Dietikon/Urdorf

Wie Marlis Stähli und Jeanne Pestalozzi die letzte Äbtissin wiederentdeckten

Wie Marlis Stähli und Jeanne Pestalozzi die letzte Äbtissin wiederentdeckten.

Marlis Stähli aus Urdorf und Jeanne Pestalozzi aus Dietikon lüften zusammen das Geheimnis von Katharina von Zimmern. Ihr Buch über die letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters ist quasi das Schlussbouquet des Zürcher Reformationsjubiläums.

Sie war in vielerlei Hinsicht eine aussergewöhnliche Frau, diese Katharina von Zimmern (1478-1547). Gebildet und grossmütig, reformorientiert, eigenwillig. In einem neuen Buch haben vier Frauen die bewegte Lebensgeschichte der letzten Äbtissin des Fraumünsterklosters umfassend aufgearbeitet. Alle vier sind um die 70. «Forschende Grossmütter» seien sie, meint Jeanne Pestalozzi (67) lachend. Mit ihr, einer Dietikerin, und Marlis Stähli (72) aus Urdorf, war auch «das Limmattal an der Wiederentdeckung von Katharina von Zimmern beteiligt», so Pestalozzi. Wir treffen die beiden zum Gespräch in einem Café in der Nähe des Fraumünsters. In den nächsten Tagen erscheint das Buch unter dem Titel «Die Äbtissin, der Söldnerführer und ihre Töchter». Es ist «quasi das Schlussbouquet des Zürcher Reformationsjubiläums», sagt Pestalozzi.

Sie studierte Romanistik, war bis 2011 Kirchenrätin und präsidiert die Stiftung «Brot für alle» sowie den Verein Katharina von Zimmern. Zusammen mit Irene Gysel aus Kilchberg, die 1999 eine Monographie zu Zürichs letzter Äbtissin mitherausgab, hatte sie beschlossen, von Zimmerns bewegtes Leben in Form eines Romans nachzuerzählen. Mit der Historikerin und Erasmus-Kennerin Christine Christ-von Wedel aus Basel war eine Autorin gefunden. Stähli, Germanistin und ehemalige Handschriftenkonservatorin der Zentralbibliothek Zürich, gesellte sich als letzte hinzu.

Entstanden ist schliesslich kein Roman, sondern ein Buch, das der historischen Realität so nah wie möglich kommen möchte. Denn bei der Arbeit im Archiv stiessen die Frauen auf so viele Urkunden, Briefe, Rechnungen, dass sich ihnen eine Welt auftat, die «lebendiger und farbiger war als jede Fiktion», so Pestalozzi. «Es ist unglaublich, wie verlässlich und akribisch Dokumente aufbewahrt wurden. Das gab mir manches Mal eine Gänsehaut.» Und so warf ein Detail Licht aufs nächste, und die historische Gestalt in ihrer Mitte begann immer kräftiger zu leuchten. Das Buch setzt damit auch ein inhaltliches Zeichen für historische Frauenfiguren, zu denen es generell wenig Quellen gibt. Von Katharina von Zimmern sind keine persönlichen Briefe, kein Bild, geschweige denn Handschriften, gefunden worden.

Entzugserscheinungen vor lauter Forschungsfreude

Im Jahr 1524 hatte Katharina von Zimmern aus freien Stücken die Reichsabtei dem Rat übergeben, um der Stadt einen Bürgerkrieg zu ersparen. «Sie vermochte die Zeichen klug zu lesen», so Pestalozzi. Wohl nur wenige Frauen haben sich so selbstbewusst in dieser zerrissenen Zeit der Reformation behauptet wie sie. «Sie hat sich nicht nur treiben lassen, sondern sie wollte selbständig handeln», ergänzt Stähli, und in ihrer Stimme schwingt Bewunderung mit. Stähli für das Projekt zu gewinnen, sei ein Glücksfall gewesen, so Pestalozzi. Von den Schriftstücken, die die Frauen in den Archiven fotografierten, las und transkribierte Stähli weit über hundert Seiten am Schreibtisch zu Hause in Urdorf – eine Riesenarbeit. Während sich Gysel in den Archiven vergrub, durchkämmte Pestalozzi die Archive online und die Stammbäume in den gedruckten Genealogien. Die Frauen tauschten sich über E-Mails aus und belieferten Christ-von Wedel mit neuem Material. «An Tagen, an denen keine E-Mail kam, kriegte ich beinahe Entzugserscheinungen», sagt Pestalozzi und lacht.

