Verkehrskonzept
Zu wenig Geld: In Dietikon fehlt es an Velostreifen

Die Stadt will den Veloverkehr fördern – doch es mangelt an Geld und personellen Ressourcen.

Bettina Hamilton-Irvine und Esther Laurencikova
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Sarah Serafini

Dietikon soll für Velofahrer einladender werden. Zumindest ist die «Steigerung der Attraktivität des Langsamverkehrsnetzes» eine der acht Teilstrategien, die der Stadtrat in seinem Gesamtverkehrskonzept im Februar dieses Jahres verabschiedet hat. Unbestritten ist, dass die Situation für Velofahrer in Dietikon verbesserungswürdig ist. So wird im 129-seitigen Schlussbericht zum Verkehrskonzept darauf hingewiesen, dass im Zentrum Dietikons Netzlücken bestehen, die einerseits ein Sicherheitsrisiko für Velofahrende darstellen, und andererseits die Reisegeschwindigkeit mit dem Velo reduzieren und damit dessen Attraktivität verringern. Im Fazit heisst es: «Die grössten Defizite sind hingegen im Bereich des Langsamverkehrs und der Strassenraumgestaltung zu orten.» Beim Langsamverkehr seien vor allem fehlende Velostreifen und die Direktheit der Linienführung problematisch.

Das Gesamtverkehrskonzept, das die Stadtregierung im Frühling vorgestellt hat, sind denn auch einige Massnahmen vorhanden, die den Veloverkehr betreffen. Jedoch gibt es für deren Umsetzung keinen Zeitplan – und das soll sich auch nicht ändern, wie die Antwort des Stadtrats auf eine Interpellation von Beat Hess, Grünen-Gemeinderat und Präsident von Pro Velo Limmattal, zeigt.

Bewusst auf Zeitplan verzichtet

Hess wollte wissen, wann die Teilstrategie, welche die Förderung des Veloverkehrs beinhaltet, umgesetzt wird. In seiner Antwort verweist der Stadtrat zuerst darauf, dass nicht die Strategie, sondern die von ihr abgeleiteten Massnahmen umgesetzt würden – und zwar zum «jeweils gegebenen Zeitpunkt». Dieser lässt sich jedoch nicht im vornherein bestimmen, denn weil die finanziellen und personellen Ressourcen fehlen, will der Stadtrat die Massnahmen «wenn immer möglich im Rahmen des ordentlichen Strassensanierungsprogramms» oder anderen Vorhaben umsetzen, wie er schreibt. Die meisten Massnahmen seien mit Drittprojekten verknüpft, auf welche die Stadt Dietikon nur wenig Einfluss nehmen könne. Auf die Erstellung eines konkreten Zeitplans sei daher «bewusst verzichtet» worden.

Zudem gibt es auf der Dietiker Stadtverwaltung auch keine Person, die für die Umsetzung der Massnahmen zur Steigerung der Veloförderung verantwortlich ist, wie der Stadtrat in der Interpellationsantwort schreibt. Zuständig sei der jeweilige Werkeigentümer: Handelt es sich um eine Staatsstrasse, so sei die Umsetzung Sache des kantonalen Amts für Verkehr oder des Tiefbauamts, sei die Strasse im Eigentum der Stadt, sei das Stadtplanungsamt in der Verantwortung.

Ein Budget für die Veloförderung in Dietikon gibt es nicht. Die Mittelbeschaffung für einzelne Massnahmen erfolge im Rahmen des ordentlichen Budgetprozesses, hält der Stadtrat fest. In der Finanzplanung für die Jahre 2017 und 2018 sei beispielsweise Geld für Kleinmassnahmen im Bereich Veloverkehr vorgesehen.

Kombiniert mit Limmattalbahn

Auch wenn noch vieles unkonkret bleibt: Stadtpräsident Otto Müller (FDP) betont auf Anfrage, die Förderung des Veloverkehrs sei dem Stadtrat ein wichtiges Anliegen. «Die bestehenden Netzlücken sollen schrittweise geschlossen, der Komfort für die Velofahrenden erhöht und die Sicherheit gesteigert werden.» Im Gesamtverkehrskonzept und im Zusammenhang mit kantonalen Projekten wie der Limmattalbahn oder dem Doppelspurausbau der BD-Bahn seien zahlreiche Massnahmen zugunsten des Veloverkehrs enthalten. Viele davon seien mit der Abstimmung über die Limmattalbahn finanziell gesichert worden und würden ab 2019 umgesetzt, so Müller. Der genaue Zeitplan werde zurzeit vom Kanton erarbeitet.

