«Lasst los, denn tiefer fällt ihr nicht als in die Hände Gottes.» Abt Urban schliesst mit diesen Worten die Eucharistiefeier. Der Vorsteher des Doppelklosters Einsiedeln und Fahr ist einmal pro Woche zu Gast bei den Schwestern im Fahr. So auch Kathrin*, aber sie ist bereits seit Februar hier. Als die Benediktinerinnen in ihren langen Gewändern an ihr vorbeirauschen, verlässt auch sie die Kirche. Allerdings nicht durch das Hauptportal, sondern durch die Tür hinter dem Altar. Sie führt direkt ins Kloster hinein.

Was andere Stellensuchende an einem langen weiten Tag ohne Termine machen? Wer weiss. Die fast fünfzigjährige Kathrin jedenfalls nimmt am monastischen Leben teil. Sie arbeitet bis 10.45 Uhr in der Paramentenwerkstatt, der klösterlichen Schneiderei, und näht Messgewänder oder säumt Altartücher. Dann geht sie mit den Schwestern beten und ins Refektorium essen. Nach kurzer Zimmerstunde arbeitet sie bis 17.30 Uhr weiter, betet und isst wieder, immer in der Stille. Um 20 Uhr geht sie auf ihr einfaches Zimmer – ein Bett, ein Tisch, ein Lavabo. Im Kloster wird es ruhig. Das monastische Leben beginnt am nächsten Tag bereits wieder um 4.50 Uhr. Kathrin muss nicht daran teilnehmen, sie kann.

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Marlis* steht in der Küche. Sie rüstet frisch gepflückte Bohnen aus dem Klostergarten. Dieses Mal bleibt sie nur für ein paar Tage im Fahr. Gleich nach ihrer Pensionierung vor zwei Jahren verbrachte sie ganze zwei Jahre hier. «Damals war es mir wichtig, mich in der Schneiderei zu verwirklichen, etwas Tolles hinzukriegen.» Sie lacht bei der Erinnerung. Scheu sei sie gewesen am ersten Tag, bloss kein Wort zu viel, bereits an der Pforte habe sie sich «durchschaut» gefühlt. «Die Schwestern haben ja diesen Weitblick», meint sie und reisst die Augen weit auf. Jetzt sei ihr das egal. Dies habe wohl mit dieser Demut zu tun, die sie hier im Kloster gelernt habe. «Man nimmt eine Aufgabe an und erledigt sie. Ohne zu murren, ohne zu klagen.» Diese Haltung bewundert sie auch an den Schwestern.

Inzwischen sind die 20 Fahrer Nonnen für Marlis vertraute Gesichter. Ihrer wegen kommt sie immer wieder für ein paar Tage zurück ins Kloster. «Die Nonnen sind nicht mehr die Jüngsten, die meisten bereits über 70 Jahre alt, aber sie erledigen ihre Aufgaben in der Weberei, im Garten, in der Küche und mit dem Bewirten der Gäste so gut, wie es geht. Das macht mir Eindruck. Auch die Stärke ihres Glaubens zu spüren, gibt mir Kraft.» Die Auszeit im Kloster habe auch sie selbst mutiger werden lassen. «Dabei bin ich mit mir zufrieden und muss nirgendwohin flüchten, um mich zu finden.» Kurz nach der Pensionierung sei das Kloster einfach der ideale Ort gewesen, um sich zu fragen: «Was will ich in meinem Leben? Welche Richtung soll es noch nehmen?»

Die Stille sucht Marlis im Kloster nicht, «die habe ich zu Hause». Vielmehr geniesst sie es, mit den Schwestern zu scherzen, wie hier in der Küche, beim Rüsten. Auch schätzt sie den geregelten, strukturierten Tagesablauf, «dessen Wirkung ist nicht zu unterschätzen».

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Im «Torricelli» sitzt nun Petra*. Im Frühstücksraum der Gäste trinkt die junge Frau einen letzten Kaffee, heute packt sie ihre Sachen. Bereits seit Mai ist sie zu Gast im Fahr, jeweils von Donnerstag bis Samstag, um ihre Doktorarbeit voranzutreiben. «Ich konnte mich von der Struktur des Klosters tragen lassen», sagt sie. Zu Hause hingegen sei sie ständig abgelenkt, mit Putzen, Einkaufen, Sachen erledigen. Ihr Handy habe sie aber auch im Kloster nicht ganz zur Seite legen können. «Für meine Freunde wollte ich erreichbar bleiben.» Doch für die Herbstferien plant sie wiederzukommen, dann ohne Handy, um «ganz von der Bildfläche zu verschwinden». Schwester Martina umarmt sie herzlich zum Abschied. Dann schaut sie auf ihr eigenes Handy, das in der schwarzen Kuttentasche surrt. Ein neuer Gast ist eingetroffen, sie muss zur Klosterpforte. Mit forschem Schritt macht sich die grossgewachsene Nonne auf den Weg.

