiel nun der Entscheid zur Sanierung.

Balthasar Thalmann, Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft und Betriebe beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel)

«Die Sanierung ist dringlich.»

Balthasar Thalmann, Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft und Betriebe beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel)

Für die Limmattaler Zeitung ordnet Thalmann den Schaden ein: «Er ist deutlich, aber nicht der grösste, den wir bearbeiten. Die Sanierung ist dringlich, weil die Trinkwasserfassung Langacker eine der wichtigsten im Kanton ist und Chlorkohlenwasserstoff-Altlasten viel komplexer sind als zum Beispiel ehemalige Mülldeponien.»

In Dietikon müssen nicht zum ersten Mal Chlorkohlenwasserstoffe aus dem Boden entfernt werden. Erinnert sei an das Scheller-Areal, das ab 2006 saniert wurde. Heute steht dort die Trio-Überbauung.

Auch Stadtpräsident Roger Bachmann (SVP) nimmt gegenüber der Limmattaler Zeitung Stellung: «Es ist nie erfreulich, wenn eine Altlast saniert werden muss. Die Gesundheit der Bevölkerung und sauberes Wasser haben für die Stadt aber immer oberste Priorität.»

Roger Bachmann (SVP), Dietiker Stadtpräsident

«Es ist nie erfreulich, wenn eine Altlast saniert werden muss. Die Gesundheit der Bevölkerung und sauberes Wasser haben für die Stadt aber immer oberste Priorität.»

Roger Bachmann (SVP), Dietiker Stadtpräsident

Die Strick-Apparate, die auf dem Madag-Areal früher hergestellt wurden, waren weltbekannt – vor allem jene vom Typ Passap. Die Madag war ein grosser Arbeitgeber und beschäftigte über 200 Personen in Dietikon. Heute gibt es als indirekte Nachfolgerin die Madag Printing Systems in der Fahrweid. Diese stellt Heissprägemaschinen her.