Eine bedeutende Entdeckung: In den Flachschnitzfriesen von Katharinas Äbtissinnenstuben findet sich mehrmals die Devise «WW V WW» – bisher ein Rätsel für die Forschung. «Ich bin ziemlich sicher, dass wir herausgefunden haben, was die Devise bedeutet», sagt Pestalozzi. An der morgigen Buchvernissage soll das Geheimnis enthüllt werden. Wohl müsse dann die Literatur zu den Flachschnitzfriesen im Landesmuseum überarbeitet werden, so Pestalozzi mit einem Schmunzeln.

Manche Recherchen unternahmen die Frauen gemeinsam. So streiften sie etwa auf der Suche nach einem bestimmten Grabstein durch die Peterskirche in Heidelberg – das letzte Puzzleteil, um zu erhärten, was bisher bloss eine Vermutung war: Katharina von Zimmern hatte wohl schon zu ihrer Äbtissinnenzeit eine Tochter zur Welt gebracht, welche ihrerseits die Mutter des in Heidelberg beerdigten Sebastian Uriel Appenzell war. Die vier Frauen sind sich «zu 90 Prozent sicher», dass diese Frau mit Namen Regula Schwarz die voreheliche Tochter der Äbtissin war. «Ob Eberhard von Reischach bereits der Vater war, bleibt offen, ist aber nicht unwahrscheinlich», sagt Pestalozzi.

Diesen Eberhard von Reischach, ein umtriebiger Söldnerführer, heiratete Katharina von Zimmern aus eigener Wahl nämlich kurz nach der Abteiübergabe. Im Alter von fast fünfzig Jahren gebar sie ihm noch zwei Kinder. Eberhard von Reischach ist gut dokumentiert. Erhalten ist etwa seine handschriftliche Liste von 13 900 Reisläufern, die er mobilisieren konnte oder eine Notiz, die die Geschenke seiner Getreuen anlässlich seines Aufenthalts in Baden 1518 aufführt. Demnach spendierte Apotheker Hans zwei Schachteln Zuckererbsen. Damals eine wertvolle Süssigkeit. «Zuckererbsen: Dieses Wort konnte ich fast nicht entziffern», erinnert sich Stähli und lacht. Ab 1500, in der frühen Neuzeit, wurde die Schrift nämlich individueller – eine Herausforderung, so Stähli. Die Fantasie half hier oft weiter. «Wenn man vor den Dokumenten sitzt, oft stundenlang, hilft es, sich in die Menschen von damals einzufühlen, die Richtung, in die der Text geht, zu erahnen. Und das lenkt einen wieder auf die nächste Spur.»

Fragen über Fragen am Neumarkt 13

Nach dem Tod ihres Ehemanns im Zweiten Kappeler Krieg 1531 an der Seite Zwinglis machte Katharina von Zimmern vom Zürcher Bürgerrecht Gebrauch, das sie sich, wohl in weiser Voraussicht, bei der Übergabe der Abtei ausbedungen hatte. Als Witwe verfügte sie unbevogtet über ihr Vermögen und trat selbstbewusst für ihr Erbe ein. Sie wurde zur «Familienunternehmerin», verheiratete ihre Tochter, erwarb das Haus zum Bracken und tauschte es gegen das Haus zum Mohrenkopf, heute Neumarkt 13, ein, wo sie mit ihrer wachsenden Enkelschar Wohnung bezog. «Wenn ich davor stehe, frage ich mich immer: Wie viele Menschen haben hier wohl gewohnt? Wo war der Garten, wie hat es damals in der Stadt gerochen?», sagt Pestalozzi. Auch später, als sie durch den Kreuzgang des Fraumünsters schlendern, wandern die Gedanken in die Vergangenheit. Viele Fragen, die so aufkamen, musste das Buch offen lassen. Doch Stähli meint mit einem Lächeln: «Offene Fragen darzulegen, ist mir lieber, als zu sagen: Das ist einfach unsere Meinung.» Ausserdem macht das auch einen Teil der Strahlkraft von Zürichs letzter Äbtissin aus: Dass sich das Geheimnis um ihre Person wohl nie ganz lüften lässt.

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