Urdorf
Wo «gleichmässig» Trumpf ist

In der letzten Woche vor Weihnachten blüht der Handel mit Christbäumen.

Florian Niedermann
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Roberto, Arissa und Tiziana Bosco wurden fündig: Für sie kam als Christbaum nur eine Nordmanntanne infrage.

Roberto, Arissa und Tiziana Bosco wurden fündig: Für sie kam als Christbaum nur eine Nordmanntanne infrage.

Limmattaler Zeitung

Unter dem wolkenverhangenen Himmel wirkt dieser Ort gespenstisch: Unzählige Tannen, eingepackt in weisse Netze, stehen dicht an dicht hinter dem Werkgebäude der Agroservice GmbH in Urdorf. Wie Gruppen von grün gekleideten Gestalten, die ihre Köpfe zusammenstecken, sehen sie aus. Wer sich dieses gruslige Bild ansehen möchte, muss sich beeilen: In etwas mehr als einer Woche werden die Tannen alle verschwunden sein.

Denn auf der Vorderseite des Gebäudes an der Birmensdorferstrasse verkauft Christian Keel, ein Angestellter der Agroservice, den ganzen Tag über Christbäume in allen Formen und Grössen. Hier stehen 200 Stück von ihnen in Reih und Glied, vom Netz befreit und in voller Pracht.

An einem guten Wochenende bringe er in etwa diese Anzahl Bäume weg, sagt Keel: «Dann stehen die Kunden hier Schlange. Und ich brauche ein bis zwei Kollegen zur Verstärkung, um alle Bäume am Stamm zuzuschneiden und verpacken zu können, ohne dass jemand zu lange warten muss.» An diesem Mittwochnachmittag ist es zwar vergleichsweise ruhig – dennoch kommt die Kundschaft regelmässig in Autos angerollt, um sich ein Stück Weihnachten in die eigene Stube zu holen.

Ein Nordmann soll es sein

Zu ihnen gehören auch Tiziana Bosco und ihre Kinder Roberto und Arissa. Ihr sei es wichtig, dass sie den Baum mit ihren Kindern aussuchen und anschliessend schmücken könne, sagt die 36-Jährige. Nachdem die drei einen Moment durch die Baumreihen gezogen sind, zeigen Roberto und seine Mutter fast zeitgleich auf ein sehr dicht bewachsenes Exemplar.

«Der da soll es sein», finden beide. Wichtig sei ihr an einem Christbaum vor allem die Nadelqualität, erklärt Tiziana Bosco: «Und dass er lange hält. Daher nehmen wir immer Nordmanntannen.»
Die Vorliebe für diese Sorte teilt sie mit rund 95 Prozent der Kunden der Agroservice GmbH, wie Keel sagt.

Seine Arbeitgeberin bietet neben Nordmanntannen in drei Qualitäten auch andere Arten wie Weisstannen an. Die Christbäume sind zum grössten Teil auf rund 23 Hektaren Kulturland in Urdorf, Birmensdorf und Uitikon gewachsen, welche die Agroservice selbst bewirtschaftet.

Im Top-Segment – bei jenen Bäumen mit den gleichmässigsten Proportionen des Astaufbaus – kostet ein Exemplar ab anderthalb Metern Höhe 60 Franken. Um diesen Preis zu erzielen, müssen sie regelmässig in Form geschnitten werden. «Bei uns ist ein Mann das ganze Jahr über mit den Weihnachtsbäumen beschäftigt», so Keel.

Und die Pflege zahlt sich aus, wie die Reaktionen der Kunden zeigen. Auch Marianne Köhler achtet in erster Linie darauf, «dass eine Tanne möglichst ausgewogen gewachsen und nicht zu breit ist», wie sie sagt. Nur bei der Höhe ist sie unschlüssig: Üblicherweise ist ihr Mann dafür zuständig, den Christbaum zu besorgen.

Verkäufer Keel weiss Rat: «Die Raumhöhe beträgt im Normalfall etwa zwei Meter vierzig. Ich würde also sicher eine Tanne nehmen, die weniger hoch ist.» Und innert weniger Minuten ist der Wunschbaum gefunden. Keel schneidet den Stamm zu und zieht den Baum durch den Verpackungstrichter mit dem weissen Netz.

Köhler ist zufrieden. Als sie ihre Nordmanntanne im Auto verstaut, wird die Birmensdorferin dann aber plötzlich nachdenklich: «Mir tun die Christbäume immer etwas leid, wenn sie nach Neujahr einfach auf der Strasse landen», sagt sie. Eine andere Lösung komme ihr aber auch nicht in den Sinn, fügt Köhler an und braust los.

Selfservice wird selten genutzt

Eigentlich hätten die Kunden der Agroservice GmbH auch die Möglichkeit, sich ihre Weihnachtstanne auf eine naturverbundenere Art zu besorgen: Hinter dem Freiluftlager auf der Rückseite des Werkgebäudes steht ein kleiner Tannenwald, wo man sich seinen Baum selbst absägen kann.

Dieses Angebot würden vor allem Väter mit ihren Kindern nutzen, sagt Keel: «Aber es sind wenige, vielleicht 30 Kunden pro Jahr.» Auch an diesem Nachmittag verkauft er ausschliesslich bereits gefällte Tannen.

Auffällig ist, dass weder das Christbaumlager noch die aufgestellten Verkaufsexemplare gegen Diebstahl gesichert werden. Darauf angesprochen, sagt Keel, dass sich eine Umzäunung kaum lohnen würde. Pro Jahr kämen an allen 13 Standorten zusammen höchstens fünf Bäume weg. Erstaunt ist er darüber nicht: «Wer will an Weihnachten schon mit einem schlechten Gewissen um den Baum sitzen?»

Die meisten Christbäume stehen bei Katholiken

Die Katholiken hängen mehr an der Tradition des Weihnachtsbaums als die Reformierten. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Markt- und Sozialforschungsinstituts GFS in Zürich. In rund 61 Prozent der Schweizer Haushalte werden derzeit Christbäume frisch gekauft, gemietet oder auch einfach aus dem Keller geholt. Bei der Umfrage mit 1014 Teilnehmenden in der Deutsch- und der Westschweiz vom vergangenen November gaben unter den Katholiken rund 69 Prozent der Befragten an, dass sie einen Christbaum aufstellen werden.

Bei den Reformierten waren es 63 Prozent. Bei Personen, die sich keiner Glaubensgemeinschaft verbunden fühlen, waren es hingegen nur 47 Prozent. Signifikante Unterschiede zeigten sich bei der Umfrage in Bezug auf die Religionszugehörigkeit allerdings nicht.
Das Alter der Befragten spielt offenbar ebenfalls eine Rolle dabei, ob ein Weihnachtsbaum angeschafft wird oder nicht. So erklärten zwei Drittel der 18- bis 39-Jährigen und der 40- bis 64-Jährigen, dass sie einen Christbaum aufstellen werden.

Bei den über 65-Jährigen wollen nur noch rund 44 Prozent zu Hause einen Baum schmücken. Und schliesslich untersuchte das GFS auch die Frage, ob eher frische oder künstliche Bäume gekauft werden. Dabei zeigte sich, dass es offenbar keinen Christbaumgraben gibt: Sowohl die Romands als auch die Deutschschweizer ziehen einen frischen einem künstlichen Baum tendenziell vor. Unterschiede gibt es lediglich in der Ausprägung dieser Tendenz. In der Welschschweiz sprachen sich 58 Prozent für frische Bäume aus, in der Deutschschweiz hingegen ganze 85 Prozent.

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