Wahlen 2019

Warum die SVP Köppel verheizt hat

Roger Köppel hat beim ersten Wahlgang 107'528 Stimmen erreicht.

Roger Köppel hat beim ersten Wahlgang 107'528 Stimmen erreicht.

Analyse zum Zürcher Ständeratswahlkampf

Hans Hofmann scheint einer aussterbenden Art anzugehören: Er war von 1998 bis 2007 Zürcher SVP-Ständerat. Seit er freiwillig von der Politbühne abtrat, scheiterten alle Versuche der grössten Zürcher Partei, wieder einen Sitz im Stöckli zu erringen. Ueli Maurer schaffte die Wahl ebenso wenig wie Christoph Blocher und Hans-Ueli Vogt. Auch Roger Köppel, der als bestgewählter Nationalrat diesmal ins Rennen ging, erreichte die Ziellinie am Sonntag nur als Drittplatzierter. Sein Abstand auf Ruedi Noser (FDP) ist mit 34 000 Stimmen beträchtlich. Die Frage, wie er ihn verringern könnte, liess Köppel bislang unbeantwortet.

Während Noser noch am Wahlabend seine Kampagne mit einem «Jetzt erst recht» auf den zweiten Wahlgang am 17. November ausrichtete, blieb Köppel auffällig zurückhaltend. Zur Frage, ob er wieder antreten wolle, nahm er auch gestern nicht Stellung. Der Vorstand der kantonalen SVP will seinen Vorschlag dazu am Donnerstagabend bekannt geben. Definitiv entscheiden die SVP-Delegierten am 29. Oktober.

Das wahrscheinlichste, zumindest wohl das vernünftigste Szenario ist, dass Köppel nicht mehr antritt. Denn sonst könnte er wider Willen der Grünen Marionna Schlatter zur Wahl in den Ständerat verhelfen. Ausgerechnet Köppel, der seinen Wahlkampf als Kontrapunkt zur angeblichen Klima-Hysterie inszenierte.

Schlatter dürfte nach dem Rückzug von Tiana Moser (GLP) die Stimmen aus dem ökologischen und linken Spektrum weitgehend auf sich vereinen. Zu den SP- und Grüne-Stimmen, die sie schon im ersten Wahlgang erhielt, kommen nun voraussichtlich noch vermehrt Stimmen von GLP- und EVP-Wählern hinzu.

Setzt Köppel seinen Wahlkampf fort, würde er hingegen die Stimmen aus dem bürgerlichen Lager spalten. Sein eigenes Wählerpotenzial hat er ohnehin schon weitgehend ausgeschöpft. Es reicht kaum über die SVP-Wählerschaft hinaus.

Favorit Noser hingegen könnte zusätzliche bürgerliche Stimmen gut brauchen, um seinen Vorsprung von 46 000 Stimmen auf Schlatter aus dem ersten Wahlgang abzusichern. Misslänge ihm dies, würde Zürichs Standesstimme erstmals rot-grün: Neben dem schon im ersten Wahlgang gewählten SP-Ständerat Daniel Jositsch käme wohl die Grüne Schlatter ins Stöckli. Sie lag zwar im ersten Wahlgang gut 12 000 Stimmen hinter Köppel, hat aber nach Mosers Rückzug viel Potenzial.

Dass der SVP-Kandidat seine Mission tendenziell als bereits erfüllt ansieht, lässt sich aus Aussagen ablesen, die er noch am Wahlabend machte: «Im Kanton Zürich war vor allem wichtig, dass wir einen nochmaligen Absturz verhindern konnten, wie er bei den Kantonsratswahlen passiert ist», sagte Köppel. Und: «Ich habe Gegensteuer gegeben gegen eine Zürcher Ständeratsvertretung, die einseitig Mitte-links positioniert ist.» Mit anderen Worten: Es ging ihm primär darum, die SVP-Wählerschaft zu mobilisieren, damit der SVP nicht zu viele Nationalratssitze verloren gehen. Dass Köppel wohl kaum einen Ständeratssitz erringen würde, war ohnehin von vornherein zu erwarten. Dafür ist er zu sehr auf Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden fokussiert, zu wenig konsensorientiert.

Die Zürcher SVP hat Köppel somit als Wahlkampflokomotive verheizt. Sie wärmt sich nun daran, dass ihre Verluste geringer waren als befürchtet. Parteipatriarch Christoph Blocher nannte dies am Wahlabend auf «Tele Blocher» den «Köppel-Effekt». Und fügte an, im Ständerat sei «Mittelmässigkeit» vertreten. Tags darauf schwächte er seine Aussage ab, wohl auch mit Rücksicht auf SVP-Ständeräte und -Kandidaten in anderen Kantonen: «Ständeräte müssen eingemittete Politiker sein», sagte Blocher nun dem «Tages-Anzeiger». Und: «Eingemittet» sei nicht negativ gemeint.

Eingemittet war auch Hans Hofmann, der bislang letzte Zürcher SVP-Ständerat: ein aus Regierungserfahrung kompromissbereiter, über die Parteigrenzen hinweg geschätzter Politiker. Es gibt solche Leute auch heute noch in der Zürcher SVP: Regierungsrat Ernst Stocker wäre das bekannteste Beispiel. Allerdings ist er im Wahlkampfkomitee von FDP-Ständerat Noser. Doch wer weiss, vielleicht zaubert die SVP am Donnerstag ja noch einen wie Stocker aus dem Hut für den zweiten Ständeratswahlgang. Allzu erfolgversprechend wäre auch dies jedoch nicht. Denn selbst dann könnte Schlatter die lachende Dritte sein.

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