Willi Helbling weiss, was es heisst, ein Kleinunternehmen zu führen. Der Uitiker wuchs in einer Familie auf, die zu Hause eine Schneiderei betrieb. Dabei habe es sich nicht nur um ein kleines, sondern ein «Kleinstunternehmen» gehandelt, sagt er. Damals schon begann er, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was eine Firma braucht, um zu überleben.

Später hatte Helbling seine eigene Firma, die in der Unternehmensberatung tätig war. Eine «Micky-Maus-Firma» mit drei Mitarbeitenden sei das gewesen, erzählt der 54-Jährige und lacht. Weil er damals vor allem KMU beriet, lernte er dabei viel über deren Sorgen, Bedürfnisse und Möglichkeiten. Die Firma beanspruchte ihn stark. Deshalb zögerte er zuerst auch, als er vor drei Jahren angefragt wurde, ob er die frei werdende CEO-Stelle für eine Stiftung übernehmen wolle, die in der Entwicklungshilfe tätig ist. «Ich war selbstständig und nicht auf der Suche nach etwas Neuem», sagt er. Trotzdem besprach er es mit seinem Geschäftspartner, der fand, die Aufgabe wäre wie gemacht für ihn.

Später übernehmen die Kinder

Der Partner liess ihn gehen, Helbling sagte zu und ist nun seit zwei Jahren CEO der Stiftung BPN, was für Business Professionals Network steht. Die in Bern ansässige Stiftung, die es seit 19 Jahren gibt, betreibe «Unternehmensberatung mit einem karitativen Hintergrund», sagt er. «Wir versuchen, aus Handwerkern Kleinunternehmen zu machen.» Das Ziel sei, aus bereits bestehenden Strukturen etwas zu entwickeln, damit die Firmen danach auch wirklich geschäftstauglich seien. Dafür bietet die Stiftung Coachings an, Ausbildungen, hilft mit Krediten und im besten Fall steht am Schluss ein Unternehmerverein da, der sich dann selber organisiert.

Das sei zwar Entwicklungshilfe, aber letztlich gehe es darum, den Geschäftsinhabern zu helfen, damit sie sich eines Tages selbst helfen können, sagt Helbling. Doch der Zeithorizont ist langfristig: «Man kann nicht nach zwei Jahren einfach wieder gehen», sagt er. Die meisten Firmen werden über viele Jahre begleitet. So gibt es mittlerweile schon erste von BPN unterstützte Unternehmen, die nun an die Nachkommen der Firmengründer übergeben werden.

Aktuell ist die Stiftung in fünf Ländern tätig: Rwanda, Kirgistan, Nicaragua, Mongolei und Georgien. Man habe gerade diese Länder ausgewählt, weil man dort Kontakte über die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) des Bundes erhalten habe, sagt Helbling. In Zukunft sollen noch weitere Länder dazukommen: «Wir sind auf Expansionskurs», sagt Helbling. So soll in den nächsten drei Jahren sicher noch ein weiteres Land dazukommen. Dabei sei aber Qualität wichtiger als Quantität.

Unterstützt hat die Stiftung, die in der Schweiz fünf und weltweit gut 60 Mitarbeitende beschäftigt, bereits mehr als 1000 Unternehmen mit insgesamt rund 20 000 Mitarbeitenden. Das bedeute, dass von den Firmen wohl alles in allem etwa 100 000 Familienmitglieder profitierten, sagt Helbling.

Aber nicht jede der Firmen floriert. Helbling rechnet damit, dass etwa 20 Prozent der Unternehmen top Leistungen erbringen, während etwa 20 Prozent als Flop zu verbuchen sind. Darunter fallen unter anderem Betrugsfälle oder Konkurse. Die restlichen 60 Prozent bewegen sich irgendwo dazwischen.

BPN selber finanziert sich vollständig über Spenden. Etwas mehr als 90 Prozent davon fliessen direkt ins Projekt, während die Kosten für Administration von drei verschiedenen Stiftungen sowie einer Privatperson getragen werden.

Der schönste Lohn für die Arbeit

Wer sich finanziell engagieren will, kann dies entweder mit einer einmaligen Spende tun – oder gleich für 250 Franken im Monat eine vier Jahre lang dauernde Unternehmenspatenschaft übernehmen. Auf der BPN-Website kann man selber auswählen, wen man unterstützen möchte: Da wäre zum Beispiel die 28-jährige Oyut-Erdene in der Mongolei, die zu Hause Ledertaschen näht und einen Online-Shop, einen eigenen Verkaufsladen und einen grösseren Vertrieb über Warenhäuser aufbauen will. Oder die 39-jährige Ana Maria aus Nicaragua, die aus natürlichen Zutaten Kerzen, Cremes und Deodorants herstellt. In Zukunft möchte sie auch Produkte für die Haare produzieren und die Rohmaterialen dafür am liebsten gleich selber anbauen.

Wenn es Kleinunternehmerinnen wie Oyut-Erdene oder Ana Maria dereinst geschafft haben, ihr Geschäft auszubauen, Personal anzustellen und sich und ihre Familie zu unterstützen, dann ist das für Helbling der schönste Lohn seiner Arbeit. Er sei heute mit seiner Aufgabe so glücklich wie noch nie, sagt er: «Was wir machen, gibt mir eine extrem tiefe Befriedigung im Arbeitsalltag», sagt er. Denn dass man in der Schweiz in eine solch privilegierte Situation hineingeboren worden sei, dafür könne man nichts, sagt er. Aber man könne sich entscheiden, etwas zurückzugeben.

Dass er dies beruflich machen könne, sei erfüllend – und gleichzeitig lerne ihn seine Arbeit sehr viel. «Ich dachte immer, ich sei kulturell offen», sagt er. «Aber wenn man in diesen Ländern unterwegs ist, realisiert man, wie wenig man eigentlich weiss.»
Gelernt habe er aber auch, dass der Mensch, so kulturell verschieden er auch sein möge, im Kern doch überall gleich sei, ähnliche Sorgen, Ängste und Hoffnungen habe: «Letztlich ist ein Mensch überall auf der Welt ein Mensch.»