Urdorf
Schüler und Spitalangestellte packen mit an: Beatrice und Charly Rätz erhalten endlich Unterstützung beim Fötzeln

Die Limmattaler des Jahres 2016 haben nun eine Fötzelbande. Sie wollen eine Interessengemeinschaft gründen, damit noch mehr Personen bei den Putz-Touren durchs Dorf mitmachen.

Sibylle Egloff
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Fany Mäder (links) und Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso sind die neuen Helferinnen von Charly und Beatrice Rätz.

Fany Mäder (links) und Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso sind die neuen Helferinnen von Charly und Beatrice Rätz.

Severin Bigler

«Da glänzt etwas auf der Wiese», sagt Beatrice Rätz und steuert mit der Greifzange auf den Rasen zu. Eine Plastikverpackung wandert im Nu in den Abfalleimer auf ihrem violetten Wägeli. Mit ihrem Mann Charly ist die 79-Jährige in Urdorf unterwegs, um Güsel aufzulesen. Seit 2015 engagiert sich das Ehepaar freiwillig für eine saubere Gemeinde und sammelt zwei Mal pro Woche Abfall ein. Ende 2016 wurden die beiden dafür von den Leserinnen und Lesern der «Limmattaler Zeitung» zu den Limmattalern des Jahres gewählt. Im Februar 2019 überraschte Röbi Koller sie in der SRF-Sendung «Happy Day» mit zwei professionellen Wägeli.

Mit diesen sind die Senioren seither auf ihren Putz-Touren in Urdorf anzutreffen. Alleine sind die beiden an diesem sonnigen Vormittag aber nicht. Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso und ihre Kollegin Fany Mäder leisten ihnen Gesellschaft. Die Frauen sind mit Leuchtwesten, Greifzangen und zwei Abfallsäcken ausgerüstet. «Das sind unsere neuen Helferinnen», sagt Beatrice Rätz begeistert und ihr Mann fügt zwinkernd an: «Ich bin jetzt der Hahn im Korb.»

Nach fast sechs Jahren Einsatz erfüllt sich der Wunsch des Urdorfer Ehepaars. Sie erhalten Hilfe beim Fötzeln. «Es ist genial. Ich habe vor Freude Luftsprünge gemacht», sagt Beatrice Rätz. Fünf Jahre lang hätten sie vergeblich versucht, andere für die Arbeit zu begeistern. «Wir haben ja sogar bei Röbi Koller, als wir letztes Mal bei ihm zu Gast in der Sendung waren, einen Aufruf gestartet.»

Haben beim Zusehen Lust aufs Fötzeln bekommen: Fany Mäder (links) und Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso. Beide arbeiten für das Spital Limmattal auf der Intensivstation und betreuen Coronapatienten. Der Ausgleich an der frischen Luft ist für die Urdorferinnen eine Bereicherung.

Haben beim Zusehen Lust aufs Fötzeln bekommen: Fany Mäder (links) und Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso. Beide arbeiten für das Spital Limmattal auf der Intensivstation und betreuen Coronapatienten. Der Ausgleich an der frischen Luft ist für die Urdorferinnen eine Bereicherung.

Severin Bigler

Von dem hat Ann-Katrin Tostes Salin Cardoso jedoch nichts mitgekriegt. «Ich kannte die beiden nicht. Sie fielen mir auf, als ich auf den Bus beim Zentrum Spitzacker wartete. Als ich ihnen so zuschaute, bekam ich auch Lust aufs Fötzeln», sagt die 39-Jährige und lacht. Die Pflegefachkraft für Intensivpflege sprach das Ehepaar Anfang Jahr an und gehört nun bereits seit einigen Wochen zur «Urdorfer Fötzelbande», wie sie Beatrice Rätz nennt. Auf einer Tour begegnete ihr ihre Arbeitskollegin Fany Mäder. Auch sie war auf Anhieb Feuer und Flamme. «Die Idee, sich so für seine Wohngemeinde einzusetzen, finde ich toll. Mir gefällt Urdorf und es ist mir wichtig, dass das Dorf sauber bleibt», sagt die 40-jährige Pflegeassistentin. Zudem sei sie so mehr im Dorf unterwegs und könne wie etwa heute das schöne Wetter geniessen.

Für sie ist es eine sinnvolle Beschäftigung vor der Haustüre

Der ökologische Aspekt liegt ihrer Kollegin am Herzen. «Es gibt viele Umweltschutzprojekte, doch nur wenige beginnen vor der eigenen Haustüre», findet Tostes Salin Cardoso. Das Fötzeln sei eine sinnvolle Aufgabe und die Leute im Dorf würden sich sehr dankbar zeigen. Für die Arbeitskolleginnen, die im Spital Limmattal tätig sind, stellt der Einsatz zudem eine Abwechslung zum Berufsalltag dar. Beide kümmern sich auf der Intensivstation unter anderem um Coronapatientinnen und -patienten. «Es ist ein guter Ausgleich für uns. Gerade in der Pandemie, in der man die sozialen Kontakte minimieren muss, kommt man wenigstens so zu einem Schwatz im Dorf», sagt Mäder.