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Unterwegs erzählt Schwester Martina von ihrem Aufwachsen in der Grossfamilie mit zwölf Geschwistern, ihrer Ausbildung in der Krankenpflege und der Bäuerinnenschule. Das war ihr Leben, bevor sie vor 50 Jahren ins Kloster eintrat. Heute kümmert sie sich um die Gäste, liebevoll legt sie jedem Neuankömmling einen Schoggiriegel aufs Kopfkissen. Willkommener könnte man sich als Gast nicht fühlen. Der heilige Benedikt von Nursia hätte seine Freude daran gehabt. Eine seiner Regeln, nach denen die Fahrer Klosterfrauen leben, lautet denn auch, Gäste sollen aufgenommen werden wie Jesus.

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Marie-Louise* steht mit dem Koffer in der Hand an der Pforte. Für drei Tage will sie bleiben, und es ist nicht das erste Mal. Sie war auch schon in anderen Klöstern. «Ich habe vier eigene Kinder und fünf Enkelkinder», meint sie vielsagend, «da brauche ich diese Pausen einfach.» Und bereits beim Eintreten spürt sie es wieder, wie sie sagt: diese wohltuende Ruhe, die Geordnetheit des Klosters.» Nicht alle Begegnungen mit der Aussenwelt seien aber immer so angenehm, erzählt Schwester Martina.

15 Jahre lang bediente sie die Pforte, wo jede und jeder läuten darf. Auch damals, als die offene Drogenszene am Zürcher Platzspitz zerschlagen wurde. «Ich musste vieles für mich und allein verarbeiten», sagt sie. Heute wird der Dienst an der Pforte nur noch im Team erledigt. Und für Randständige gibt es heutzutage auch draussen in der Zivilisation mehr Hilfe. «Aber gerade Drogenmenschen sind besonders kostbare Menschen.» Schwester Martina strahlt bei der Erinnerung an eine «besonders schöne Seele». Sie sei drei Monate im Kloster geblieben, direkt vom Platzspitz, danach fand sie dank der Schwestern eine Arbeit. Drogenfrei.

Ein anderes Mal kam eine 93-Jährige ins Kloster, aus einem ganz anderen Grund: Sie wollte wieder Kontakt zu den Menschen haben. Heute kämen auch viele, die in der Hektik des Alltags die Ruhe suchten. Dank der Offenheit aller Schwestern – auch von Priorin Irene Gassmann – sei eine offene Aufnahme möglich. Sogar ein muslimisches Mädchen war einmal zu Gast. «Religion spielt keine Rolle, wir haben einen Gott, sind eine Menschheit. Schwestern und Brüder», sagt Schwester Martina.

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Im Garten steht Schwester Beatrice in ihrem Reich, hier pflückt sie die reife Rosenmelisse für den Tee. Um sie herum blüht und wächst es. Wer aber übernimmt dereinst ihre Nachfolge? Dieser Gedanke beschäftig alle Nonnen im Kloster Fahr, der letzte Eintritt liegt über 20 Jahre zurück. «Heute hat man alles», gibt Schwester Beatrice zu Bedenken, und mit einer angedeuteten Kopfbewegung über die Mauern des Klosters hinaus sagt sie: «Wer da draussen will schon das alles aufgeben?».

Kathrin hat es sich zumindest überlegt. Nicht erst jetzt in der Krise und ohne Arbeit, nicht mal eine einzige Vorladung zu einem Interview hat es in einem halben Jahr für sie gegeben. Alles, was die fast 50-jährige Frau heute besitzt, hat in zwei Koffern Platz, und die stehen jetzt im Kloster Fahr. «Den Ruf habe ich aber nie gehört.» Sie meint den Ruf Gottes, von dem am Morgen die Rede war, als Schwester Martina mit den Gästen im «Torricelli» sass und von ihrer Schwestern-Werdung erzählte. Das Kloster ist für Kathrin keine Auszeit, sondern eine Zwischenzeit. Sie ist äusserst dankbar dafür, sie könnte sie aber mehr geniessen, wenn sie wüsste, dass sie begrenzt ist.

* Namen der Gäste geändert