Laut Müller sind für das nächste Jahr bereits verschiedene Projekte für den Langsamverkehr geplant: eine Querungshilfe für den Veloverkehr an der Bernstrasse/Rüternstrasse, eine Veloquerung der Viaduktstrasse, die Verbesserung der Sicherheit für den Langsamverkehr auf der Viaduktstrasse und die Verbesserung der Sicherheit auf der Heimstrasse. Der Stadtrat will die Projekte in der ersten Hälfte des Jahres 2017 vorstellen. (bhi)

Für Beat Hess, Präsident von «Pro Velo Limmattal», kommen die Anliegen der Velofahrer in Dietikon zu kurz.

Herr Hess, wie steht es um den Veloverkehr in Dietikon?

Beat Hess: Es bestehen zu wenige Anreize für eine ausgeprägte Velokultur. Die Anliegen der Velofahrer kommen in Dietikon etwas zu kurz und könnten mehr gepusht werden.

Wo fehlt es denn?

Ich denke da insbesondere an die Infrastruktur in der Stadt, die für Velofahrer mehr ausgebaut werden könnte. Das Velohaus am Bahnhof beispielsweise ist ideal für Pendler, die den Weg zum Bahnhof mit dem Velo zurücklegen und dann auf den Zug umsteigen. Wenn ich aber für Besorgungen in der Stadt das Velo benütze, fehlt es im Zentrum an vielen Orten an genügend praktischen und geschützten Parkierungsmöglichkeiten. Auch die Sicherheit der Velofahrer sehe ich in Dietikon nicht wirklich gewährleistet. Beispielsweise ist die Bremgartnerstrasse, unter anderem ein Schulweg, für Velofahrer relativ gefährlich.

Der Stadtrat hat sich zur Förderung des Veloverkehrs im Rahmen des Gesamtverkehrskonzepts geäussert, nennt aber weder einen Zeitplan noch konkrete Massnahmen und Mittel für eine Umsetzung. Was sagen Sie dazu?

Die Äusserungen des Stadtrats betreffend der Förderung des Veloverkehrs halte ich für etwas visionslos. In Anbetracht dessen, dass das Gebiet in und um Dietikon eine relativ flache Landschaft aufweist, könnte man für den Veloverkehr mehr machen. Auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit hätte ich mir konkretere Vorschläge gewünscht. Punktuell werden aber Verbesserungen in Angriff genommen.

In welchem Bereich werden diese unternommen?

Vor allem im Rahmen grösserer Bauprojekte wie beispielsweise der Limmattalbahn werden Umgestaltungen der Strassen in Angriff genommen und die Anliegen der Velofahrer berücksichtigt. Der Verein «Pro Velo Limmattal» steht da in einem regen Austausch mit dem Stadtplanungsamt Dietikon.

Welche konkreten Massnahmen würden Sie vorschlagen, um den Velofahrern das Leben einfacher zu machen?

In Bezug auf die fehlenden Abstellplätze im Zentrum der Stadt sollte man die Zusammenarbeit mit den lokalen Geschäften und Restaurants anstreben. Wenn mehr Veloparkplätze vorhanden sind, steigen die Leute eher aufs Velo. In diesem Bereich sehe ich definitiv noch einiges Verbesserungspotenzial. Aber das Schaffen von Anreizen für den Veloverkehr muss nicht auf den Baubereich beschränkt werden. Beispielsweise könnten Schulen mehr Ausflüge und Exkursionen mit dem Velo durchführen. Natürlich nachdem die Kinder und Jugendlichen eine Veloprüfung absolviert haben.

Die Stadt Dietikon ist in einer schwierigen finanziellen Situation. Woher soll das Geld für die Veloförderung kommen?

Die finanzielle Situation der Stadt Dietikon ist mir bewusst. Dennoch halte ich es für richtig, sich um die Bereitstellung von mehr finanziellen Mitteln für den Fuss- und Veloverkehr zu bemühen. Ein Jahresbudget, wie es die Stadt Zürich hat, wäre ein Ziel. Ob man das hinbekommt, weiss ich nicht, aber man muss es probieren. Eine Strategie wäre, via Parteien Anträge für mehr Geld zu stellen. Mit einem Jahresbudget von beispielsweise 100 000 Franken könnte man sehr viel machen.

Seit diesem Mittwoch liegt der Gegenvorschlag zur Veloinitiative vor, welche die Förderung des Zweiradverkehrs in die Verfassung schreiben will. Was halten Sie von diesem?

Der Bundesrat anerkennt mit dem Gegenvorschlag die Wichtigkeit des Verkehrsmittels Velo bezüglich Energiesparen, der Verminderung des Ausstosses von CO2, der Verkehrsentlastung und den Vorteilen für die Gesundheit. Dass der Gegenvorschlag im Gegensatz zur Initiative, die Verpflichtung zu Massnahmen mit einer «Kann»-Formulierung verwendet, scheint mir marginal. Diese Änderung verhilft dem Anliegen dadurch aber hoffentlich zur Annahme. (ela)

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