Urdorf

Warum die Feuerwehr eine Eiche hat und jedes Jahr deren Höhe misst

Der Feuerwehrverein hat zum 30. Mal seine Eiche gemessen, zusammen mit den Kollegen aus Gossau, die auch eine Eiche haben

Was haben die Feuerwehrvereine von Urdorf und Gossau gemeinsam? Eine Eiche. Beide Eichen werden jedes Jahr gemessen. Jene in Urdorf schon zum 30. Mal. Feuerwehren, die eine Eiche haben, sie hegen, plfegen und jährlich mit einem Fest würdigen: Das gibt es nicht häufig. Oder gar nie. Aber vor allem stellt sich die Frage, warum die Feuerwehren diese Eichen überhaupt haben.

Das erklärt Paul Müller. Der Jäger und pensionierte Schreiner war zwölf Jahre Urdorfer Feuerwehrkommandant. Er war dabei, als die Eiche vor 30 Jahren beim Parkplatz Reppischtal gepflanzt wurde. «Die Geschichte mit den Eichen begann 1986, als sich die Urdorfer Feuerwehr für den Feuerwehrmarsch in Gossau anmeldete», sagt er. «Als wir dort ankamen, waren wir nur zwei Gruppen. Wir und die Gossauer.» Müller schmunzelt, er erinnert sich gut an den komischen Moment. «Wir bekamen einen Pokal, da wir die am weitesten angereiste Gruppe waren. Wir tranken und assen viel.»

Nach dem Marsch zeigten die Gossauer Feuerwehrleute den Urdorfern etwas Spezielles: «Ihre Feuerwehreiche.» Diese hatten die Gossauer gepflanzt, als sie vor 40 Jahren ihr neues Depot einweihten. Die Gossauer erzählten den Urdorfern, dass sie die Eiche bei einem jährlichen Festakt messen. Und luden sie zur nächsten Eichmesse ein.

Für die Ewigkeit gepflanzt

Ab da besuchten die Urdorfer die Gossauer Eichmesse. 1988 bekamen sie ihre eigene: «Zur Einweihung unseres neuen Tanklöschfahrzeugs schenkten uns die Gossauer einen Gutschein für eine Eiche. Wir pflanzten sie dann im November ein», sagt Müller. Gemeinsam mit den Wurzeln des Baums, der aus einem Gossauer Waldstück kommt, versenkten die befreundeten Feuerwehren auch eine Zeitkapsel im Boden. Darin Unterlagen der Feuerwehr, ein Schnaps und eine Ausgabe der Limmattaler Zeitung. Ein Zeitpunkt, wann die Kapsel ausgegraben werden soll, wurde nicht beschlossen: «Ich hoffe, die Eiche, und damit auch die Kapsel, werden ewig erhalten bleiben», sagt Müller.

So kamen also die Urdorfer zu ihrer Feuerwehreiche. Seit nun 30 Jahren versammeln sich die Feuerwehren Urdorf und Gossau jährlich bei ihren Eichen und vermessen sie. Exakt, mit Drehleiter, Meterband und Wasserwaage. «Damit nicht geschummelt wird», sagt Müller. Doch Schummeln ist nicht nötig bei der Urdorfer Eiche. Vor 30 Jahren noch ein schmales Bäumchen, mit einem Stammdurchmesser von 7,5 Zentimetern und einer Höhe von circa 6 Metern, ist sie jetzt ein stattlicher Baum mit voller Blätterkrone – kein Wunder, bei so viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. So wurde sie jeweils geschmückt und in trockenen Sommern wie 2018 wird sie bewässert.

Der Einsatz lohnt sich, wie sich am Samstag zeigte. Mit der vom Urdorfer Ronny Trefzer gesteuerten Automatischen Drehleiter (ADL) namens Zeusli ging es in die Höhe, um das Meterband vom höchsten Punkt der Eiche herunterzulassen und unten die Höhe abzulesen. Um 38 Zentimeter ist die Urdorfer Feuerwehreiche seit der letzten Messung am 4. November 2017 gewachsen. 12,32 Meter beträgt nun ihre Gesamthöhe. Der Umfang – er wird einen Meter über dem Boden gemessen – beträgt 1,2 Meter.

Nach der Messung wird traditionell mit Weisswein angestossen: Einen Schluck in die Kehle, den anderen wirft man der Eiche zu – als Stärkung. Der Gossauer alt Kommandant Paul Jörger kennt das sehr gut: Er ist seit 1988 jedes Jahr dabei.

Zum Jubiläum ein Eichenbänkli

Seine Kollegen vom Feuerwehrverein Gossau haben den Urdorfern zum 30. Jubiläum eine Überraschung mitgebracht: ein Gutschein für ein Eichenbänkli. Die Urdorfer revanchierten sich mit einer Flasche Armagnac; 40 Jahre alt, wie die Gossauer Eiche. Danach ging es in die Besenbeiz des Bauernhofs Grob nebenan.

Viele Erinnerungen sind mit der schönen Tradition verbunden. Beim zehnten Geburtstag der Gossauer Eiche organisierten Paul Müller und seine Kollegen einen Helikopter, landeten neben der Eiche und sprangen mit einer Kettensäge heraus: «Wir drohten, den Baum abzusägen – haben es aber natürlich nicht getan.»

Die Gossauer Eiche ist gefährdet

Doch nun ist die Gossauer Eiche tatsächlich in Gefahr: Sie steht der geplanten Fortsetzung der Oberlandautobahn im Weg. Aber die Gossauer Feuerwehr gibt ihre Eiche so schnell nicht auf: «Wir hoffen, dass dort ein ‹Rastplatz Eiche› gebaut wird. Dann kann sie stehen bleiben», sagt Andrea Kunz, Präsidentin des Feuerwehrvereins Gossau.

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