Ihre Kollegin studiert derzeit Medizinpädagogik und besucht Weiterbildungskurse – alles online. «Es gibt daher nur wenige Tage, an denen ich mich draussen bewegen kann und mich nicht komplett von der Aussenwelt abgeschnitten fühle. Das Fötzeln ist eine tolle Beschäftigung, um den Kopf frei zu bekommen», sagt Tostes Salin Cardoso. Überdies helfe die Beschäftigung bei der Integration in der Gemeinde. «Es gibt so viele liebe Leute in Urdorf. Auf den Putz-Touren lernt man sie kennen.»

Die beiden sind aber nicht die einzigen, die dem Ehepaar Rätz unter die Arme greifen. Auch vier Urdorfer Schüler haben sich seit ein paar Wochen dem Kampf gegen Littering verschrieben. «Eine der Mütter der Kinder kam auf mich zu und fragte, ob sie mithelfen dürfen», erinnert sich Beatrice Rätz. «Die vier Jungs sind Gold wert, sie legen sich richtig ins Zeug und liefern uns nach jedem Einsatz mindestens zwei volle Abfallsäcke ab.»

Unterstützt wird das Ehepaar Rätz auch von Silvan Schaffner (von links nach rechts), Livio Sendor, Nando Sendor und Marco Schaffner. Die Zehn- und Elfjährigen sind begeisterte Abfallsammler und kennen sich mit Littering bestens aus.

Unterstützt wird das Ehepaar Rätz auch von Silvan Schaffner (von links nach rechts), Livio Sendor, Nando Sendor und Marco Schaffner. Die Zehn- und Elfjährigen sind begeisterte Abfallsammler und kennen sich mit Littering bestens aus.

zvg

Die Rätzens sind den Brüdern Silvan und Marco Schaffner sowie Nando und Livio Sendor sehr dankbar für ihre Hilfe. «Ihr Engagement zeigt, dass ein sauberes Urdorf nicht nur uns Älteren ein Anliegen ist», sagt Charly Rätz. Es sei unglaublich, wie viel Wissen und Interesse die Zehn- und Elfjährigen im Zusammenhang mit Littering, Umweltverschmutzung und Abfall mitbringen würden. «In der Schule haben sie bereits Projekte und Vorträge zum Thema durchgeführt.» Die Mühe ihrer neuen Helferinnen und Helfer soll belohnt werden. Das Ehepaar besorgt nun Putzwägeli, Greifzangen und Abfallsäcke, damit alle so gut ausgerüstet sind wie sie.

Wenn noch mehr Leute mitmachen, müssen die Limmattaler des Jahres 2016 nur noch einmal pro Woche auf Putz-Tour gehen. «Wir könnten uns dann die Routen aufteilen. Ich habe bereits neun verschiedene zusammengestellt», sagt Beatrice Rätz. Und Röbi Koller will sie auch bald die freudige Nachricht überbringen. «Es wird ihn sicher freuen, dass wir nun Unterstützung haben.»

Sie denken nicht ans Aufhören

Auch wenn der Nachwuchs nun gesichert ist, denken die beiden noch lange nicht ans Aufhören. «Nein, das würde uns nie in den Sinn kommen. Solange wir am Morgen aufstehen können, solange machen wir auch weiter», versichert Charly Rätz, und seine Frau nickt. Die Aufgabe würde die beiden fit halten. «Wir haben etwas zu tun. Das gibt uns Kraft», ist sich der 82-Jährige sicher. Zudem sei ihre Arbeit dringend nötig.

«Die Abfallverschmutzung hat in der Pandemie stark zugenommen», sagt Beatrice Rätz. Sie zeigt auf zwei gebrauchte Masken, die in einer Hecke hängen. «Das ist eine Sauerei. Unsere Buben haben gestern sage und schreibe 20 Masken in zwei Strassen aufgelesen.» Zigarettenstummel, Getränkedosen und Plastikverpackungen würden ebenso achtlos aus dem Fenster geschmissen. «Charly steigt manchmal mit den Gummistiefeln ins Schäflibachbett entlang der Birmensdorferstrasse. So viel Abfall sammelt sich dort an», erzählt Beatrice Rätz.

Die Fötzel-Touren halten sie fit. Beatrice und Charly Rätz wollen weitermachen. Ihre Arbeit ist wichtig, denn das Littering hat seit der Pandemie zugenommen. Vor allem Masken und Getränkedosen werden achtlos weggeworfen, sagen die Limmattaler des Jahres 2016.

Die Fötzel-Touren halten sie fit. Beatrice und Charly Rätz wollen weitermachen. Ihre Arbeit ist wichtig, denn das Littering hat seit der Pandemie zugenommen. Vor allem Masken und Getränkedosen werden achtlos weggeworfen, sagen die Limmattaler des Jahres 2016.

Severin Bigler

Sie hat vor, eine Interessengemeinschaft zu gründen, um die Fötzel-Einsätze besser koordinieren und aufteilen zu können. «Vielleicht taufe ich sie Fötzelbande oder IG Fötzele, das weiss ich noch nicht», sagt die Seniorin. Ziel wäre, dass sie die Treffpunkte und die Sammeldaten jeweils auf der Website der Gemeinde Urdorf aufschalten können und so noch mehr Leute erreichen. Mit noch mehr Unterstützern hätte das Ehepaar etwas mehr Zeit, um sich anderen Freizeitaktivitäten zu widmen. Beatrice Rätz schwebt nämlich bereits ein neues Projekt vor Augen. «Mein Traum ist es, nächstes Jahr einen Wohnwagen zu kaufen, mit dem wir durch die Schweiz reisen können. Ohne Wägeli geht bei mir halt nichts.»

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