Schlieren

«Wir haben wohl einen Nerv getroffen»: Lexikonstunde für Zelgli-Schüler

Silvia Meier Jauch will den Kindern auch ausserhalb der Schulstunden etwas bieten. Inzwischen sind drei von vier Erstklässlern und Kindergärtnern in ihren Lexikonstunden. (Fotos von Alex Spichale)

Silvia Meier Jauch will den Kindern auch ausserhalb der Schulstunden etwas bieten. Inzwischen sind drei von vier Erstklässlern und Kindergärtnern in ihren Lexikonstunden. (Fotos von Alex Spichale)

Mit ihrer Lexikonstunde für Zelgli-Schüler trifft Gemeinderätin Silvia Meier Jauch den Nerv der Zeit – zu Besuch bei der etwas anderen Wissensvermittlung.

Der Erstklässler in der vordersten Reihe stemmt den weissen Plastikteller in die Höhe, als ob es ein Pokal für Fussball oder Tennis wäre. Darauf zu sehen ist eine Zitrone, aus der ein lilafarbener Schaum quillt. Hören tut man den unentwegt schreienden Jungen: «Vulkan, Vulkan. Ich habe Vulkan.» Nicht nur aus seiner Sicht handelt es sich um den emotionalen Höhepunkt der sogenannten Lexikonstunde im Schlieremer Schulhaus Zelgli. Die anderen 13 Kinder blicken neidisch von den hinteren Bänken zum immer noch schäumenden Zitronen-Vulkan und wollen ihren eigenen auch bald eruptieren lassen.

Die Lexikonstunde wurde im vergangenen Februar von Silvia Meier Jauch gemeinsam mit der Zelgli-Schulleiterin Eveline Marcarini ins Leben gerufen. Es gehe darum, den Kindern etwas über den regulären Schulunterricht hinaus zu bieten, erklärt Meier Jauch. «Angefangen hat es mit Experimenten, die ich zuhause mit meiner Tochter durchführte. Nach und nach kamen Nachbarskinder hinzu – das Projekt zog immer grössere Kreise», sagt sie, während sie einem der Kinder hilft, die Zitrone auszuhöhlen.

Gestartet wurde mit neun Kindern. Seither hat sich aber herumgesprochen, dass an Mittwochnachmittagen im Zelgli experimentiert und geforscht wird, sodass sich fünf Mal mehr Kinder für den Freizeitkurs anmeldeten. Daher mussten kurzerhand mehr Kurse angeboten werden. Nun gibt es zwei am Mittwoch- und eine dritte Lektion am Montagnachmittag. «Wir haben wohl einen Nerv getroffen», sagt Meier-Jauch. Marcarini fügt hinzu, dass inzwischen drei von vier Erstklässlern und Kindergärtnern eine Stunde von Meier Jauch besuchen. Wird die Lexikon-Stunde bei schönem Wetter im Freien abgehalten, gesellen sich stets Schüler der zweiten bis fünften Klasse hinzu, wie Meier Jauch sagt. «Wir könnten wohl nochmals fünf weitere Kurse füllen», so Marcarini.

Kritisch hinterfragen ist wichtig

Die Themen, welche Meier Jauch in der Lexikongruppe behandelt, werden von ihr ausgewählt. So bastelten die Kleinen bereits eine Sonnenuhr und testeten synthetische Duftstoffe. Sie haben alle einen wissenschaftlich-philosophischen Grundcharakter. «Zu Beginn der Stunde diskutiere ich das Thema jeweils in der Gruppe. Es sollen verschiedene Sichtweisen besprochen werden. Zu sehen, wie Kinder Dinge oft kritisch hinterfragen und zu philosophischen Gedanken fähig sind, freut mich enorm», sagt sie.

Getragen werden die Kosten für Unterrichtsmaterial und Stundenlohn für Meier Jauch vom Kanton. Im Rahmen des Förderprogramms Quims (Qualität in Multikulturellen Schulen) werden solche Projekte zwecks Sprachförderung sowie Förderung des Schulerfolgs unterstützt. Daher ist auch die Unterrichtssprache Hochdeutsch. Es ist nicht das erste Quims-Projekt, das in Schlieren umgesetzt wird. Im vergangenen Sommer etwa verfassten Kleinklässler mithilfe einer Autorin einen Roman, aus welchem sie im Rahmen einer Vernissage vorlasen. Alle sechs Schlieremer Schulhäuser weisen einen Anteil fremdsprachiger Kinder von über 40 Prozent auf und gehören somit zu den aktuell rund 120 Quims-Schulen im Kanton Zürich. Das Schulhaus Zelgli ist seit dem Jahr 2000 Mitglied und gehört damit zu den ersten im ganzen Kanton.

«Was braucht es zum leben?»

War es für Marcarini ein Risiko, Meier Jauch diesen Auftrag zu erteilen, zumal diese über keine pädagogische Ausbildung verfügt? «Keineswegs – es muss nicht immer alles verschult werden», sagt sie. Es sei auch wichtig, dass Themen mit ausserschulischen Augen gesehen werden können. Zudem verfüge Meier Jauch über einen grossen Erfahrungsschatz im Umgang mit Kindern, erhalte von Lehrpersonen Unterstützung und die Qualitätssicherung sei darüber hinaus gewährleistet.

«Welche Dinge brauchen wir zum Leben und welche sind nicht unbedingt notwendig?», fragt Meier Jauch ihre Klasse. Sekundenschnell eilen Kinderhände in die Höhe. «Lebensmittel», sagt eines der Kinder, «Luft» ein anderes. Das dritte wirft ein: «Ohne meinen Hund könnte ich niemals leben.» Nicht nur die Kinder lernen viel. Meier Jauch, die anlässlich der Gesamterneuerungswahlen von Anfang März für die SP ins Gemeindeparlament gewählt wurde, lasse sich ebenfalls jederzeit von den Kleinen zum Nachdenken anregen.

«Das Thema Kinder soll einer der Schwerpunkte meines politischen Engagements werden», sagt sie nach der Lektion. Sie habe sich dazu entschieden, anstatt zu schimpfen, selber aktiv zu werden. Ihr erster Parlamentsbeitrag war eine Frage im Rahmen der Fragestunde an Schulvorsteherin Bea Krebs. Meier Jauch wollte wissen, welche Deutsch-Massnahmen sich für fremdsprachige Kinder schon vor dem Eintritt in den Kindergarten treffen lassen.

Ab kommendem August wird sich einiges ändern. Dann nämlich ist die Lexikon-Stunde offiziell ein Freizeitkurs der Schlieremer Schulen. Das heisst, dass der Kurs nicht nur Zelgli-Schülern vorbehalten ist, sondern alle Schlieremer Schüler teilnehmen können. «Mein Traum ist es, mit den Kindern einen Wissenschaftswettbewerb durchzuführen», sagt Meier Jauch. Wie sich dieser im Detail ausgestalten soll, wisse sie aber noch nicht. Dass Backpulver in einer Zitrone vermengt mit Flüssigseife einen kleinen Vulkan ergibt, dies wissen die Kinder seit der vergangenen Lexikonstunde.

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